Seit 2008 positioniert sich das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) mit dem sogenannten Research Promotion Programme als ein international orientiertes Institute for Advanced Study. Was beinhaltet diese Veränderung?

Hans-Jörg Heusser: Seit letztem Jahr besteht das Institut aus zwei Teilen. Den einen Teil bildet das Basisinstitut, das die bisherige Tätigkeit in den Bereichen Forschung und Dokumentation fortführt. Neu hinzugekommen ist das Research Promotion Programme, ein Scholarship-Programm für Professoren und Doktoranden mit derzeit drei Forschungsprojekten - so- genannten Focus Projects - zum Kunstbetrieb, zur Kunstgeschichte und zur Kunsttechnologie. Mit einer neuen Corporate Identity und mit dem neuem Logo SIK-ISEA wurde die Entwicklung zum Institute for Advanced Study unterstrichen.

Und was streben Sie mit dem Research Promotion Programme an?

Heusser: Dieses Programm ist auf Vernetzung mit den Universitäten und Internationalisierung des SIK - ISEA ausgerichtet. So befasst sich das Focus Project Kunstbetrieb mit der historisch-systematischen Aufarbeitung der Biennale Venedig. Das Focus Project Kunstgeschichte besteht aus mehreren Teilprojekten: Die Erarbeitung eines vierbändigen Werkkatalogs zu Ferdinand Hodler, eine Untersuchung über den Kunstbetrieb um 1900 und ein weiteres Teilprojekt über die Ausbildung von Schweizer Künstlern und Künstlerinnen im Ausland vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Das Projekt Kunsttechnologie wird zurzeit noch aufgegleist; es befasst sich mit Maltechnik in der Kunst um 1900.

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Waren diese Neuerungen notwendig? Das SIK gilt doch seit seiner Gründung im Jahr 1951 als kunsthistorisches und kunsttechnologisches Kompetenzzentrum für das Kunstschaffen in der Schweiz?

Heusser: Aus der Marketing-Optik lag die Notwendigkeit für eine Erneuerung auf der Hand: Unser Institut ist in drei Märkten tätig, im Wissenschaftsmarkt, im Dienstleistungsmarkt und im Fundraisingmarkt. Mit dem Aufkommen der Fachhochschulen sind wir in den letzten Jahren zunehmend unter Konkurrenzdruck geraten. Eine solche Entwicklung kann man nur kontern, indem man sich «bewegt». Da wir uns aber nur in der Wissenschaft «bewegen» können, wurde es notwendig, in den Bereichen Forschung, Lehre und Dokumentation zuzulegen. Statt mit den Hochschulen in Konkurrenz zu treten, holen wir sie nun mit dem Research Promotion Programme sozusagen ins Haus.

Wie funktioniert das?

Heusser: Als Institute for Advanced Study arbeiten wir vermehrt mit in- und ausländischen Universitäten zusammen. Deren Professoren verpflichten wir als Leiter unserer Focus Projects. Und es zeigt sich, dass dieses Modell hervorragend funktioniert. Auch entstehen daraus neue Fundraisingimpulse, denn die blosse Behauptung, dass die Marke SIK seit 20 Jahren gut ist, öffnet keine neuen Geldquellen. Wenn man aber sagen kann: «Wir haben in der Forschung die Nase vorn und erforschen ein neues Gebiet mit einem prominenten Wissenschaftler», dann ist das Interesse da.

«ISEA» steht für Institut suisse pour l?etude de l?art und ist heute Teil des neuen Logos. Wie präsentiert sich diese Institution in der Westschweiz?

Heusser: Man kann keine nationale Institution sein, ohne mit den anderen Landesteilen zusammenzuarbeiten. Seit 1988 besteht zwischen dem SIK und der Universität Lausanne ein Joint Venture, die Antenne romande. Angesiedelt auf dem Campus von Dorigny, hat die Antenne das SIK intensiv vernetzen können mit den weiteren Universitäten und Museen der Romandie. So sind auch bedeutende Werkkataloge entstanden, zum Beispiel über Felix Valotton, Louis Soutter oder James Pradier.

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Das SIK befasst sich nebst Forschung auch mit der Kunstdokumentation wie der Erstellung von Dossiers zu Kunstschaffenden und Institutionen oder mit schriftlichen Nachlässen. Wie gehen Sie mit diesen Nachlässen um?

Heusser: Wir sammeln keine Kunst, das überlassen wir den Museen. Wir sammeln aber Schriften und Dokumente zur Kunstgeschichte der Schweiz. Das SIK-ISEA betrachtet es als seine Aufgabe, dafür besorgt zu sein, dass nichts Wichtiges für die Forschung verloren geht. Wir sind aber keine Bibliomanen, die versuchen, die Archive von berühmten Persönlichkeiten wie Max Bill oder Richard Paul Lohse an sich zu reissen. Uns genügt es, wenn diese von Privaten archivierten Dokumente erhalten bleiben und der Forschung zur Verfügung stehen.

Seit zwei Jahren ist das SIK unter www.sikart.ch auch im Internet mit einem Online-Lexikon zur Kunst in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein präsent. Haben Sie bereits Rückmeldungen, wie dieser Schritt bei den Nutzern ankommt?

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Heusser: Unglaublich gut! Im Durchschnitt besuchen 600 Personen pro Tag unsere Site. Für das SIKART-Lexikon und für die Datenbank ist eine permanente Redaktion ständig um die Verbesserung der Datenbank bemüht. Für unsere Online-Publikationen haben wir eine strikte Richtlinie: Sie müssen genauso gründlich redigiert sein wie unsere Printpublikationen. Wir stellen keinen unredigierten Schrott ins Netz. Es wird ja je länger, je wichtiger, dass Benützer von Internet-Datenbanken darauf vertrauen können, dass die gelieferten Informationen korrekt sind.

Ist diese Dienstleistung kostenpflichtig?

Heusser: Nein, für alle Basisdaten gilt Open Access. Wir arbeiten aber an einer Palette von qualifizierten Dienstleistungen. Diese werden kostenpflichtig sein.

Das Institut bietet auch Expertisen, Schätzungen und Beratungen an. Gelangen zum Beispiel Sammler, Unternehmen oder Museen mit konkreten Anfragen an Sie?

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Heusser: Ja, das ist der Fall. Unsere Dienstleistungen sind Spin-offs unserer wissenschaftlichen Tätigkeit: Jemand, der Werkkataloge herausgibt und sich anmasst zu sagen, was ein echter Hodler ist und was ein falscher, kommt nicht darum herum, auch Expertisen zu machen. Wir machen aber nur Expertisen in Bereichen, wo wir auch wirklich kompetent sind, und das ist Kunst in der Schweiz.

Sie selbst waren immer wieder als Berater für Stiftungen und bedeutende Wirtschaftsunternehmen tätig. So haben Sie unter anderem die ZKB bei Konzeption und Aufbau ihrer Firmensammlung beraten. Wie schätzen Sie die Bedeutung solcher Sammlungen ein?

Heusser: Sehr hoch! Firmensammlungen sind ein wesentlicher Beitrag zu einer kultivierten Arbeitswelt.

Interessant ist, dass die derzeitige Krise auch an Firmensammlungen nicht spurlos vorbeigeht ?

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Heusser: Die Krise ist sicher ein Prüfstein für die Kultur eines Unternehmens. Wenn die Firmensammlung als «nice to have» begriffen wird, dann hat sie im strategischen Konzept der Firma keinen fest verankerten Platz. Das kann auch gelten, wenn sie als Branding-Instrument verstanden wird. Doch gerade in Krisenzeiten müsste man Branding grossschreiben. Dass der Erhalt des Unternehmens aber vor dem Erhalt der Sammlung geht, ist sogar einem Kunsthistoriker klar!

Seit wann ist das SIK im Bereich Konservierung und Restaurierungen aktiv?

Heusser: Das SIK wurde 1951 gegründet unter dem Eindruck der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Weil es sich die Aufgabe stellte, das schweizerische Kulturgut zu inventarisieren, wurde ab 1954 auch die Kunsttechnologie integriert. Dabei ging es zuerst einmal um Beiträge zur Echtheitsabklärung.

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Hat sich die Nachfrage nach den Dienstleistungen des SIK-ISEA aufgrund der derzeitigen Wirtschaftskrise verändert?

Heusser: Wenn, dann nur im Positiven. Wir haben in diesem Jahr sehr viele Aufträge; von einem Rückgang ist bisher nichts zu spüren.

Das SIK-ISEA ist eine gemeinnützige Stiftung und wird vom Bund, dem Kanton sowie der Stadt Zürich und weiteren öffentlich-rechtlichen Körperschaften mit rund 3,75 Mio Fr. unter-stützt. Wie kommen Sie zu weiteren Geldern?

Heusser: Durch Einnahmen aus den Dienstleistungen, durch Fundraising für unsere Projekte und durch Spenden konnte das Institut in den letzten Jahren immer rund 50% oder mehr des Ausgabenbudgets selbst abdecken. Das ist Weltrekord, denn kein anderes kunsthistorisches Institut ist imstande, sich so zu finanzieren. Die meisten werden sowieso vom Staat finanziert. Unser Budget 2010 wird sich infolge Mehraufwendungen für das Research Promotion Programme auf über 9 Mio Fr. erhöhen, aber so wie es aussieht, werden wir die Mehrausgaben vollumfänglich privat finanzieren können.

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Welche Vision habe Sie für die Zukunft des SIK-ISEA?

Heusser: Ich wünsche mir, dass wir auf dem so erfolgreich eingeschlagenen Weg zum Institute for Advanced Study weitergehen können. Es gilt, die begonnenen Focus Projects erfolgreich zu beenden, um danach neue aufzugleisen, und die Vernetzung und Interna- tionalisierung voranzutreiben, denn die bisherigen Erfahrungen sind restlos positiv.