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Intersport: Schuss in den Rücken

Intersport-Filiale: Der Schweizer Marktführer sorgte mit dem Discount-Konzept für Aufregung.

Der Sport-Grosshändler plant, seine Billigläden Budget Sport nach nur gerade 18 Monaten schon wieder zu schliessen – ein programmiertes Scheitern.

Von Benita Vogel
am 22.08.2012

Die Verkäuferin weiss von nichts. «Wenn Budget Sport schliesst, habe ich ein Problem», sagt sie. Die junge Frau sitzt vor der Filiale in Emmenbrücke LU. Neben ihr durchwühlen Kunden eine Holzkiste mit Reebok-Turnschuhen für 34 Franken. Alles ist zum halben Preis zu kaufen – Badeschuhe für 5 Franken, eine Columbia-Outdoor-Hose für 17 Franken. «Die Sommerware muss raus», sagt sie. Ob sie je Winterartikel verkaufen wird, ist ungewiss.

Budget-Sport-Besitzerin Intersport Schweiz leitete bereits das Entlassungsverfahren für alle Mitarbeiter ein. Mitte August informierte Chef Urs Müller, man erwäge, die drei Standorte Biel, Emmenbrücke und Winterthur zu schliessen. Seither läuft das Konsultationsverfahren, wie das Unternehmen bestätigt. Für Intersport-Händler und Firmenkenner ist jetzt schon klar: Das Billigformat ist am Ende. Zu gross war die Kritik der gut 200 Händler. Sie störten sich daran, dass ihr Lizenzgeber sie mit Billigware konkurrenziert. Das Geschäftsmodell habe nie funktioniert, sagt ein Marktkenner.

Zu viel eingekauft

Intersport-Chef Müller hat derzeit keine leichte Aufgabe. Ein widriges Markt­umfeld, rote Zahlen, ein gespanntes Verhältnis mit Händlern und Lieferanten setzen ihn unter Druck. Mit Budget Sport schliesst er nun zumindest eine Verlustquelle im Sporthandelskonzern.

Die Billigläden sind ein Konzept von Intersport International und bewährten sich etwa in Finnland. Müllers Vorgänger wollte es schon Mitte der Nullerjahre in der Schweiz etablieren, um sich gegen internationale Konkurrenz zu rüsten. Er setzte dabei auf die Intersport-Händler. Doch diese hatten kein Interesse. Das Projekt landete für Jahre in der Schublade.

Müller, seit Ende 2008 Chef, holte es wieder hervor. Er wollte die Billigläden zunächst mit Otto’s lancieren. Die Schnäppchenkette stieg aber aus. Offiziell hiess es, die beiden Unternehmen besässen zu unterschiedliche Strukturen. Müller änderte danach seine Strategie und eröffnete selber Budget-Geschäfte.

Intern sorgte das für grosse Unruhe. Es sei zwar richtig, ins Billigsegment einzusteigen. Dies aber als Grosshändler alleine umzusetzen, komme nicht gut, meinten die Warner in der Zentrale in Ostermundigen damals. Auch Intersport-Händler intervenierten, weil sie Angst um ihr Geschäft hatten. Sie wandten sich sogar mit einem Dolmetscher an Grossaktionär Nicholas Berry, der das Unternehmen von seinem Londoner Büro aus kontrolliert.

Laut mehreren gut informierten Quellen lief nach dem schnellen Entscheid zum Alleingang einiges schief. Budget Sport ist zwar eine eigenständige Aktiengesellschaft. Technisch sei aber vieles über Intersport gelaufen – unter anderem der Einkauf. Ein klares Einkaufsbudget soll es nicht gegeben haben. Im Herbst 2010 hatte Intersport für die Billigläden darum bereits doppelt so viel eingekauft, wie nach Planung im besten Fall jährlich hätte abgesetzt werden können. Dies lag auch daran, dass nichts wurde aus dem Plan, alle sechs Monate drei neue Filialen zu eröffnen. Bereits ein halbes Jahr nach der Eröffnung zog Müller die Reissleine und verhängte einen Einkaufsstopp. Die Lager-Abverkäufe dauern bis heute. Intersport-Chef Müller will sich zu Budget Sport nicht äussern. «Aus börsenrechtlichen Gründen» könne er erst nach Ablauf der Konsultationsfrist Stellung nehmen.

Nicht nur bei der Organisation soll einiges nicht ideal gelaufen sein. Auch die Wahl der Standorte war nicht optimal. Die Filialen stünden alle an B-Lagen, lautet die Expertenmeinung. Sie vermochten daher nicht genügend Kunden anzuziehen. Hinzu kam erschwerend die trübe Konsumentenstimmung.

Offenbar hatte Budget Sport auch Mühe mit dem Sortiment. «Es war schwierig, an geeignete Ware zu gelangen», sagt ein Kenner. Um Markenartikel im Ausland billig einzukaufen, fehlten Intersport Schweiz die Kanäle für Parallelimporte.Und die direkten Markenlieferanten waren vom Billigkonzept nicht angetan. Sie wollen lieber an Intersport-Händler liefern, wo die Margen höher sind.

Auch bekannte Intersport-Eigenmarken wie Energetics wurden anfänglich nicht verkauft. Müller soll sich vor weiteren Protesten der Franchising-Händler gefürchtet haben. Einige hätten mit dem Austritt aus dem Intersport-Verbund gedroht, heisst es. Doch zu Streit kam es dennoch. Man habe mit Budget Sport die Schweizer Niederlassungsleiter vor den Kopf gestossen. «Intersport hat mit dem Konzept all denjenigen in den Rücken geschossen, mit welchen sie bisher zusammenarbeitete», sagt ein Involvierter.

Die Folge waren enttäuschte Erwartungen. «Wer 10 bis 12 Millionen Franken investiert, will rasch Gewinne sehen», sagt ein anderer Kenner. Als die Prognosen verfehlt wurden, unterstellte Müller Budget Sport Ende 2011 organisatorisch den Intersport-Fabriken. In diesen Outlets wird die Altware der Händler günstig verkauft. Das ist ein völlig anderes Konzept. «Budget Sport war eigentlich bereits damals tot», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Müller nimmt dazu keine Stellung.

Nicht nur bei Budget Sport läuft es harzig. Im 1. Halbjahr 2011/2012 schrieb Intersport Schweiz einen Verlust. Schuld daran ist auch die aggressive Konkurrenz. Die deutsche Sport 2000 wirbt bei Intersport Schweizer Händler ab. Seit Müllers Antritt vor viereinhalb Jahren sollen zudem viele Mitarbeiter die Zentrale in Ostermundigen verlassen haben, so ein Kenner der Verhältnisse. So kündigte etwa die erfahrene Führungscrew der Sportfabriken.

Es gibt auch lobende Stimmen

Ehemalige Mitarbeiter und Händler sprechen von einem starken Kulturwandel seit Müllers Amtsantritt. Chefs von Markenlieferanten habe er zu verstehen gegeben, es brauche sie nicht mehr. Als Marktführer könne Intersport anderswo billiger einkaufen. Bei den Franchising-Partnern habe sich Müller etwa mit seinem Qualitätsprogramm unbeliebt gemacht. Dieses teilt die Läden je nach Erfüllen von Kriterien in A- und B-Läden ein. Das Ranking entscheidet über den Bonus, den Intersport den Händlern auszahlt.

Doch es gibt auch andere Stimmen. «Müller will bewegen, das kommt in den festgefahrenen Strukturen bei Intersport nicht überall gut an», sagt ein Händler. Auch ein Lieferant sagt, harte Diskussionen um die Einkaufspreise seien heute üblich.

Trotzdem sorgten Müllers Stil und Massnahmen schon für Gespräche auf höherer Stufe. Im November 2009 – knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt – hätten sich mehrere Mitarbeiter und einige Händler wegen der Unstimmigkeiten an Hauptaktionär Berry gewandt. Das berichten mehrere Quellen unabhängig voneinander. Der Brite stellte sich damals hinter Müller. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

 

Sportfachhandel: Anhaltend schlechte Zeiten

Verkäufe sinken
Der Schweizer Sportmarkt darbt. Im 2. Quartal verkaufte die Branche gegenüber dem Vorjahr 7 Prozent weniger. «In den Zahlen schlägt sich weiterhin die Euro–Problematik nieder », sagt Claude Benoît, Präsident des Verbandes des Schweizer Sportfachhandels Asmas.

Euro-Krise
belastet Die Krisenstimmung in Europa färbt laut Asmas auch hierzulande auf die Konsumlust ab. Viele Sporttreibende würden daher im Ausland einkaufen, und die fehlenden ausländischen Touristen bescherten vor allem den Geschäften in den Bergregionen ein Minus. «Mehr als 10 Prozent des Branchenumsatzes bringen die Gäste aus dem Ausland», so Benoît. Von der schwierigen Stimmung seien alle V ertriebskanäle betroffen. Auch das Forschungs- und Beratungsinstitut GFK gibt keine Entwarnung. Laut dessen Zahlen gingen die Verkäufe bei den grossen Sportartikelanbietern im 1. Halbjahr 2012 zwar nur um 1 Prozent zurück. Dass das Minus nicht grösser ausfiel, lag am schneereichen Winter, der die Verkäufe im 1. Quartal angekurbelt hatte. Die Kauflust zum Jahresbeginn hatte allerdings wiederum negative Konsequenzen für die Folgemonate. Seit dem Frühling hielten sich die Leute bei der Neuanschaffung von Outdoor-Ausrüstungen oder Bikes zurück. Die Branche schrumpft wieder.

Schlechtes Vorjahr
Die letzten Monate reihten sich an die Negativentwicklung des letzten Jahres an. 2011 ging der Sportmarkt nach einer Schätzung von GFK um 12 Prozent zurück. Die Konsumenten gaben noch 1,95 Milliarden Franken für die sportliche Ausrüstung aus. In der Branche heisst es, zur neuen Bedrohung sei inzwischen der Online-Handel aus Deutschland geworden.

Weniger Verkaufsstellen
Zu den grossen Sportartikel- und Outdoor-Anbietern gehören Intersport, Ochsner Sport, Athleticum, SportXX, Bächli Bergsport, Transa oder Sherpa Outdoor. Die Grossen können etwa die Hälfte des Umsatzes im Markt für sich verbuchen. Die andere Hälfte geht auf das Konto anderer Sportfachgeschäfte. Aber auch für diese sind die Zeiten hart. Die Zahl ihrer Verkaufsstellen ist rücklaÅNufig. Sie beträgt schweizweit noch 800. «Für nicht klar positionierte kleine Geschäfte dürfte es in Zukunft noch schwieriger werden», sagt Kurt Meister von GFK.

Grosse Verunsicherung
Für die Zukunft gibt sich Asmas dennoch zuversichtlich. Die Branche habe reagiert und die Preise gesenkt, so Präsident Benoît. Und Grossanlässe wie die Fussball-EM oder die Olympischen Spiele kurbelten die Verkäufe auf längere Sicht an. Vorderhand ist davon wenig zu sehen. Laut GFK boomt einzig das Segment Laufsportarten. Im Bereich Outdoor sind Zelte und Rucksäcke noch einigermassen gefragt. «Es herrscht eine gewisse V erunsicherung», sagt Meister. «Bisher musste sich die stetig wachsende Branche noch nie mit grösseren RückschlaÅNgen auseinandersetzen.»

 

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