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Interview der Woche

Jens Alder: Man wird dickhäutiger

Von Interview: Rüdi Steiner und Michael Kuhn
am 29.10.2003

Jens Alder: Der CEO von Swisscom sieht es als Kraftakt an, keine Akquisitionen zu tätigen. Solche seien auch nicht nötig. Trotzdem ist er nach wie vor an der Telekom Austria interessiert


Was haben Sie und André Dosé gemeinsam?

Jens Alder: Wir beide sind CEOs, und wir beide leiten ein Unternehmen, das mit Swiss anfängt.

Und Sie beide stehen im Schussfeld der Kritik. André Dosé hat Anfang Jahr gesagt: «Ich bin momentan nicht der Einzige, der einen grässlichen Job macht.» Fühlen Sie sich angesprochen?

Alder: Gar nicht. Ich kenne den Rahmen des Zitats nicht. Sagte er von sich selbst, er mache einen schlechten Job?

Nein. André Dosé spielte damit auf die Tatsache an, dass seine Tätigkeit nicht nur freudvoll ist und man Entscheide fällen muss, die schmerzhaft sind.

Alder: Das gibt es selbstverständlich in jedem Job. Aber die Arbeit macht mir Spass. Und die Gesamtbilanz meiner jetzigen Aufgabe bei Swisscom ist sehr positiv, es ist eine wunderbare Aufgabe.

Obwohl Sie als Jobkiller bezeichnet werden?

Alder: Na, gut, solche Aussagen haben Boulevard-Charakter, egal von welchem Medium sie stammen. Mit Populismus greift man meistens zu kurz, und das befreit vom Denken. Interessanter gewesen wäre doch die Frage, weshalb man überhaupt Stellen abbauen muss.

Die Antwort darauf: Sie beklagen Überkapazitäten auf der einen Seite und auf der anderen fallende Preise und Marktanteilsverluste.

Alder: Wir haben keine Überkapazitäten. Das Problem ist, dass wir vor sechs Jahren noch ein Monopol mit 100% Marktanteil waren, dann kam die Liberalisierung. Seither haben wir in der Schweiz 40% Marktanteil verloren, gleichzeitig sanken die Preise. Wenn das passiert und man als Unternehmen nicht wachsen kann, gibt es nur eine Strategie, und die heisst Kosten senken. Auch in den nächsten Jahren werden wir in der Schweiz nicht wachsen können, und die Preise werden wohl weiter sinken.

Dann bauen Sie auch in den kommenden Jahren weiter Stellen ab?

Alder: Ja, ich sehe keine Chancen, dass wir in den nächsten Jahren übers Ganze Stellen schaffen können. Das sollte dem Regulator zu denken geben. Jede zusätzliche Regulierungsmassnahme erhöht bei uns den Kostendruck und zwingt uns, weitere Stellen zu streichen. Es ist einfach, am Schreibtisch mit einem Federstrich zu regulieren. Es ist unendlich schmerzvoll, Leuten wehzutun, sie zu entlassen. Dann bin ich sehr emotional.

Wie gehen Sie damit um?

Alder: Es gibt nur eines: Die Überzeugung, dass es im Gesamtbild das Beste ist. Wenn Sie nicht überzeugt sind, dass dies das Richtige ist: Dann hält dies kein Mensch aus. Ich bin mir sicher, dass es richtig ist ­ immer im Wissen, dass jeder Mensch auch Fehler machen kann.

Die Entlassungen bereiten Ihnen also keine schlaflosen Nächte?

Alder: Nein, Entscheide wie der aktuelle nicht mehr. Man wird mit der Zeit etwas dickhäutiger. Eine abstrakte Zahl in die Welt zu setzen, ist planerisch, intellektuell. Vor Leute hinzustehen, ist schwieriger, bereitet mir aber keine schlaflosen Nächte. Ich fühle mich sicher im Entscheid. Aber jemandem gegenüberzusitzen und ihm zu sagen: Dich triffts, da habe ich immer schlaflose Nächte. Ich hoffe auch, dass dies so bleiben wird.

Diese Aufgabe bleibt Ihnen im aktuellen Fall ja erspart. Das können Sie an andere delegieren.

Alder: In diesem Fall ja. Die Leute kommen in Eskalationsfällen aber auch zu mir. Ich führe viele solche Gespräche. Das halten Sie nur aus, wenn Sie sich sicher fühlen. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.

Woher nehmen Sie das Gefühl der Sicherheit, das Richtige tun?

Alder: In dem Sie sich sehr genau mit allen Szenarien befassen. Sie müssen die Alternativen abschätzen können. Es ist letztendlich eine Fleissfrage. Die einzige Sicherheit, die Sie nie bekommen, ist: Wieso dieser und nicht jener nebendran. Es gibt keine absolute Gerechtigkeit. Es ist eine Einschätzungsfrage.

Sie reden so, als gäbe es zum stetigen Personalabbau keine Alternative. Aber die gibt es, und die heisst expandieren.

Alder: Natürlich könnten wir im Ausland noch wachsen. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass die gefährdeten Arbeitsplätze in der Schweiz durch eine Expansion ins Ausland gerettet werden könnten, ist sehr klein. Ausser die Märkte wären sich geografisch und inhaltlich sehr nahe.

Das sind alle Kriterien?

Alder: Natürlich nicht. Es müsste eine Telekommunikationsfirma in Europa sein und ein Value- und kein Growth-Investment. Es müsste finanziell attraktiv sein. Zudem gilt das Motto: Je mehr auf die Informatik und die Breitbandkommunikation ausgerichtet, desto besser. In dieses Bild passen würden ehemalige Monopolisten in Europa wie auch Teile von grossen Gebilden.

Telekom Austria passt in dieses Bild?

Alder: Ja. Es ist ein sehr gut geführtes Unternehmen, es gleicht uns. Wir haben gemeinsame Grenzen, reden die gleiche Sprache und verstehen etwas von Telekommunikation. Dann hören die Gemeinsamkeiten aber auf. Natürlich gibt es gewisse Synergien. Eine Transaktion in Milliarden-Höhe enthält enorme Komplexitätskosten und Risiken. Wenn Sie das gegeneinander abwägen, komme ich zum Schluss, dass Synergien kaum ein Grund für eine Akquisition sein können. Aber offensichtlich will im Falle der Telekom Austria der Hauptaktionär nicht verkaufen, deshalb steht eine Akquisition nicht zur Debatte.

Aber Sie bleiben am Ball?

Alder: Selbstverständlich. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werden wir diese auch packen. Aber wir haben bezüglich Preis vorsondiert, und die Vorstellungen lagen so weit auseinander, dass wir kein Angebot abgegeben haben.

Und wie steht es mit anderen Unternehmen? Vor einigen Monaten haben Sie noch gesagt, Sie hätten sich 200 Firmen im Ausland angeschaut, doch keine sei für einen Kauf in Frage gekommen.

Alder: Ja, wir als Management der Swisscom sind der Meinung, dass wir keinen strategischen Grund haben, um im Ausland zu akquirieren. Einzig im Mobile-Bereich gibt es global oder zumindest kontinental grössere Skaleneffekte. Deshalb auch unsere Partnerschaft mit Vodafone. Als Folge davon können wir nur opportunistisch akquirieren. Das heisst: Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schauen wir diese an, und wenn die Gelegenheit gut ist, dann packen wir sie und sonst nicht. Wenn wir keine solche Möglichkeiten ausmachen, geben wir das Geld lieber dem Aktionär zurück.

Sie haben also keine Wachstumsperspektive?

Alder: Wachstum ist kein Wert an sich. Wachstum ist nur dann ein Wert, wenn es ein Wertewachstum ist. Unsere Aktionäre sind Value- und nicht Growth-Investoren. Alle, die Wachstumspapiere suchen, werden bei uns nicht investieren.

Aber irgendwann geraten Sie unter Zugzwang: Wenn die Preise weiter sinken und kein Wachstum in Sicht ist, müssen Sie jedes Jahr Personal abbauen, bis dies nicht mehr möglich ist.

Alder: Diesen Schluss ziehe ich nicht. Natürlich haben Sie Recht: Eine Rationalisierungsstrategie ist eigentlich keine Strategie, sondern eine Massnahme. Aber Gott sei Dank sind wir in einem Geschäft, in dem der Markt insgesamt wächst. Die Nachfrage ist noch lange nicht gesättigt. Zudem ist unser Geschäft innovationsgetrieben. Die einzige Frage ist deshalb für mich, wann fallen die Regulierungen so aus, dass wir uns frei im Markt bewegen und am Wachstum partizipieren können. Nur das bestimmt die Rationalisierung. Hier bin ich aber pessimistisch.

Was würden Sie denn kaufen, wenn Sie frei wählen könnten?

Alder: Für das Management ist es immer viel witziger, eine Akquisition zu tätigen, als nichts zu machen. Es ist eine enorme Herausforderung, diszipliniert zu sein. Ich schaue dies als Kraftakt an. Das wissen auch die Investoren. Deshalb sind diese immer nervös, wenn ein Unternehmen viel Cash hat.

Sie erachten es also als Kraftakt, keine Akquisition zu tätigen?

Alder: Es ist ein Kraftakt, ein klares Profil aufrechtzuerhalten. Eine Akquisition per se ist keine allzu schwierige Sache. Der andere Kraftakt ist danach, die Akquisitions-Ziele zu erreichen. Dieser ist wahscheinlich noch etwas anstrengender als derjenige, nichts zu tun.

Wie viel werden Sie mit dem erneuten Abbau von Arbeitsplätzen einsparen?

Alder: Wenn wir diese Restrukturierungstranche über die Runden gebracht haben, sollten über 100 Mio Fr. Kosteneinsparungen herausschauen.

Wenn Ihr Ziel die Senkung der Kosten ist, weshalb ändern Sie dann nicht Ihre Unternehmensstruktur?

Alder: Wie meinen Sie das?

Ihre jetzige Struktur bringt viele Doppelspurigkeiten mit sich.

Alder: Sie sprechen die Gruppengesellschaften an?

Ja.

Alder: Es gibt keine ideale Organisation. Sie müssen irgendwo das Gewicht legen. Wo sie dieses legen, hat mit dem Zustand der Firma zu tun. Wir haben unsere Struktur vor drei Jahren beschlossen. Diese schuf die Vorraussetzung dafür, zu restrukturieren. Wenn diese Phase abgeschlossen ist ­ ich nehme an, das nimmt noch das nächste Jahr in Anspruch ­ dann ist die Zeit gekommen, wieder mehr über Synergien vor allem im Geschäftskundenbereich nachzudenken.

Das heisst Sie wollen zukünftig verhindern, dass Abteilungen den KMU die gleichen Dienstleistungen verkaufen und der Kunde am Ende nicht mehr weiss, wer für ihn zuständig ist?

Alder: Das sind zwei verschiedene Dinge. Das Erste ist, wir sind heute in unseren Gruppengesellschaften so organisiert, dass wir zu 99% keine Überlappungen des Angebots haben. Das Problem ist mehr das «go to market». Das heisst, wir haben mehrere Gesellschaften, die auf die gleichen Kunden losgehen. Und es stimmt, das ist nicht optimal. Aber ich sah keine andere Möglichkeit, als diese zuerst je einzeln in einen Transformationsprozess zu stellen. Erst wenn dieser abgeschlossen ist, kann man die Gruppen optimieren. Ich gehe davon aus, dass wir die Strukturen in den nächsten zwei Jahren anpassen müssen.

Geht es ein wenig konkreter?

Alder: Eine Überlegung könnte sein, dass wir die drei Gesellschaften, also Swisscom Systems, Swisscom IT-Services und Swisscom Enterprise Solutions, zusammenfassen. Doch ein solcher Gedanke greift zu kurz. Ich glaube nicht, dass wir mit einer solch grossen Einheit optimal und klar auftreten könnten gegenüber unseren Kunden. Aber es wird künftig wohl eher weniger als mehr Gesellschaften geben.


Steckbrief

Name: Jens Alder

Funktion: CEO Swisscom AG

Alter: 46

Wohnort: Wohlen AGFamilie: Verheiratet, ein Sohn

Karriere

1993-1996 Alcatel STR AG: Leiter Network Systems Export, Mitglied der Geschäftsleitung

1996-1997 Alcatel Schweiz AG: Bereich Telecom, General Manager

1998-1999 Swisscom AG: Leiter Network Services und Wholesale, Mitglied der Konzernleitung

1999-heute Swisscom AG; CEO Schlagworte

«Ich schätze die ComCom, weil ...

... (denkt lange nach) sie aus Menschen zusammengesetzt ist, die sich ehrlich bemühen, das Beste für die Schweiz zu machen.»

«Meine grösste Fehlleistung war ...

... dass ich es riskiert habe, bis zu 5 Mrd. Euro für frische Luft in Deutschland zu bezahlen, sprich UMTS-Lizenz. Wir hatten einen Engel, der dafür gesorgt hat, dass andere noch mehr bezahlt haben.»

«Blocher wird Bundesrat, weil ...

Dazu will ich nichts sagen. Da müssen Sie drei Pünktchen stehen lassen...»

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