Erdbeben in Chile, Stürme in Frankreich: Die Spuren der jüngsten Umweltkatastrophen ziehen sich nicht nur durch Landschaften und Wohngebiete, sondern bald auch durch die Bilanzen der Versicherer.

Solche Ereignisse sind es denn auch, die zur Idee von Katastrophenanleihen, kurz «Cat Bonds», geführt haben. Mit solchen Papieren lagern Versicherer und Rückversicherer die Risiken aus ihren Bilanzen an die Anleger aus: Kommt es zum Jahrhundertsturm, verfällt der Cat Bond, und der Anleger berappt auf diese Weise den Schaden anstelle der Versicherung. Dafür wird er aber während der Laufzeit mit einem attraktiven Zins entschädigt. Und darf derweil berechtigterweise hoffen, dass der grosse Sturm noch ein Jahrhundert auf sich warten lässt.

Die beste Eigenschaft der Cat Bonds ist jedoch ihre Korrelation zu anderen Anlageklassen: Die existiert nämlich praktisch nicht. Da müsste schon ein Hurrikan die Börse treffen.

Credit Suisse trickst Swiss Re aus

Das Problem mit den Naturkatastrophen aber ist - aus Sicht der Investoren natürlich -, dass es zu wenige davon gibt. Das Potenzial der Cat Bonds beschränkt sich Schätzungen zufolge auf etwas über 12 Mrd Dollar. Die findige Finanzindustrie schaute sich daher nach neuen Versicherungsrisiken um, die in sogenannten Insurance Linked Securities (ILS) zu verbriefen wären: Der Absturz von Flugzeugen und Satelliten, der Untergang von Schiffen, Feuersbrünste.

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Doch das höchste Potenzial zur Verbriefung hat das, was uns am teuersten ist: Unser Leben. «Dass Life-ILS-Spektrum ist mit 350 Mrd Dollar an noch nicht verbrieften Risiken viel grösser als der Katastrophen-Bond-Bereich», sagt Niklaus Hilti, Leiter Insurance Linked Strategies bei Credit Suisse. Was die Grossbank dabei interessiert, sind die Extremrisiken, die Excess Mortality, wie es im Fachjargon heisst. Gemeint sind etwa Pandemien wie die Spanische Grippe nach dem 1. Weltkrieg. «Der Absicherungsbedarf ist gewaltig», sagt Hilti, denn eine solche Pandemie könne die Versicherer bis zu 53 Mrd Dollar kosten.

Als Vorlage für Katastrophenfilme wenig geeignet, dafür umso folgenschwerer für die Versicherer, ist das Risiko der Langlebigkeit. Weil die Versicherten immer älter werden, müssen sie länger Renten auszahlen, ausserdem fallen hohe Krankheitskosten an. ILS bieten hier einen Ausweg, der von Unternehmen zunehmend beschritten wird. So sicherte Autobauer BMW kürzlich 3 Mrd Pfund seiner britischen Pensionsverpflichtungen gegen das Langlebigkeitsrisiko ab. Riesige Summen also, von denen sich immer mehr Mitspieler ein Stück abschneiden möchten - so auch Credit Suisse.

Die Bank überspringt dabei clever Rückversicherer wie Swiss Re, die traditionell die ILS-Emissionen tätigen - und kommt direkt mit den Erstversicherern ins Geschäft. «Die Übertragung der Risiken erfolgt via Derivative Swaps, dabei sind die Risiken immer im Rahmen des Fondsvermögens mit den entsprechenden Investorengeldern hinterlegt», sagt Hilti. Kunden des ersten, 2009 lancierten Leben-Fonds von Credit Suisse sind institutionelle Investoren. Sie können auf eine mit anderen Wertschriften kaum korrelierten jährlichen Rendite von Libor plus 4% hoffen. Cat Bonds, die etwa über den Cat Bond Fund von Clariden Leu auch Privatanlegern zugänglich sind, rentieren 4 bis 10%.Nicht investieren will Hilti dagegen in einen ILS-Bereich, dem nach der Finanzkrise ebenfalls ein Comeback bevorsteht: Den Life Settlements. Dabei geht es um den Kauf von Lebensversicherungspolicen, was sich vorab in den USA, aber auch etwa in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Betagte Menschen verkaufen hierbei ihre Lebensversicherung, etwa, weil die Nutzniesser bereits verstorben sind, oder sie das gebundene Kapital anderweitig benötigen.

Eine makabre Wette?

Statt die Police mit grossem Verlust aufzulösen, wird sie zu etwa 50% der Versicherungssumme an spezialisierte Makler verkauft und von diesen an Anlagefonds weitergegeben. Diese zahlen dann auch weiterhin die Prämie - und kassieren das in der Police gebundene Vermögen, sobald der Versicherte stirbt. Das führt zu einer auf den ersten Blick makabren Wette: Je eher nämlich der Tod eintritt, desto höher der Gewinn für den Fonds und seine Investoren. Heinz Kubli, Gründer der auf den Bereich Life Settlements spezialisierten Fundabilis in Zürich, begegnet der ethischen Komponente so: «Der Verkäufer ist frei, über seine Police zu verfügen. Er kann also aus freien Stücken entscheiden, ob er seine Police einem Investoren verkaufen will oder nicht. Sein Verkauf des illiquiden Vermögens steht also auf einer ethisch-moralisch einwandfreien Grundlage.» Der Käufer schliesslich trete auf eine Finanztransaktion ein, die nichts anderes sei als die Spiegelung des Geschäftes einer Versicherungsgesellschaft, so Kubli.

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Ausnahmejahr 2009

Den Investoren von Fundabilis, darunter Schweizer Pensionskassen und Fonds, ist dies offensichtlich Argument genug - neben der Rendite. Gemäss Beat Hess von AA-Partners, einem der Schweizer ILS-Experten der ersten Stunde, beträgt der zu erwartende Betrag von US-Life-Settlement-Investments zwischen 3 bis 7%. Dies zeigt auch der von AA-Partners lancierte Index (siehe Grafik). Seit Ende 2006 strebt der Graph nach oben - 2009 war das erste Minusjahr für die 17 im Index vertretenen Fonds auf US-Life-Settlements. Hier spielte dann die Finanzkrise doch noch hinein: «2009 nahm die Liquidität stark ab, es wurden auch kaum neue Projekte aufgegleist», sagt Hess. Ganz «todsicher» ist die Rendite also doch nicht.