Aufregung in der Finanzgemeinde: «Wir fühlen uns hinters Licht geführt», klagt ein Anleger. Er, der einen signifikanten Betrag in Aktien des Bauzulieferers Arbonia-Forster (AFG) investiert hat und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, hat darauf vertraut, «dass die AFG einhält, was sie verspricht». Nämlich, dass der Bauzulieferer bis zum Jahresende die Einheitsaktie einführt und im nächsten April einen neuen CEO anstelle von Edgar Oehler präsentiert - der 67-jährige Patron ist heute VR-Präsident, CEO und Grossaktionär in Personalunion, was umstritten ist. Die Ankündigungen zur Einheitsaktie und CEO-Nachfolge lassen sich im Emissionsprospekt der AFG nachlesen, der für die Kapitalerhöhung im Frühjahr erstellt worden war.

Doch jetzt schlägt Oehler plötzlich andere Töne an: Im Interview mit der «Handelszeitung» von vergangener Woche erklärte er, für die Einführung der Einheitsaktie «jetzt keinen eigentlichen Fahrplan» zu haben. Zunächst müsse sichergestellt sein, dass AFG - heute eine Holding mit fünf Geschäftsbereichen - nicht zerschlagen werde. In einem «Sonntag»-Interview sagte Oehler zudem, die Einheitsaktie «bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung» im Frühling 2010 einführen zu wollen. Der Hintergrund: Oehler befürchtet, dass feindlich gesinnte Investoren die Kontrolle über AFG gewinnen wollen, sobald sich seine Stimmrechtsanteile - heute bei 56,4% - mit Einführung der Einheitsaktie auf seinen Kapitalanteil reduzieren, der nur 21,5% beträgt. Das «Handelszeitung»-Interview verunsicherte die Investoren an der Börse. Vergangene Woche sackte der Aktienkurs zwischenzeitlich um 6,7% ab. Die Anleger sind irritiert: Im Prospekt habe Oehler doch die Einheitsaktie versprochen, sagt einer. Nur deshalb sei die Kapitalerhöhung überhaupt zustande gekommen. «So geht das doch nicht. Kaum hat Oehler die Kohle, ist alles wieder anders», ärgert sich ein anderer.

Investoren verlangen Klarheit

Nun wird der Druck auf AFG erhöht: In den nächsten Wochen werden beim AFG-Verwaltungsrat Anfragen eingehen. «Wir wollen wissen, woran wir sind», lautet eine der Begründungen. Und weiter: «AFG geht ein gewisses Risiko ein, denn Aktionäre könnten Klagen anstreben, weil sie im Glauben an die von Herrn Oehler angekündigten Veränderungen an der Kapitalerhöhung teilgenommen haben.» Ein solches Szenario könne nicht im Sinne der AFG sein, deshalb müsse die Situation so schnell wie möglich geklärt werden.Wie gross ist das Risiko einer Klageflut gegen die AFG wirklich? Laut Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz von der Universität Bern greift die Haftung für Aussagen in Emissionsprospekten nur in seltenen Fällen. «Die Aussagen müssen klare Zusagen sein, Absichtserklärungen gelten nicht», erklärt er. Damit fällt die Bemerkung zur CEO-Nachfolge dahin - im Prospekt heisst es nämlich lediglich, Oehler habe die Absicht geäussert, bis im April 2010 einen neuen CEO präsentieren zu wollen. Anders im Fall der Einheitsaktie: Hier lässt der Prospekt auf Seite 17 verlauten, dass der AFG-Verwaltungsrat einstimmig beschlossen habe, bis Ende 2009 die Einheitsaktie einzuführen. Aber auch hier hat die Sache einen Haken: «Ein Kläger müsste einen Schaden geltend machen, der ihm aufgrund der Nichteinführung der Einheitsaktie entstanden ist», erklärt Kunz. Im vorliegenden Fall ist das eher unwahrscheinlich.Risiken für AFG sieht Kunz schon, aber anderswo: «Die Aussagen von Oehler in den Zeitungsinterviews waren ganz offensichtlich kursrelevant. Möglicherweise hätte AFG der Börse und dem Publikum im Rahmen der sogenannten Ad-hoc-Publizität mitteilen müssen, dass es zu einer Strategieänderung gekommen ist.» Ob die Börse eine Voruntersuchung gegen AFG eingeleitet hat, will ein Sprecher nicht kommentieren.

Anzeige

Kreditgeber können AFG drohen

Ein weiteres Risiko für AFG ortet Kunz bei den Kreditgebern. «Wenn diese wegen Oehlers Ankündigungen Kredite eingeräumt haben, können sie nun auf Grundlagenirrtum abstellen - denn es haben sich ja wesentliche Parameter verändert - und die erteilten Mittel zurückfordern.» Für AFG käme das zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt: Im Juni müssen Anleihen im Wert von 102 Mio Fr. zurückgekauft werden. Zu den grössten Kreditgebern gehören die Grossbanken UBS und CS. Oehler sagte der «Thurgauer Zeitung» am 28. April 2009, dass AFG bei den Banken Kredite zwischen 100 und 150 Mio Fr. ausstehend habe. Greifen UBS und CS, die auch die Kapitalerhöhung bei AFG durchgeführt haben, dem Patron jetzt ins Steuer? Die Institute lehnen eine Stellungnahme ab. AFG-Chef Edgar Oehler war aus terminlichen Gründen für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.