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Nestlé
Investoren geben Paul Bulcke Saures

Nestle's Chairman Paul Bulcke from Belgium speaks during a panel session during the 48th Annual Meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Wednesday, January 24, 2018. The meeting brings together entrepreneurs, scientists, corporate and political leaders in Davos, January 23 to 26. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke: Bei der letzten Generalversammlung mit 95 Prozent der Stimmen gewähltQuelle: © KEYSTONE / LAURENT GILLIERON

Einigen Investoren geht der Umbau bei Nestlé zu langsam. Jetzt richtet sich das Augenmerk auf Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke.

Von Seraina Gross
am 19.11.2018

Gegen aussen wirkt Mark Schneider wie ein scharf kalibriertes Analyse-Tool, präzis und kalt. Insgeheim, wenn es grad niemand sieht, dürfte der promovierte Betriebswirt aber schmunzeln. Denn der deutsche Quereinsteiger hat den Schweizer Supertanker vom Genfersee in nur zwei Jahren wieder auf Kurs gebracht.

Doch die Lästerer bleiben dran. Jüngstes Beispiel: Eine Nebelpetarde unzufriedener Aktionäre gegen Paul Bulcke, der 2017 vom Chef- auf den Präsidentensessel wechselte, via «Wall Street Journal». Artisan Partners, Inhaber einer 300-Millionen-Dollar-Position in Vevey, würde den Belgier gern weghaben. Bulckes «Malus»: Er wird mit der alten Strategie assoziiert, zudem hat er als Konzernchef nicht brilliert.

Befragung der Aktionäre

Zitiert wird zudem eine von Exane BNP Paribas durchgeführte Aktio-närsbefragung. Demnach würden 67 Prozent von 61 befragten Aktionären (41 von ihnen outeten sich als Nestlé-Aktionäre) Daniel Loeb und seinen Hedgefonds Third Point unterstützen, sollte sich der mit 3,5 Milliarden Dollar bei Nestlé investierte Aktivist dazu entscheiden, gegen den Verwaltungsratspräsidenten ins Feld zu ziehen. Wie viel Kapital die Widerspenstigen vertreten, wird nicht gesagt. Nestlé hat 160 000 registrierte Aktionäre und total geschätzt 250 000 Aktionäre, einen Grossteil davon in den USA. Nach der Publikation des Artikels sollen mehrere grössere Aktionäre in Vevey vorstellig geworden sein, heisst es. Ihre Botschaft: Wir waren es nicht.

Zug um Zug hat Mark Schneider die Baustelle Nestlé in den vergangenen zwei Jahren überholt. Der Fresenius-erprobte Dealmaker hat für 2,3 Milliarden Dollar einen führenden Anbieter von gesundheitsfördernden Produkten gekauft (Atrium). Er hat sich für gut 7 Milliarden Dollar die Rechte an der Vermarktung von Starbucks-Produkten gekauft, sich für 700 Millionen Dollar die Mehrheit an der Hipster-Kaffeekette Blue Bottle gesichert und – unter dem Radar – eine ganze Reihe kleinerer Deals über die Bühne gebracht.

Ambitioniertere Ziele

Das margenschwache US-Süsswarengeschäft ist er an Konkurrent Ferrero losgeworden, das Skin-Health-Geschäft, eine unerfreuliche Hinterlassenschaft des ehemaligen Spitzenduos Peter Brabeck und Paul Bulcke, befindet sich im Strategiecheck.

Trotzdem, der Portfolio-Umbau geht weniger weit, als Schneiders Deal-Kaskade vermuten lässt. 10 Prozent des Umsatzes dürften, wie geplant, bis Mitte nächsten Jahres ausgewechselt sein; je 5 Prozent durch De- und Investition. Doch Nestlé sitze noch immer auf einem Umsatzanteil von 45 Prozent, der nicht in die vom Konzern als Wachstumskategorien definierten Kategorien – Tierfutter, Wasser, Kaffee, Kindernahrung und Nahrungsergänzungsmittel – falle, sagt Andreas von Arx von Baader Helvea. «Wir würden es begrüssen, wenn sich der Konzern ambitioniertere Ziele setzen würde, um die positive Investorenstory der vergangenen zwei Jahre weiterzuschreiben», sagt er. Mögliche Verkaufskandidaten seien: Thomy und die in Frankreich starke Fleischmarke Herta. 

Kitkat ist der einzige Milliarden-Brand bei Kitkat

Am besten aber lässt sich das Problem mit den alten Umsätzen am Nicht-US-Süsswaren-Geschäft zeigen, immerhin 9 Prozent des Umsatzes: Keine Marke ausser Kitkat mit 1 Milliarde Umsatz oder mehr. Vor allem in Europa seien die Probleme vergleichbar mit den USA, sagt von Arx: zu wenig Marktmacht, zu viel Commodity, zu wenig Differenzierung.

Die Konzentration auf vier Wachstumskategorien sowie Nahrungsmittelzusatzstoffe und medizinische Ernährung heisse keineswegs, dass man sich von den anderen Geschäftsfeldern trennen werde, sagt Nestlé-Sprecher Christoph Meier. «Da gibt es auch andere Strategien, etwa das Auffrischen von Brands mit Premium-Produkten, wie wir das bereits mit Kitkat Ruby gemacht haben.»

Bis jetzt sitzt Bulcke fest im Sattel

Doch so schnell wird die Kritik nicht verstummen. Gut möglich, dass der Konzern seine Transformationsziele schon bald nach oben schraubt. Klar ist aber auch: Vorgänger Paul Bulcke gehört nicht zu denen, welche die Dinge übers Knie brechen. Als Konzernchef tat er sich bis -zuletzt schwer damit, sich von margenschwachen Geschäftsfeldern zu trennen. Ob das heisst, dass er beim jetzigen Tempo nicht mithalten kann? Bis jetzt nahmen ihm die Aktionäre die Kehrtwende mit Turbo-Dealmaker Schneider ab. 2018 stimmten sie zu 95 Prozent für eine Wiederwahl – womit auch die Frage geklärt sein dürfte, ob das Unternehmen ihn für die nächste Generalversammlung wieder fürs Präsidium vorschlagen wird.

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