Die Schweizer Industrie stellt sich der abkühlenden Konjunktur tapfer entgegen. Zwar verlangsamt sich deren Wachstum, von einem Rückgang kann aber keine Rede sein. Der Schweizer Purchasing Manager Index (PMI) weist im Februar laut Ökonomen der Credit Suisse auf «eine leicht ruhigere Expansion der Industriekonjunktur hin». Zum selben Schluss kommt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich in ihrer jüngsten Firmenumfrage.

Laut Credit Suisse deuten die leicht verkürzten Lieferzeiten und die schwächere Entwicklung bei der Auftragslage der Unternehmen auf eine Entspannung bei den Produktionskapazitäten hin. Für das Gros der Schweizer Industriefirmen, die noch mit Engpässen kämpfen, hat diese Nachricht durchaus ihre gute Seite. Beruhigende Nachrichten kommen auch aus den USA: Der US-Einkaufsmanagerindex ISM hat sich weniger stark eingetrübt als befürchtet. «Überraschende Renaissance der Industrie», jubelt jetzt das Nachrichtenmagazin «Spiegel» ? Konjunkturpessimisten zum Trotz, die davon ausgehen, dass zunächst die Aktienmärkte zusammenstürzen und dann die Aufträge in der Industrie wegbrechen.

Rätselraten über Wachstum

Noch ächzen die Schweizer Industriefirmen unter der Last voller Orderbücher (siehe auch Seite 17). Doch die Zweifel, ob das Wachstum weiter anhält, sind berechtigt. Denn ein bedrohliches Gemisch aus mehreren Faktoren ? von denen jeder für sich kaum gefährlich wäre ? verdüstert die Aussichten für Europa. Turbulenzen an den Finanzmärkten, Inflation, sündhaft teure Rohwaren- und Energiepreise und eine aus den Fugen geratene Währungssituation zwischen Dollar, Euro und Franken drohen das kontinentale Wachstum erheblich einzutrüben ? auch das der Schweizer Industrie. Wo die Weltwirtschaft Ende 2008 stehen wird, darüber sind sich Ökonomen uneins. Denn nach wie vor ist unklar, wie wichtig die USA noch für das globale Wirtschaftsgeschehen sind. So rätselt etwa die unabhängige European Economic Advisory Group, der auch Kof-Leiter Jan-Egbert Sturm angehört, welche Folgen eine Schwächeperiode in den USA für die europäische Wirtschaft haben könnte. Gleichzeitig aber verweist der 7-köpfige Expertenrat auf die robuste Lage in Asien, von der hiesige Firmen stark profitieren können.Weniger optimistisch zeigt sich der Princeton-Volkswirtschaftler Paul Krugman. «Diesmal sehen die Dinge viel schlechter aus», schreibt er in seiner Kolumne in der «New York Times» Ende Februar. «Glaubt man der Geschichte, so steht uns eine längere Schwächeperiode bevor, die bis 2010 dauert ? oder sogar noch länger.» Die Notenbanker jedenfalls haben sich bereits in Position gebracht, um den stotternden Konjunkturmotor am Laufen zu halten. Philipp Hildebrand, Vize-Präsident der Schweizerischen Nationalbank, sieht vorerst keine Entspannung am Geldmarkt. Vielmehr, so erklärte er kürzlich im Rahmen einer Konferenz in London, könnten die Devisenmärkte in eine neue Phase der Anspannung treten. Das könnte dazu führen, dass schlechtere Kreditbedingungen und eine Verlangsamung der Wirtschaft in eine Abwärtsspirale münden. Die Anspannungen entstehen, weil sich Banken gegenseitig aus Vorsicht weniger Geld leihen. Sie werden gemildert, indem die Notenbanken den Markt mit Liquiditätsspritzen flüssig halten. Dabei ist mehr als genug Geld vorhanden. Seit 2001 pumpten die Notenbanken gewaltige Geldmengen in den Markt, um die bisweilen schwächelnde Konjunktur zu stützen. Eigentlich der direkte Weg in eine galoppierende Inflation. Doch die jährlichen Teuerungsraten blieben erstaunlich stabil, die Preise für Konsum- und Investitionsgüter verharrten auf tiefem Niveau ? die globalisierte Welt mit ihrem harten Wettbewerb und den tiefen Handelsbarrieren verhinderte, dass Grosskonzerne ihre Preise nach oben schraubten. Die Geldmenge floss stattdessen in lukrativere Anlageformen, konkret in Beteiligungen. Die Liquiditätsflut führte ab 2003 dazu, dass sich ein neuer Zweig in der Finanzindustrie herausbildete: Das Geschäft mit Private Equity. Die Beteiligungsgesellschaften, die sich überall billiges Geld im Überfluss leihen konnten, vollzogen relativ gesehen riesige Transaktionen. In der Schweiz enterte die damals unbekannte Wiener Finanzboutique Victory 2005 den milliardenschweren Traditionskonzern Unaxis (heute Oerlikon), 2006 den Anlagenbauer Saurer.

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Häppchen zum Spottpreis

Heute ? die Immobilienblase in den USA ist geplatzt und die Finanzgemeinde weltweit erschüttert ? knicken die teilweise stark fremdfinanzierten Beteiligungsfonds ein. Denn deren Geldgeber, renommierte Banken wie Merill Lynch und Morgan Stanley, sind selber geschwächt und drehen den Geldhahn zu. Die Folge: Fonds wie zuletzt Focus Capital bei Schulthess & Co. stossen ihre Anteile ab, um sich Liquidität zu verschaffen.Die Industriefirmen trifft die Finanzkrise damit an einer unerwarteten Stelle: Obwohl sie stets gute Unternehmensleistungen abgeliefert haben, sacken ihre Aktien ins Bodenlose. Nun sind sie so günstig, dass sie neue Investoren anlocken. Mitbewerber denken an Übernahmen, ausländische Konzerne wollen sich Know-how erkaufen. So ermutigt die chinesische Regierung ihre Firmen zu Übernahmen in Europas Chemiebranche. Bitter für hiesige Firmen: Sie gelten als leckere Häppchen, die es zum Spottpreis gibt.

 

 


Gute Stimmung in Deutschland

Finanzkrise und die etwas schlechteren Konjunkturaussichten lassen die deutschen Industrieunternehmen kalt: Der Geschäftsklimaindex des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) kletterte im Januar überraschend auf 104,1 Punkte, ein Plus von 0,7 Punkten. Damit verbesserte sich der Index den zweiten Monat in Folge auf den besten Stand seit November 2007 ? zur Überraschung deutscher Ökonomen. «Angesichts des schwierigen Umfelds mit Finanzmarktkrise und Euro-Stärke ist das eine sehr beachtliche Entwicklung», urteilt etwa Fabienne Riefer von der Postbank. «Im Augenblick müssen wir keinen Konjunktureinbruch befürchten», bilanziert Jörg Lüschow von der WestLB. «Wie die Erwartungen der Firmen zeigen, dürfte sich die Dynamik nur moderat abschwächen.» Deutschland ist der wichtigste Absatzmarkt für Schweizer Firmen: Der Exportanteil beträgt gut 28%, 2007 wurden Waren im Wert von 21,3 Mrd Fr. geliefert.

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HSBC-Ökonom Stefan Schilbe weist in seiner Konjunkturprognose allerdings darauf hin, dass sich die Erwartungen der deutschen Firmen leicht eingetrübt hätten. «Das Risiko, dass sich die Konjunktur verschlechtert, ist nach wie vor vorhanden», warnt er. (hz)