Der Iran bietet der Schweizer Wirtschaft nach einer Studie des Kreditversicherers Euler Hermes zwar riesige Chancen, ein «El Dorado» sollten die Unternehmen aber nicht erwarten. «Die wirtschaftlichen Potenziale im Iran sind gross, gerade auch für Schweizer Exporteure», erklärte der Chefvolkswirt der Euler-Hermes-Gruppe, Ludovic Subran, am Montag in einem Communiqué. Dass aber nach der Aufhebung der Sanktionen wegen des beigelegten Atomstreits «sofort das Gold auf der Strasse liegt», sollte keiner für die nahe Zukunft meinen.

Einen Finanzdienstleistungssektor gebe es momentan kaum. Auch muss dem Versicherer zufolge zunächst mit erheblichen Währungs- und Kreditrisiken und auch politischen Risiken gerechnet werden. Mittel- und langfristig werde das Land mit seinen 80 Millionen potenziellen Kunden jedoch sehr interessant werden.

Zwei Gründe sprechen für die Schweiz

Der Euler-Hermes-Chefökonom führt zwei Gründe für die Stärke der Schweiz ins Feld: «Erstens, die Branchen, in denen Schweizer Exporteure besonders stark sind, werden in den kommenden Jahren eine grosse Nachfrage erleben. Und zweitens hat die Schweizer Industrie einen hervorragenden Ruf und steht für Qualität.»

Der Handel mit dem Iran habe das Potenzial, die stagnierende Exportbranche zu beleben, ergänzt Euler-Hermes-Schweiz-CEO Stefan Ruf. «Schweizer Firmen waren vor der Verhängung der Sanktionen sehr aktiv im Iran. Der Kreditversicherer geht davon aus, dass nun schrittweise die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran wieder aufgenommen werden.»

Erste Annäherung

Ein erster Schritt zur Annäherung der beiden Nationen steht kurz bevor: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann wird Ende Februar mit einer Wirtschaftsdelegation nach Teheran reisen. Die Schweizer Vertreter wollen sich ein eigenes Bild vom Nachholbedarf machen, der laut Euler Hermes «gross» sei.

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Von 2011 bis heute fehlen dem Iran Importe in Höhe von 30 Milliarden Euro durch die Intensivierung der Sanktionen, schreibt der Kreditversicherer. Ausländische Waren, wie zum Beispiel Haushaltswaren, seien derzeit sehr schwer zu bekommen, ganz zu schweigen von Autos oder Maschinen. «Sowohl Importe als auch Binnenkonsum werden nach der Öffnung daher stark anziehen», zeigt sich Euler Hermes überzeugt.

Grundbedürfnisse zuerst

«Es käme zunächst zu einer wachsenden Nachfrage nach Lebensmitteln sowie nach Pharmaprodukten zur medizinischen Versorgung» prophezeit Chefökonom Subran. In einem zweiten Schritt würde die iranische Bevölkerung neue Autos und Spülmaschinen oder andere Haushaltsgeräte ersetzen.

«Wenn eine iranische Familie derzeit also lediglich eine billige Spülmaschine kaufen kann, die sie häufiger ersetzen muss, wird sie bald auf hochwertigere und langlebigere Produkte setzen - und genau hier stehen die Schweizer Firmen bereits in den Startlöchern.»

Konkurrenz aus China

Unterm Strich bedeutet das: Maschinenbauer, Chemie-, Medizin- und Pharmaunternehmen, Bau- und Baumaterialfirmen, Automobilindustrie sowie Hersteller von Konsumgütern und Lebensmitteln haben besonders gute Karten. Die Exporte dieser Branchen werden vom Iran-Boom profitieren.

Konkurrenz kommt allerdings aus China: Das Reich der Mitte ist bereits seit vielen Jahren sehr aktiv im Handel mit dem Iran. Peking habe dies «sehr geschickt gelöst». Anders als der Westen sei China nicht an die Sanktionen gebunden. «Ölexporte aus dem Iran nach China werden beispielsweise in Renminbi beglichen», sagt Subran. «Dadurch haben viele iranische Unternehmen und Finanziers hohe Reserven in dieser Währung und sind quasi dadurch gezwungen, chinesische Produkte zu kaufen.»

(ise)