Wollte man sich bisher mit Werken der viktorianischen Kunst vertraut machen, war eine Reise nach Grossbritannien erforderlich. Denn in Kontinentaleuropa wurde die englische Kunst des 19. Jhs bislang vernachlässigt. So besitzt kaum ein hiesiges Museum ein Gemälde von Edward Burne-Jones (1833-98), der zu den Hauptvertretern der Präraffaeliten gehört. Etwas besser bekannt ist bei uns der Literat und Künstler William Morris - Edward Burne-Jones engster Freund, Weggefährte und Geschäftspartner. Zum ersten Mal ist das Werk von Burne-Jones nun in der Schweiz zu sehen. Die grossangelegte monografische Schau im Kunstmuseum Bern, die in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie Stuttgart entstanden ist, vereint rund hundert Gemälde - darunter grossformatige Gemäldezyklen - Zeichnungen, Möbel sowie Glasfenster dieses Meisters des englischen Symbolismus.

Vorläufer des Fantasy-Genres

Die «Präraffaelitische Bruderschaft» hatte sich in London zur Mitte des 19. Jhs einer realistischen Darstellungsweise verschrieben, die den italienischen Renaissance-Maler Raffael zum Vorbild hatte. Auf überwältigende Weise stellten sie eine Welt voller Schönheit dar. «Ich meine mit Bild», so beschreibt Burne-Jones seine Malerei, «einen schönen romantischen Traum von etwas, das nie war, nie sein wird - in einem Licht, besser als jedes Licht, das je geschienen hat -, in einem Land, das man nicht fassen oder an das man sich nicht erinnern, sondern nur ersehnen kann.»

Der Titel der Ausstellung «Das Irdische Paradies» verweist auf eine der wichtigsten literarischen Quellen, von denen sich Burne-Jones für seine erzählerischen Zyklen inspirieren liess: William Morris’ Erfolgsbuch «The Earthly Paradise» von 1868. Morris, seit der gemeinsamen Studienzeit in Oxford der künstlerische Weggefährte von Edward Burne-Jones, erzählt darin altnordische, mittelalterliche und klassische Sagen und Legenden neu. Gleichzeitig nimmt der Ausstellungstitel Bezug auf Burne-Jones’ Vision, mit seiner Kunst einen Gegenentwurf zum Alltag der viktorianischen Zeit zu schaffen. Diese war einerseits von den Auswirkungen der industriellen Revolution geprägt und andererseits von strikten Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Zwängen. Burne-Jones flüchtete sich mit seiner Kunst in eine phantastische Welt der Sagen und Märchen voller Ritter, Zauberer, Drachen und Prinzessinnen, Feen, Götter und verführerischer Frauen. Diese Welten gleichen den Fantasy-Universen, wie sie heute mit den Erzählungen von Harry Potter oder Tolkiens «Herr der Ringe» wieder den Nerv der Zeit treffen.

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Von der Theologie zur Kunst

Burne-Jones ist eine Ausnahmeerscheinung unter den britischen Künstlern des 19. Jhs. Er war - wie auch William Morris - Theologie-Student, bevor er das Studium zugunsten einer autodidaktischen Künstlerlaufbahn aufgab. Burne-Jones zeigt den Menschen stets auf einer Art Pilgerreise auf dem Weg zu seinem letzten irdischen oder himmlischen Sein. Immer wieder beschäftigten ihn die grossen Themen von Schuld und Sühne, die Suche nach dem Sinn des Lebens, Schönheit und Vergänglichkeit, Glück und Unglück. Der Künstler stellte die phantastischen Themen oft in grossformatigen erzählerischen Zyklen von mehreren Bildern dar. Neben der bedeutenden Perseus-Folge zählen der Zyklus von Amor und Psyche oder die vierteilige Pygmalion-Serie zu den wichtigen Bilderzählungen in der Ausstellung. Aus mittelalterlichen Quellen liess er sich zu dem christlichen Georgs-Zyklus inspirieren, zu den märchenhaften, intensiv farbigen Dornröschen-Darstellungen und zum äusserst modern anmutenden Bild der Seelen am Ufer des Styx. Ebenso wie die antiken Mythen, die er besonders gerne ins Bild setzte, hat sein Werk bis heute nichts an Aktualität eingebüsst.

Einfluss auf Ferdinand Hodler

Interessant ist auch der - erst auf den zweiten Blick ersichtliche - Bezug zum Symbolismus seines Zeitgenossen Ferdinand Hodler, den die Ausstellung in Bern herstellt. In der zentralen Eingangshalle werden drei Gemälde von Hodler gezeigt. Dieser hatte Burne-Jones zwar nicht persönlich gekannt, wohl aber seine Werke. So wurde etwa das Gemälde «Eurhythmie» (1894/95), das zu Hodlers Hauptwerken zählt, von Edward-Jones’ «Die Prinzessin zieht das Los» beeinflusst. Auch bei anderen Arbeiten wie «Ergriffenheit» (1894) und «Die heilige Stunde» (1907/08) lässt sich der Einfluss belegen.