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IT-Dienstleister: Koloss mit wenig Schub

Vor einem Jahr trat Swisscom IT Services an, die Karten im Schweizer IT-Dienstleistungsgeschäft neu zu mischen. Die hoch gesteckten Erwartungen konnten bisher nicht erfüllt werden.

Von Beat Schmid
am 26.11.2002

Wir werden in diesem Jahr unsere Vorgaben verfehlen», sagt Urs Stahlberger, CEO von Swisscom IT Services. Das Fusionsprodukt aus AGI IT Services, einem Gemeinschaftsunternehmen von acht Kantonalbanken, und der IT-Abteilung der Swisscom wird 2002 den prognostizierten Jahresumsatz von 900 Mio Fr. voraussichtlich um rund 100 Mio Fr. verfehlen. Dass CEO Stahlberger sein Ziel um über 10% verfehlt, ist indessen keine Schande. Im Gegenteil: Die meisten IT-Dienstleistungsunternehmen spüren die Flaute (siehe Kasten). Der Grund dafür liegt bei den grossen Informatikanwendern wie Banken, Versicherungen, der Industrie, der Chemie und dem Bund, die auf der Kostenbremse stehen. Zahlreiche IT-Projekte sind gestrichen oder auf die lange Bank geschoben. Gerade moderne Applikationen aus dem Internetbereich würden momentan reihenweise dem Rotstift zum Opfer fallen, berichten Branchenkenner. Wenn der Rubel noch rollt, dann im traditionellen Dienstleistungsgeschäft wie Outsourcing oder dem Betrieb von Rechenzentrumslösungen.
Dieser Negativtrend erwischt Swisscom IT Services zum falschen Zeitpunkt. Der Zusammenführungsprozess wird bis auf weiteres Managementkapazitäten binden, die jetzt bei der immer mühsamer werdenden Suche nach Drittkunden so dringend gebraucht würden. Der Umsatzanteil, der durch Aufträge von Aktionärsfirmen generiert wird (Swisscom IT Services befindet sich zu 70% im Besitz von Swisscom, zu 30% von AGI-Banken), ist gemäss Planung noch viel zu hoch: Zwar werde dieses Jahr das Drittkundengeschäft gegenüber dem Vorjahr auf 75 Mio Fr. fast verdoppelt, so Stahlberger, doch das Ziel, 10% des einst avisierten Totalumsatzes von 900 Mio Fr. zu erreichen, wird damit ebenfalls deutlich verfehlt.
Dumm nur, dass das Drittkundengeschäft Swisscom IT Services' einziger Wachstumspfad ist. Wie wichtig dieser für die Swisscom-Tochter wird, zeigt sich auch daran, dass das Geldverdienen mit den Kantonalbanken in den nächsten Jahren auch nicht einfacher wird. Knallhartes Kostendenken wird in den gehätschelten IT-Abteilungen Einzug halten. Das dürfte zur Folge haben, dass die Banken vermehrt nach Standardapplikationen Ausschau halten werden und sich leichter von den Schweizer Bankingplattformen trennen werden. Viel Staub aufgewirbelt hat etwa der Entscheid der Zuger Kantonalbank, die Kontoführungs- und die Kundenregistersoftware durch eine Lösung des deutschen Softwareriesen SAP zu ersetzen.
*In Konkurrenz mit SAP*
Die SAP-Lösung befindet sich, zumindest teilweise, in direkter Konkurrenz zur Core-Banking-Plattform von Swisscom IT Services, die in den zum AGI-Verbund zählenden Kantonalbanken Appenzell, Fribourg, Glarus, St. Gallen, Thurgau, Ob- und Nidwalden zum Einsatz kommt. Urs Stahlberger macht aus der Konkurrenzsituation mit SAP keinen Hehl: «In Zukunft wird man nicht an SAP vorbeikommen.» Für ihn ist klar, dass die SAP-Plattform zu einem wichtigen Player im Schweizer Banken-IT-Markt wird. Denkbar ist auch, dass Swisscom IT Services auf die Plattform umschwenken und die eigenen Lösung begraben wird. An ihr bliebe nur noch das Integrationsgeschäft hängen.
Das lukrative Software-Lizenzgeschäft wäre damit unwiederbringlich verloren. Das ist auch ein Grund, warum Stahlberger so intensiv nach neuen Märkten Ausschau hält und auch Akquisitionen nicht ausschliesst ? wofür die Zeit aber noch nicht reif ist. New Business verspricht er sich von den Krankenkassen und der öffentlichen Verwaltung. Letztere steuert schon jetzt einen beträchtlichen Anteil zum Drittgeschäft hinzu. Hier liegt durchaus noch mehr drin: Oder welcher Berner Beamte würde schon der Swisscom einen lukrativen Auftrag nicht zuhalten wollen?
Weniger eng sind die Banden zu den Krankenkassen, die Stahlberger am liebsten ums Handling der Rechnungen erleichtern will. Swisscom IT Services ist nämlich mit Kunden wie Swisscom Fixnet und Mobile sowie Bluewin, Directories und Billag bereits jetzt der grösste Rechnungsverarbeiter der Schweiz. Eine grosse Krankenkasse würde somit perfekt ins Portfolio passen. Gelänge es Stahlberger hier, zwei, drei Krankenkassen ins Boot zu holen, würde Swisscom IT Services ausserdem die kritische Masse erreichen, um der elektronischen Rechnungsstellung und -bezahlung zum Durchbruch zu verhelfen.

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