Werden die Internet-Expo iEX oder die Orbit-Comdex in absehbarer Zeit durch firmeneigene Veranstaltungen ersetzt? IT-Marketingchefs bezeichnen als Grund für das Aufkommen der Firmenveranstaltungen den Misserfolg der Orbit 2003 und die Ungewissheit um diese Messe in diesem Jahr. Etliche Unternehmen planen für 2004 eigene Anlässe als Alternative und nicht als Ergänzung zu einer Orbit-Teilnahme.

Den ersten Grossanlass in diesem Jahr veranstaltete der Netzwerkausrüster Cisco Systems Mitte Januar. Die «Cisco Connection» gibt also erste Hinweise auf die Erfolgsfaktoren. «Unsere Erwartungen sind deutlich übertroffen worden», sagt Mark Helfenstein, Chef der Schweizer Cisco-Vertretung, «wir hatten uns ein Ziel von 500 Besuchern gesetzt, gekommen sind dann 700.»

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Eine solche Plattform entspricht laut Mark Helfenstein offenbar einem starken Bedürfnis: «Wir hatten viele Kontakte und positive Rückmeldungen, und auch der Ausstellungsteil wurde gut besucht.». Die Kosten lagen höher als ein Messeauftritt, sie konnten aber einerseits mit Kunden und andererseits mit Partnerfirmen wie HP, IBM und der Swisscom geteilt werden. Nach seiner Einschätzung ist auch 2005 wieder eine solche Veranstaltung geplant. «Traditionelle Messeauftritte werden den Anforderungen unserer Kunden nicht mehr gerecht.»

Bessere Trefferquote

«Wir sehen unsere X-Days Ende März nicht als Konkurrenz zur iEX oder der Orbit», sagt Microsoft-Sprecher Holger Rungwerth, «wir versuchen einfach, neue Wege zu beschreiten, um verschiedene Zielgruppen wie Kunden, Partnerfirmen oder Wiederverkäufen besser zu erreichen.» Die X-Days, die in Zusammenarbeit mit HP und Orange veranstaltet werden, sollen nicht wie die klassischen Produkte-Messen ablaufen, Microsoft will Lösungen präsentieren. «Für uns steht als Nutzen das Networking im Vordergrund», sagt Rungwerth, «wir werden also nach dem Anlass schauen, wie gut die verschiedenen Zielgruppen erreicht worden sind.»

Bei der Erfolgsmessung will man sich bei Microsoft nicht auf absolute Besucherzahlen abstützen. «Wenn 500 Teilnehmer dem richtigen Profil entsprechen, ist das für uns wichtiger, als wenn 3000 kommen, aber viele nicht den Zielgruppen entsprechen», so Rungwerth.

Die Kosten spielen für Microsoft auch eine Rolle sie versucht, möglichst viel mit dem vorhandenen Budget zu machen. Die Planung begann bei Microsoft im vergangenen Sommer. In den USA sind Ex-Astronauten und Ex-Spitzenpolitiker als Redner bei Firmenveranstaltungen beliebt. Auch in Interlaken werden illustre Gäste wie der Ausserirdischen-Experte Erich von Däniken, Schachweltmeister Gari Kasparow und der Ballonfahrer Bertrand Piccard über ihre Erfolge berichten. «Das macht man, um zu zeigen, wie sich Erfolge auch in IT-Projekten realisieren lassen», sagt Holger Rungwerth. Interlaken hatte man als Veranstaltungsort gewählt, weil die Veranstaltung ausserhalb der grossen Ballungszentren eher Seminarcharakter erhält.

An der diesjährigen iEX war Microsoft nicht dabei, über die Teilnahme an der Orbit wird noch diskutiert. «Das hängt auch von der Positionierung der Orbit ab», sagt Rungwerth.

Beim deutschen Softwarehaus SAP bezeichnet Marketingchef Hansruedi Kuster firmenspezifische Anlässe als «nichts Neues». «Wir haben eine ganze Reihe von Veranstaltungen, beispielsweise den e-Public-Day in Luzern oder den Manufacturing Club, mit denen wir unsere Zielgruppen gezielt ansprechen können.» Hinter den Firmenveranstaltungen erkennt er keinen wirklich neuen Trend. «Denn bei Publikumsmessen gibt es die Möglichkeit, ein breites Publikum anzusprechen.»

SAP erfasst den Erfolg von Firmenanlässen genau. «Wir setzen dafür unser CRM-System ein; wir sehen somit, welche Kunden wann und wie mit uns in Kontakt gekommen sind, und können so die Grundlagen für Kaufentscheidungen bestimmen», so Kuster. Bei Publikumsmessen wäre das nicht möglich. Bei den Ausgaben sind für SAP die Kosten pro Kontakt wichtig. «Wir sagen aber nicht eine Messe alleine aufgrund der Kosten ab», führt er aus.

Das falsche Publikum

Die Planung erfolgt bei SAP rollend ein Jahr voraus. Woran nimmt man in diesem Jahr teil? «Ich sage immer, es verträgt in der Schweiz nur eine grosse Messe, und in diesem Jahr waren wir an der iEX als wohl grösster Aussteller, das ist für unsere offene Integrations- und Applikationsplattform NetWeaver eine wichtige Plattform», sagt Hansruedi Kuster. «Im kommenden Jahr besteht die Möglichkeit, dass wir uns wieder anders entscheiden».

Das US-Softwarehaus Veritas, spezialisiert auf Datenverfügbarkeits-Lösungen und Speicher-Management und vor allem durch die Backup-Software bekannt, wird Ende Mai eine eigene «Vision» in der Schweiz veranstalten. Bei der Orbit war man im letzten Jahr nur am Speicher-Partnerstand vertreten. «Es sind einfach immer weniger Entscheidungsträger dort», sagt der Schweizer Veritas-Chef Diego Boscardin, «und für die technischen Spezialisten hat man bei der Orbit einfach zu wenig Zeit.» Ein Entscheid über den diesjährigen Orbit-Auftritt hat man noch nicht endgültig gefällt. «Möglicherweise werden wir Partnerfirmen bei ihrem Auftritt unterstützen», sagt Boscardin. Wenn diese nicht auch noch abspringen. Vor allem auf die Orbit kommen jedenfalls schwierige Zeiten zu.