Der AHV-Fonds hat 2008 einen Verlust aus Anlagen in der Höhe von 4,8 Mrd Fr. ausgewiesen. Was ist falsch gelaufen?

Marco Netzer: Seit 2003 versucht der Fonds, mit einem breit diversifizierten Portfolio und einer langfristigen Orientierung eine bestmögliche und marktkonforme Rendite zu erwirtschaften. Dies ist dem Fonds bis 2008 gelungen, und trotz des Einbruchs im letzten Jahr ist der Saldo nach wie vor positiv. Die Entwicklung im Jahr 2008 hat alle überrascht. Obwohl wir frühzeitig reagiert haben und die Verluste begrenzen konnten, wurde der Fonds wegen seiner damaligen Portfolioallokation durch diese Einbrüche stark getroffen.

Dennoch, eine solch hohe Volatilität erwartet man vom AHV-Fonds nicht.

Eric Breval: Institutionelle Investoren mit einer langfristig ausgerichteten Asset Allocation waren letztes Jahr am stärksten unter Druck. Sie haben vermehrt in volatilere Anlageklassen investiert, weil sie damit über 20 Jahre die höchsten Renditen erwarteten. Kurzfristig kann man damit aber auch am meisten verlieren.

Folglich sollten Sie mit der jüngsten Erholung wieder deutlich zugelegt haben?

Breval: Nur teilweise, denn wir haben seit über einem Jahr die Volatilität schrittweise reduziert. Im 2. Semester hätten wir ein «Rebalancing» vornehmen sollen, indem wir jene Anlagen kaufen, die wir zuvor verkauft haben. Der Verwaltungsrat hat aber entschieden, dass dies zu risikoreich wäre. Wir haben daher auf Zukäufe verzichtet.

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Ihre risikoreiche Anlagestrategie wurde kritisiert.

Breval: Wir hatten einen Aktienanteil von 35%, heute liegt er bei 20%. Damit haben wir in fünf Jahren bis 2007 durchschnittlich 6,2% pro Jahr erwirtschaftet. Damals hat nie jemand etwas kritisiert. Verlieren wir aber 18%, wenn die Märkte bis zu 40% und mehr einbrechen, dann hätten wir weniger volatile Anlagen halten sollen. Wir hatten keinen höheren Aktienanteil als eine durchschnittliche Pensionskasse.

Wie ist das Anlageergebnis im 1. Halbjahr 2009 ausgefallen?

Breval: Im 1. Semester haben wir eine Gesamtrendite von etwas über 3% erzielt. Dabei hat uns die Währungsabsicherung viel gekostet. Wir sichern rund 80% der Fremdwährungen ab. Ohne Absicherung hätten wir im 1. Halbjahr eine Performance von über 5% erzielt.

Netzer: Sämtliche Geldflüsse, und das sind über 45 Mrd Fr. pro Jahr, fallen in Franken an. Wenn wir ein diversifiziertes Portfolio führen wollen, dann müssen wir über die Hälfte in Währungen ausserhalb des Frankens anlegen. Diese sichern wir ab, da das Risiko ansonsten zu hoch ist.

Wie geht es im 2. Halbjahr weiter?

Breval: Die Marktentwicklung möchte ich nicht kommentieren, weil sie sehr ungewiss ist. Wir sind eher zurückhaltend, aber bis jetzt war 2009 eigentlich gut. Die Wirtschaftsentwicklung ist einfacher vorauszusehen. Sie wird ganz sicher negativ sein. Das heisst für uns, dass wir weniger Einnahmen haben und höhere Ausgaben. Dies ist für uns strukturell das viel wichtigere Problem als ob wir 4 oder 5% in einem Jahr erwirtschaften.

2008 war das Umlageergebnis noch positiv. Wie sieht es heute aus?

Breval: Das Umlageergebnis ist heute noch leicht positiv, doch es gibt einen Rückgang. Wenn sich die Wirtschaft in der Schweiz aber stark abschwächt, dann werden wir dies mit einer Verzögerung spüren.

Netzer: Noch ist es positiv, weil im 2. Halbjahr deutlich mehr Auszahlungen erfolgen als im 1. Semester. Bis 2008 und über viele Jahre konnte die AHV die Verluste, die bei der IV angefallen sind, immer «kompensieren». Die Erwerbsersatzordnung (EO) war, bis zur Einführung der Mutterschaftsversicherung, ebenfalls ausgeglichen. Aber wir gehen davon aus, dass wir schon nächstes Jahr ein negatives Umlageergebnis haben werden.

Wie stehen Sie zur Vorlage für die IV-Sanierung vom 27. September?

Netzer: Wir sind ganz klar dafür. Derzeit «zahlt» die AHV jährlich 1,2 bis 1,5 Mrd Fr. an die IV. Der AHV-Fonds sollte eigentlich ausgeglichen sein. Und das wäre er heute, wenn er nicht den Verlustvortrag der IV «decken müsste». Durch den kumulierten Verlustvortrag der IV von beinahe 14 Mrd Fr. ist der Fonds nicht in der Lage, die gesetzliche Vorschrift zu erfüllen, die bestimmt, dass das Vermögen des Fonds die Ausgaben für ein Jahr decken sollte. Die Substanz des AHV-Fonds wird ausgehöhlt. Deshalb sind wir dafür, dass die IV endlich saniert wird. Durch die Bildung eines selbstständigen IV-Fonds wird der AHV-Fonds nicht mehr weiter belastet und die IV wäre für ihre Substanz selber verantwortlich.

Ab wann wäre dies der Fall?

Netzer: Ab 1. Januar 2011, wenn die Erhöhung der Mehrwertsteuer (MwSt) erfolgen sollte. Es macht keinen Sinn, einen Fonds zu äufnen und ihn mit 5 Mrd Fr. zu bestücken, wenn die Finanzierung noch nicht läuft. Die 5 Mrd Fr. kommen übrigens auch aus dem AHV-Fonds. Wenn wir aber einen sozialstaatlichen Kompromiss eingehen und die Aushöhlung der AHV stoppen können, dann können wir damit leben.

Künftig würden keine weiteren Begehrlichkeiten der IV an die AHV gestellt?

Breval: Nein, denn es gäbe einen eigenständigen IV-Fonds mit seinen eigenen finanziellen Herausforderungen. Die Finanzierung der IV hängt dann von Entscheiden der Politik ab und wird nicht mehr zulasten des AHV-Fonds erfolgen. Bleiben würde der Schuldvortrag der IV, der bis dann gut 15 Mrd Fr. ausmachen wird. Eine «Querfinanzierung» gibt es danach nicht mehr. Die IV-Zusatzfinanzierung ist damit fast eine AHV-Zusatzfinanzierung, weil sie die AHV rettet.

Was wären die Auswirkungen eines Nein?

Netzer: Dann wird die Aushöhlung des AHV-Fonds weitergehen. Jährlich werden 1,2 bis 1,5 Mrd Fr. von der AHV in die IV fliessen und die Substanz der AHV aushöhlen, solange man keine neue Kompromisslösung findet. Aus Anlagesicht wäre dies ebenfalls eine ungünstige Ausgangslage, weil eine Erosion der Fondssubstanz uns weiter einschränken würde.

Werden die heute Berufstätigen dereinst noch Gelder von der AHV erhalten?

Netzer: Ich denke schon. Wir haben es in wirtschaftlich guten Zeiten verpasst, gewisse langfristige Lösungen zu finden. Aber das Schweizer Volk und das Parlament haben bereits in elf AHV-Revisionen Anpassungen beschlossen, die diesen einmaligen Sozialvertrag zwischen den Generationen, Sozialklassen und Geschlechtern erhalten haben.

Breval: Auch wenn in den nächsten Jahren keine Revision durchkommen sollte, wird es den AHV-Fonds immer noch geben. Aber dann würden wir früher oder später zu Schuldnern, der Bund müsste beispielsweise Anleihen am Markt platzieren, um uns zu finanzieren. Wir brauchen deshalb eine Lösung und sie muss in den nächsten zehn Jahren beschlossen werden. Je früher, desto weniger wird es das Schweizer Volk kosten.

Wie kann die AHV trotz der strukturellen Probleme überleben?

Netzer: Die Zusatzfinanzierung für die IV alleine reicht nicht. In den nächsten zehn Jahren braucht es eine oder mehrere zielgerichtete Lösungen. Die Alterspyramide verändert sich und wir haben eine Verantwortung gegenüber der kommenden Generation. Wir können nicht weniger bezahlen und dafür mehr Leistung bekommen. Entweder das Rentenalter oder die Beiträge werden erhöht oder aber die Auszahlungen reduziert; die zweite Variante ist aber eigentlich keine Variante.

Die nächste Erhöhung der Mehrwertsteuer ist damit programmiert?

Netzer: Ich denke nicht. Die Mehrwertsteuer-Erhöhung um 0,4% erfolgt nur für sieben Jahre. Laut den Berechnungen sollte dies ein ausgeglichenes Umlageergebnis bei der IV ermöglichen.

Die Erhöhung wird doch nicht mehr rückgängig gemacht.

Netzer: Der Souverän entscheidet. Es ist nicht auszuschliessen, dass in sieben Jahren ein neuer Vorschlag kommt, um weitere sozialstrukturelle Probleme zu lösen. Aber das Volk ist souverän und kann und soll bestimmen. Wir kennen die Mehrwertsteuersätze im Ausland. Im Vergleich dazu sind wir immer noch in einer komfortablen Situation. Wir wollen aber keine Erhöhung per se, sondern möglichst gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Wenn wir aber damit den Sozialvertrag in diesem schwierigen Umfeld aufrechterhalten können, dann wäre dies ein guter Schritt. Man darf nicht vergessen, dass die von der AHV ausbezahlten Gelder am Ende zurück in die Wirtschaft fliessen. Und das sind immerhin 35 Mrd Fr. im Jahr.