Seit Jahren schon werden die Lenker von Schweizer Banken und Konzernen von Ethos, Actares und anderen Aktionärsvertretern drangsaliert - ohne Resultat. Die institutionellen Aktionäre liessen sich von den Auftritten der Verfechter von mehr Aktionärsdemokratie nicht beeindrucken. Bis 2013 erstmals auch die Grossaktionäre ihre Meinung änderten und die Vergütungsberichte von Julius Bär und Actelion ablehnten.

An der Stimmungsänderung bei den institutionellen Aktionären hat ein Unternehmen Anteil, das davor in der Schweiz wenig Medienpräsenz hatte: ISS. Das Unternehmen «bietet seinen Kunden qualitativ hochstehende Analysen» der Corporate Governance von Hunderten börsenkotierten Unternehmen. ISS beschränkt sich aber nicht auf blosses Zusammenstellen von Datensätzen, das Unternehmen stellt seinen Kunden auch konkrete Abstimmungsempfehlungen für die Generalversammlung zur Verfügung. «Unsere Kunden bekommen die Empfehlungen und den Report in der Regel ungefähr 13 bis 17 Tage vor der Generalversammlung», erklärt Jean-Nicolas Caprasse, Europachef von ISS.

Auch wenn Caprasse betont, die Unternehmen seien in ihren Entscheidungen frei: im Hinblick auf die anstehende Umsetzung der Minder-Initiative könnte eine Ablehnung des Vergütungsberichts weitreichende Konsequenzen für die betroffenen Unternehmen haben.

Dass ISS sich von diesen möglichen Konsequenzen nicht in seinen Empfehlungen beeinflussen lassen würde, bekräftigt Jean-Nicolas Caprasse gegenüber handelszeitung.ch. «Wichtig ist für die Empfehlungen von ISS, dass die Entschädigung der Unternehmensspitze in einem Zusammenhang mit der Strategie und der Performance eines Unternehmens steht.» «Einige unserer Kunden haben sogar erwähnt, dass das Lohnthema etwas zu viel Aufmerksamkeit bekomme.» Auf jeden Fall decke sich die Haltung institutioneller Investoren nicht mit den Voten, welche man an Generalversammlungen zu hören bekommt. Die meisten ISS-Kunden nähmen gar nicht in Person an diesen Anlässen teil.

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Hohe Löhne an sich kein Problem

Die wertfreie Haltung von ISS erklärt auch die kontrovers scheinenden Empfehlungen von ISS bei Schweizer Unternehmen. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse stehen beinahe ständig unter Kritik für ihre Entschädigungspolitik, sei es wegen der Höhe der Boni oder für «golden Hellos» wie dasjenige von Investmentbank-CEO Andrea Orcel bei der UBS. Trotzdem empfehlen die Aktionärsberater den Vergütungsbericht der UBS zur Annahme, ebenso wie denjenigen der Credit Suisse, dem letzten Freitag knapp 88 Prozent der Aktionäre zustimmten.

Ganz ohne Schelte kommt die UBS allerdings nicht davon. Weil die Bank sich verbessert habe, solle man den Bericht gutheissen, schreibt ISS. «Aktionäre dürften aber weiterhin Vorbehalte wegen der fehlenden Obergrenze bei variablen Vergütungen (...) haben.»

Auch die Kapitalerhöhung zugunsten der Beteiligungsprogramme der CS-Angestellten lehnte ISS nicht ab, weil sich die Berater an der hohen Bezahlung der Manager stören. Hier widersprach die resultierende Verwässerung den Governance-Richtlinien von ISS. Dass trotzdem drei Viertel der Aktionäre zustimmten könnte daran liegen, dass ISS bei seinen Auswertungen «Dutzende verschiedener Empfehlungen ausspricht, abhängig von den eigenen Richtlininien der Kunden». Jean-Nicolas Caprasse räumt ein, dass gerade bei einem Thema wie Verwässerung viele institutionelle Investoren möglicherweise weniger strikte Einschränkungen anwenden.

Empfehlungen nicht durch Minder-Initiative beeinflusst

Die Generalversammlung der UBS dürfte folglich am Donnerstag ohne Überraschungen ablaufen. Zwar werden die üblichen kritischen Fragen wegen der Höhe der Boni und Löhne aus dem Plenum kommen - die von ISS beratenen Investoren werden sich aber davon nicht beeinflussen lassen.

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Auch nach der Umsetzung der Minder-Initiative sieht Caprasse keine Probleme auf Schweizer Unternehmen zukommen. Zwar seien die genauen Details der neuen Regulierung noch unbekannt, doch Beispiele anderer europäischer Länder zeigten, dass auch nach der Ablehnung eines Vergütungsberichts keine Verunsicherung im Unternehmen ausbrechen muss.

Vernünftig sei es, so der ISS-Manager, «wenn die Aktionäre ex ante über das Vergütungssystem abstimmen können». Bei den zwei bekannten Fällen (der schwedische Netzwerkausrüster Ericsson 2007 und der niederländische Elektronikkonzern Philips 2008), wo dieses von den Aktionären abgelehnt wurde, konnte der Verwaltungsrat anschliessend korrigieren und bei einer ausserordentlichen Generalversammlung schliesslich die Zustimmung einholen.