Wer in der hiesigen Vermögensverwaltungszene nach Wachstumsstorys sucht, der kommt seit Wochen nicht mehr um die Ostschweizer Kantone und das nahe Grenzland herum.

Da ist die St. Galler Kantonalbank, die noch im Frühling 2009 eine Private-Banking-Niederlassung in München eröffnen will, und dies erst als Start verstanden haben will. «Es ist vorstellbar, das wir in dem Raum in Wachstumszentren weiter zulegen», sagt Pressesprecher Simon Netzle zu den Ambitionen der St. Galler. Da ist die gewichtige Julius Bär, die eine neue Filiale in St. Gallen eröffnet hat und weiter ausbauen möchte: «St. Gallen ist ein wichtiger Standort mit grossem Potenzial, weshalb wir weitere Mitarbeiter für das Team vor Ort suchen.»

Da ist auch die Thurgauer Kantonalbank, die prüft, ob und in welcher Form sie im Bereich Private Banking im Ausland stärker Fuss fassen kann.

Wohlhabende statt Superreiche

Die Dynamik in der Ostschweiz sei nicht zufällig, glaubt Beat Bernet, Professor am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen an der Universität St. Gallen (HSG). «Die Region Ostschweiz sowie das Länderdreieck um den Bodensee weisen eine hohe Dichte an Affluent Persons auf. Also nicht primär die Superreichen, sondern wohlhabende Personen und Familien.» Im Zuge des forcierten Onshore-Banking vieler Privatbanken besännen sich diese auf die bisher etwas vernachlässigte Region, so der Bankexperte.

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Die Zahlen, welche die Studie «Swiss Financial Centre Watch Porträt des Finanzplatzes Schweiz» 2007 erhoben hat, belegen diese Entwicklung: Zwischen 1995 und 2005 hat die Zahl der Bankangestellten in St. Gallen um 4% zugenommen. In der gleichen Zeit wurden überall in der Schweiz, ausgenommen von Zürich, drastisch Stellen abgebaut.

Die Ostschweizer Vermögensverwalter von Wegelin & Co., Bank CA, die Thurgauer und die St. Galler Kantonalbank sowie die überregional agierenden Raiffeisen und die Liechtensteiner Landesbank LLB ? in der Ostschweiz mit der Tochter Bank Linth aufgestellt ? verdienen aber nicht nur an der einheimischen Klientel. Sondern auch ganz wesentlich an den Reichen ennet der Grenze, gerade im deutschen Baden-Württemberg und Bayern. Die zwei Bundesländer beherbergen zusammen 17% aller deutschen Bürger mit mehr als 3 Mio Euro Vermögen. Für Private-Banker heisst das: Wachstumsraten im zweistelligen Bereich. Die grossen Schweizer Institute sind deshalb längst mit Filialen vor Ort ? Julius Bär, Credit Suisse und UBS. «Das Engagement der Schweizer Privatbanker auf unserem Gebiet hat in den letzten vier Jahren deutlich zugenommen», bestätigt Rainer Grähling, Leiter Private Banking der Baden-Württembergischen Bank in Stuttgart, den Trend. «Die Schweizer Banken profitieren vom Ruf der Schweiz als Vermögensverwaltungsstandort.» Allerdings bemerkt Grähling jetzt einen verstärkten Zulauf von Kunden, nachdem die Schweizer Grossbanken in der Subprime-Krise Verluste einstecken mussten.

Zwischen Drang und Zwang

Dabei läuft das Geschäft meist in eine Richtung. Denn die Auslandsbanken kriegen speziell in der Ostschweiz kaum einen Fuss auf den Boden. So sind in der Region nur fünf solche Institute tätig, in Zürich aber gut 60. «Das Volumen ist zu klein, ausserdem gibt es dort etablierte Schweizer Banken ? die Konkurrenz ist stark», sagt Martin Maurer, Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken in der Schweiz. HSG-Professor Bernet kennt jedoch noch andere Gründe für die Zurückhaltung. Gerade deutsche Banken hätten es schwer, in der Schweiz Fuss zu fassen. «Das hängt nicht zuletzt mit dem Wunsch reicher deutscher Kunden zusammen, ihr ehrlich versteuertes Geld vor dem neugierigen Zugriff deutscher Beamter zu schützen», sagt Bernet. Wenigstens für die österreichischen Konkurrenten ist dies aber offenbar ein geringeres Problem. Am Platz St.Gallen ist etwa die Hypo Landesbank Voralberg vor Ort, die auch Private-Banking-Dienste anbietet.

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Dass die Schweizer Banken nun verstärkt im süddeutschen Raum Onshore gehen, also selber Filialen eröffnen, ist allerdings nicht auf die Wachstumsaussichten allein zurückzuführen. Das Vorgehen ist eine direkte Folge der strengen Reglementierung für Auslandsbanken. «Die deutschen Zulassungsbedingungen machen es für Schweizer Banken unmöglich, ohne eigene Organisation vor Ort in Deutschland zu akquirieren», sagt Hans Geiger, Professor am Swiss Banking Institute der Universität Zürich.

Die Bewirtschaftung einer Filiale ist jedoch mit hohen Aufwendungen verbunden. Das schreckt ab: So führt die Liechtensteiner LLB zwar eine eigene Einheit Deutschland-Österreich in ihrem Organigramm, hat sich aber aus «strategischen Gründen» klar gegen das Onshore-Geschäft in jenen Ländern entschieden.

Auch ZKB prüft Ausland-Plan

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Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) macht vorwärts zu italienisch «Avanti»: So heisst die neue Wachstumsinitiative, mit der die grösste Schweizer Staatsbank vorab im Private Banking verlorenen Boden gutmachen will. Geplant sind vorerst sieben neue Standorte in der Region. Doch die Pläne der Zürcher gehen über die angestammten Gebiete hinaus, wie Urs Ackermann, Leiter der ZKB-Pressestelle, auf Anfrage bestätigt. «Die ZKB verfolgt im Private Banking eine auf den EU-Raum fokussierte Offshore-Strategie.» Dies solle jedoch nicht heissen, dass ein Onshore-Private-Banking für die ZKB damit vom Tisch wäre, versichert Ackermann. Ebenfalls nicht ausschliessen will die Bank Akquisitionen zur Umsetzung von Avanti. «Falls sich eine Möglichkeit ergibt, wird die ZKB diese im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten sicher prüfen.» (sg)

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