Wie werden Sie bei der Zürich das Wachstum beschleunigen?

James Schiro: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, weltweit zu den fünf grössten Versicherern vorzustossen. In ausgewählten Märkten wollen wir der führende globale Versicherungskonzern sein. Wachsen kann man fast überall, aber nicht überall profitabel. Wir werden nur dort expandieren, wo profitables Wachstum möglich ist.

Wo genau sehen Sie dieses Potenzial?

Schiro: In Nordamerika sind wir im Privatkundensegment mit Farmers sehr gut aufgestellt und haben dank der Akquisition des Autoversicherers Bristol West unsere Produktepalette kürzlich noch erweitert. Während wir dieses Privatkundengeschäft sowohl organisch als auch mittels Akquisitionen weiter voranzutreiben gedenken, liegt beim Firmenkundengeschäft das Hauptaugenmerk auf dem Stärken der Marge. Auch in Europa sehen wir noch gezielte Expansionsmöglichkeiten sowohl in der Schweiz, Deutschland als auch im europäischen Mittelmeerraum. Im Schweizer Lebensversicherungsgeschäft verzeichnen wir in diesem Jahr ein hohes Wachstum. Das zeigt, dass auch in angeblich gesättigten Märkten Fortschritte möglich sind. Grosse Hoffnungen hege ich ferner auch für die aufstrebenden Märkte Asiens.

Wo steht die Zürich da?

Schiro: In China sind wir in diesem Jahr bei den Prämien um 30% und beim Gewinn ebenfalls zweistellig gewachsen. Wir expandieren schrittweise in ganz Asien, nicht nur in China. Indien schauen wir genau an.

Nicht erwähnt haben Sie Russland, wo Sie mit OOO Nasta zugekauft haben.

Schiro: In Russland sind wir jetzt der zweitgrösse ausländische Schadenversicherer. In diesem Land werden immer mehr Autos gekauft und in Verkehr gesetzt. Das sind gute Voraussetzungen für uns. Da sehen wir ein mögliches Wachstum von 20%.

Die Zürich hat ihr Profitabilitätsziel von 12 auf 16% erhöht: Werden Sie dieses Ziel 2007 erreichen?

Schiro: Wir sind sicherlich auf gutem Wege, wenngleich sich dieses Ziel ja auf die mittlere Frist bezieht. Im 1. Halbjahr 2007 sind wir über dem Ziel gelegen. Es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass wir den positiven Trend fortsetzen können. Wir sind sehr gut auf Kurs. Die Zürich befindet sich finanziell und operativ in einer starken Verfassung. Wir setzen alles daran, unseren Aktionären eine im Branchenvergleich erstklassige Rendite zu bieten.

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Wie werden Sie Ihre Margen ausweiten?

Schiro: Wir setzen auf diszipliniertes Underwriting und ausgefeilte Segmentierungstechniken. Höhere Margen schaffen wir nur, wenn wir selektiv und gezielt wachsen. Eine höhere Effizienz bei den betrieblichen Prozessen hilft uns zusätzlich, profitabler zu werden. Als nächsten Schritt geht es nun darum, den eingeschlagenen Transformationsprozess und eine verstärkte Fokussierung auf die Kundenbedürfnisse voranzutreiben.

Aber können Sie bei den Kunden tatsächlich höhere Margen durchsetzen?

Schiro: Das ist nicht der Punkt. Jeder kann wachsen, wenn er genügend Kompromisse bei der Profitabilität macht. Wir überprüfen alle Bereiche und verbessern die Effizienz. Wir können höhere Margen erreichen, indem wir den Kunden mittels attraktiven Produkten und einer breiten Auswahl von Vertriebskanälen einen höheren Mehrwert bieten. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen. Jedenfalls werden wir die Profitabilität nicht für Wachstum opfern.

Im laufenden Jahr streben Sie operative Verbesserungen von 700 Mio Dollar nach Steuern an. Wie viel haben Sie erreicht?

Schiro: Wir sind auf gutem Wege, unsere gesetzten Ziele zu erreichen. Dabei geht es nicht nur darum, mit unserem «The Zurich Way» Ergebnisverbesserungen im Umfang von 700 Mio Dollar zu realisieren. Noch wichtiger ist, dass wir damit einen Prozess in Gang gesetzt haben, der dauerhaft wirkt.

Haben Sie also die Kosten im Griff?

Schiro: Ja, ich gehe davon aus, dass wir die Kosten im Griff haben. Nach 18 aufeinander folgenden Quartalen mit operativen Verbesserungen gibt es keinen Grund zu zweifeln, dass wir bei den Kosten nicht diszipliniert sind. Wenn wir etwas versprechen, werden wir auch liefern.

Muss man seitens der Zürich mit Abschreibern als Folge der US-Kreditkrise rechnen?

Schiro: Zuerst sollte man sich vor Augen halten, dass wir eine Versicherungs- und nicht eine Investmentfirma sind. Unsere Anlagen haben wir breit diversifiziert. Im Bereich der US-Subprime-Papiere haben wir nur sehr geringe Beträge investiert. Ich rechne daher mit keinen Abschreibern als Folge der US-Kreditkrise in unseren Büchern. Entsprechende Befürchtungen von Investoren sind nicht berechtigt. Von den 190 Mrd Dollar Anlagegeldern haben wir weniger als 340 Mio Dollar in US-Subprime-Papiere investiert. Die Subprime-Krise ist für die Zürich kein Problem.

Die Combined Ratio verschlechterte sich wegen der extremen Wetterbedingungen in Europa im 1. Semester 2007 auf 96,5%: Erwarten Sie im laufenden Jahr eine weitere Verschlechterung?

Schiro: Was wir im 1. Halbjahr gesehen haben, war ungewöhnlich und, wie Sie sagen, durch die extremen Wetterverhältnisse beeinflusst. Zur Entwicklung der Combined Ratio mache ich grundsätzlich keine Voraussagen. In Grossbritannien habe ich übrigens selbst einen Augenschein über das Ausmass der Schäden genommen. Unsere Leute haben in der Schadenbehebung einen ausgezeichneten Job geleistet.

Inwiefern wird das Resultat durch die Überschwemmungen in Grossbritannien belastet?

Schiro: Die Schäden, welche im Juli anfielen, sind weniger schlimm als jene im Juni. Alles in allem dürften die Schadenkosten für die Überschwemmungen in Grossbritannien die Marke von 660 Mio Dollar nicht überschreiten. Trotz der Herausforderungen aufgrund des Wetters läuft das Schadenversicherungsgeschäft sehr erfreulich. Ich bin zuversichtlich für diesen Bereich.

Ist die Zürich ebenfalls von hohen Schadenskosten als Folge der Waldbrände in Kalifornien betroffen?

Schiro: Es ist noch zu früh, um genaue Zahlen zu nennen, doch wir erwarten keinen signifikanten Einfluss auf das Ergebnis von Zurich. Was das Privatkundensegment angeht, managen wir wohl die genossenschaftlich organisierten Farmers Exchanges, wofür wir eine an das Prämienvolumen gekoppelte Gebühr erhalten, besitzen diese jedoch nicht. Im Übrigen sind wir sehr stolz auf die rasche und unkomplizierte Hilfeleistung, mit der sich Farmers bei diesen jüngsten Waldbränden hervorgetan hat und die weltweit auf ein breites Medienecho gestossen ist.

Ist es möglich, dass wir in den nächsten Monaten weitere Akquisitionen der Zürich sehen?

Schiro: Sie werden doch verstehen, dass ich hierzu keine Stellung nehmen will und kann.

Und mittelfristig?

Schiro: Da bin ich jetzt vorsichtig. Wir prüfen vieles, und es kann sein, dass es plötzlich zu einem Abschluss kommt. Wir haben wiederholt verlauten lassen, dass wir Akquisitionen explizit nicht ausschliessen, so-
fern diese in unser strategisches Konzept passen und unseren Renditeanforderungen genügen.

Planen Sie, Teile der Zürich zu verkaufen oder ein Angebot für die britische Friends Provident zu machen?

Schiro: Sie sprechen die Spekulationen in britischen Zeitungen an, gemäss denen wir einen Teil des britischen Lebengeschäfts verkaufen sollen. Gleichzeitig wird behauptet, ich werde in Grossbritannien zukaufen. Ich staune manchmal, was da jeweils spekuliert wird. Ich kann das oft nicht ernst nehmen.

Die Bewertung der Zürich ist sehr tief: Kann die Zürich unabhängig bleiben?

Schiro: Davon bin ich überzeugt. Ich sehe Zurich noch auf lange Zeit als selbstständige Gesellschaft. Wir haben eine einmalige Position als Schweiz-basierter und international tätiger Versicherer. Wir erbringen Dienstleistungen in mehr als 170 Ländern und verfügen über ein exzellentes globales Netzwerk von Tochtergesellschaften und Filialen.

Die Marktkapitalisierung der Zürich ist geringer als jene von AIG, Axa oder Allianz: Wie erklären Sie dies Ihren Aktionären?

Schiro: Primär haben wir ein Sektorproblem. Fast alle Versicherer sind deutlich unterbewertet. Die höchste Marktkapitalisierung verzeichnet nicht eine europäische oder amerikanische, sondern eine asiatische Gesellschaft, die China Life. Wir wollen weltweit zu den fünf führenden Versicherern gehören. Punkto Marktkapitalisierung haben wir dies noch nicht erreicht. Aber es ist unsere Ambition, dass wir unsere Bewertung deutlich steigern.

Was können die Aktionäre von Ihnen erwarten?

Schiro: Dass wir kontinuierlich und profitabel wachsen und dadurch die Bewertung der Gesellschaft deutlich steigern.

Planen Sie für nächstes Jahr wieder ein Aktienrückkaufprogramm?

Schiro: Wir sind momentan in der Planungsphase für das nächste Jahr. Wir treffen Überlegungen zu unserer Kapitalstruktur, darunter etwa auch die Möglichkeit eines Aktienrückkaufprogramms oder einer Dividendenerhöhung jeweils einmal im Jahr und pflegen darüber anlässlich unserer Bilanzpressekonferenz im Februar zu informieren. Dabei sind wir darum bestrebt, dass die Rendite unserer Titel im internationalen Vergleich attraktiv bleibt.


Aber ein weiteres Aktienrückkaufprogramm ist ein Thema?

Schiro: Ja, es ist ein Thema. Doch der Entscheid darüber wird erst im nächsten Februar gefällt. Die für dieses Jahr gewählte Kombination aus höherer Dividende und Aktienrückkauf war für die Aktionäre sicherlich attraktiv. Wir haben gezeigt, dass wir einerseits die Ausschüttung für die Aktionäre steigern können, anderseits trotzdem
noch wachsen und Akquisitionen tätigen können.

Sie haben die Zürich wieder auf Erfolgskurs gebracht: Wie lange wollen Sie noch CEO der Zürich bleiben?

Schiro: Mein jetziger Vertrag läuft noch bis Ende 2009. Meine Aufgabe macht mir nach wie vor grossen Spass und ich bin sicher, dass wir noch mehr erreichen können. Ich denke nicht über einen Rücktritt nach. Mein Vater arbeitete bis 85. Eine Pensionierung ist daher für mich kein Thema.

Ist es Ihr Ziel, in den VR zu wechseln und später VR-Präsident der Zürich zu werden?

Schiro: Diese Frage stellt sich für mich
noch nicht. Ich bin glücklich mit dem,
was ich heute als CEO tue. Ich will die besten Talente weltweit für die Zürich gewinnen und mit der Gesellschaft gewinnbringend wachsen.

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Steckbrief

Name: James J. Schiro
Funktion: Group CEO und Chairman of the Group Management Board, Zurich Financial Services
Alter: 61
Familie: Verheiratet, zwei
erwachsene Kinder

Karriere

1967–2001: Laufbahn bei Price Waterhouse, ab 1995 als Chairman und CEO
Ab 1998 CEO und Chairman von
PricewaterhouseCoopers
Seit 2002: CEO bei Zurich Financial Services

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Zurich financial services

Globale Präsenz
Die Zurich Financial Services Group (Zurich) ist mit rund 58000 Mitarbeitern, die in mehr als 170 Ländern Dienstleistungen erbringen, weltweit der zweitgrösste Versicherer im Unternehmensgeschäft, der drittgrösste Schadenversicherer in den USA sowie der viertgrösste Schadenversicherer in Europa.

Starke Positon in Europa
Mit dem Lebensversicherungsgeschäft, das rund ein Viertel der Prämien einbringt, hält der Konzern in der Schweiz, in Europa sowie in ausgewählten internationalen Märkten ebenfalls eine führende Stellung.