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Jean-Noël Rey: «Ich bin für die Post-Initiative, aber gegen ein Postmuseum»

Der abtretende CEO der Privatpaketpost DPD Schweiz fordert klare Verhältnisse bei der Finanzierung des Service public. Die stetig expandierende DPD wäre bereit zu zahlen.

Von Interview: Claudia Laubscher und Synes Ernst
am 13.07.2004

Sie ziehen sich vom operativen Geschäft zurück. Wieso?
Jean-Noël Rey: Zum einen bin ich seit letztem Herbst Nationalrat, das füllt mich fast zu 50% aus. Zum anderen ist die Firma drei Jahre nach der Gründung jetzt konsolidiert und die Marke DPD in der Schweiz bekannt. Nun kann ich mich strategischen Aufgaben zuwenden. Ab August übernehme ich das Vizepräsidium des Verwaltungsrates von DPD (Schweiz) AG.

Bedeutet das, dass ein Manager in einer unternehmerischen Führungsposition nebenbei gar kein Nationalratsmandat ausüben kann?
Rey: Das hängt von der Persönlichkeit ab. Ich möchte mich jetzt auf das Nationalratsmandat konzentrieren und gleichzeitig meine Aufgaben in anderen Verwaltungsräten wie der Walliser Kantonalbank wahrnehmen.

Stand Ihr Rückzug bei einer Wahl schon fest?
Rey: Wir haben das dazumal diskutiert. Wir wollten uns aber Zeit lassen, um zu schauen, wer die operativen Aufgaben übernehmen kann. Und jetzt sind wir so weit.

Ihren Nachfolger haben Sie also gezielt aufgebaut?
Rey: Ja. Georges Champoud ist ein Mann mit 30 Jahren Erfahrung im Postwesen. Er war Chef meines Stabs, als ich Generaldirektor der Post war. Wir haben die DPD Schweiz gemeinsam aufgebaut.

Ein weiterer Romand, der in der Deutschschweiz Karriere macht.
Rey: Bei uns handelt es sich um Romands, die das Leben in der Deutschschweiz, und besonders in Zürich, zu schätzen wissen. Im Gegensatz zu mir versteht Georges Champoud das Schweizerdeutsch nicht nur, er spricht es auch fliessend.
DPD gehört zur französischen GeoPost, pflegen Sie eine französische Unternehmenskultur?
Rey: Nein, nein. GeoPost ist eine multinationale Gesellschaft. DPD Schweiz braucht einen Schweizer Chef. Champoud wurde gewählt, weil er die Fähigkeiten dazu hat, und nicht, weil er ein Romand ist.

Innert dreier Jahre haben Sie das Paketpostunternehmen zum grössten Konkurrenten der Post aufgebaut mit einem Umsatz von 100 Mio Fr. und 800 Angstellten. Seit Anfang Jahr ist der Paketmarkt komplett liberalisiert. Arbeiten Sie jetzt in paradiesischen Zuständen?
Rey: Ja und nein. Die Monopolgrenze fiel von 2 kg auf 1 kg. Alles, was darunter liegt, zählt weiterhin als Brief. So viel ist nicht passiert.

Das Ende des Monopols brachte keinen Wachstumsschub?
Rey: Der grösste Teil der transportierten Pakete wiegt weiterhin über 2 kg, liegt also im Bereich, wo es schon vorher Wettbewerb gab. Beim Wachstum liegen wir im Trend. Es beträgt 4 bis 5%.

Sehen Sie deutliche Anzeichen für einen Aufschwung?
Rey: Die Signale sind nicht eindeutig. Anfang Jahr waren die Zahlen sehr gut. Im April und Mai waren sie zwar positiv, lagen aber unter den Erwartungen. Die Kunden sind aber nicht abgesprungen, sondern hielten sich zurück. Jetzt zieht es wieder deutlich an.

Die DPD will in Zusammenarbeit mit dem Papeterieverband rund 300 Verkaufspunkte für Privatkunden eröffnen. Wann und wo kann man erste Pakete in einem dieser so genannten DPD-Shops aufgeben?
Rey: Die 20 Pilotshops nehmen
ab September den Betrieb auf, unter anderem in Zürich, Interlaken, Zug, Schwyz, Bellinzona und Chur. Der endgültige Start ist für kommenden Frühling vorgesehen.

Über diesen Verkaufskanal werden Sie nicht dieselbe Masse erreichen wie mit den Geschäftskunden. Wird das den Ertrag schwächen?
Rey: Das glaube ich nicht. Der Markt entscheidet. Meine Strategie ist es, langsam und kontinuierlich zu wachsen.

Wo stehen Sie mit dem Konzessionsgesuch, das alle Privatpaketfirmen bis September dem Postregulator stellen müssen?
Rey: Die Formulare sind ausgefüllt. Wir werden aber mit dem Einreichen noch zuwarten, weil wir dabei unseren Gesamtarbeitsvertrag unter Dach und Fach haben müssen. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften sollten im August abgeschlossen sein. Ein GAV ist
für uns von Vorteil, weil wir mit Franchisenehmern zusammenarbeiten - da braucht es Regelungen. Neu sind zudem auch die Chauffeure der Franchisenehmer dem GAV unterstellt. Wir wollen keine Dumpinglöhne. Eigentlich waren wir für einen Branchen-GAV.

Sie waren zusammen mit SP-Nationalrat und Präsident der Gewerkschaft Kommunikation, Christian Levrat, für einen Branchen-GAV, aber die deutsche Konkurrentin DHL wehrte sich dagegen.
Rey: Ich spreche nur für uns.

Wenn sich DPD an einen GAV hält, bringt das DHL einen Wettbewerbsvorteil, weil sie sich nicht an Mindestlöhne halten muss.
Rey: So einfach wird das nicht sein. Wir haben einen Postregulator, und der muss dafür sorgen, dass alle gleich lange Spiesse haben.

Die DPD beklagt sich jedoch häufig, dass die Spiesse eben nicht gleich lang sind. Was unternehmen Sie gegen die Benachteiligungen gegenüber der Post im Nachttransport oder bei der Verzollung?
Rey: Wir sind im Gespräch mit dem Departement und mit der Post. Punkto Nachttransport hat Ulrich Giezendanner soeben eine parlamentarische Interpellation eingereicht gegen die Wettbewerbsverzerrung zwischen der Post und Privaten. Bei der Verzollung steht ein neues Gesetz an, welches die Fehler korrigieren soll.

Was haben die Konsumenten von der Paketliberalisierung profitiert?
Rey: Viel.
Die Preise sind nur angestiegen.
Rey: Nicht so im Paketbereich. Zudem sind die Leistungen besser geworden. Im Paketbereich haben die Geschäftskunden direkt und die Konsumenten indirekt gewonnen.

Können Sie sich auch eine gemeinsame Nutzung der Paketzentren vorstellen?
Rey: Ja, wieso nicht, wenn die Leistung stimmt.

Der Postregulator rechnet im Vorfeld der Konzessionsgesuche mit einer Konsolidierung. Haben sich bereits kleinere Unternehmen DPD angeschlossen?
Rey: Wir haben die Firma WHP mit 60 Mitarbeitern in Bern gekauft.

Die Post steht derzeit politisch im Rampenlicht. Wie stehen Sie der «Post-Initiative» gegenüber?
Rey: Mein Standpunkt ist bekannt. Ich habe immer für eine Finanzierung des Service public gekämpft. Doch als man das Monopol auflöste, wollte das Parlament den Service public zwar erhalten, aber ohne ihn selbst zu definieren.
Man setzte vielmehr auf eine Verordnung des Bundesrates, und dieser delegierte die Aufgabe an die Post weiter. Und wenn die Post jetzt versucht, den Service public zu definieren, sagen die Politiker, dass sie das nicht finanzieren könnten. Dieses Schwarz-Peter-Spielchen muss jetzt aufhören, denn dadurch wird die Entwicklung blockiert. Deshalb bin ich für die Initiative.
Was sind Ihre Argumente?
Rey: Damit würde der Service public definiert und dessen Finanzierung gesichert. Ich will kein Postmuseum - das ist auch nicht der Sinn der Initiative -, sondern nur klare Verhältnisse. Das heutige Problem der Post sind die Kosten der Infrastruktur und die Erhaltung der Arbeitsplätze. Ich verstehe die Ängste der Menschen in der Peripherie. Man muss offen mit den Menschen reden, wie man die Postinfrastruktur innert der nächsten zehn Jahre modernisieren kann, und nicht von heute auf morgen. Dieses Tempo findet keine Akzeptanz.

Sie akzeptierten, dass die Post weiterhin Monopolleistungen ausführt und Private dafür mitbezahlen?
Rey: Wenn alles klar definiert ist, bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten. DPD lässt sich die Versorgung der Randregionen heute schon 6 Mio Fr. kosten, weil wir so genannte Garantiezahlungen leisten und für die Fahrten in die Randregionen drauflegen. Ich könnte im Paketmarkt gar kein Rosinenpicker sein, die Kunden verlangen eine flächendeckende Zustellung.

Werden Sie sich finanziell an der Wahlkampagne beteiligen?
Rey: Nein, nicht als Unternehmer. Ich werde als Nationalrat Stellung nehmen.

Was ist die ideale Grösse eines Postunternehmens?
Rey: Ein Marktanteil von 30% wäre optimal. Heute haben wir rund 15%. Unsere Logistik ist sehr flexibel und ausbaubar. Das trifft auf ein Grossunternehmen wie die Post mit drei Hubs nicht zu. Sie könnte zudem wegen ihrem Transportaufwand und den Treibstoffkosten Probleme kriegen.

Wird die Schweiz immer eine eigene Post haben?
Rey: In zehn Jahren werden alle Postbetriebe anders aussehen, nicht nur die schweizerischen. Im Bereich Briefpost sind fantastische Entwicklungen im Gange. Schon heute können Konsumenten im Ausland Briefmarken selber drucken. Technisch sind wir bald so weit, dass der Kunde selber den besten Weg für eine Sendung bestimmen kann.
Solange das Briefmonopol in der EU nicht fällt - und es scheint länger zu dauern als bis 2007 -, gibt es keine grossen Bewegungen.
Rey: Ich bin überzeugt, die Technologie wird die Probleme lösen.

Sind Sie einverstanden mit der Aussage von SP-Präsident Hans-Jürg Fehr, wonach die Parteimitgliedschaft von Post-Chef Ulrich Gygi für die Partei in der Romandie ein Glaubwürdigkeitsproblem darstellt?
Rey: Das sehe ich nicht so. Das ist kein Problem der Romandie, sondern eines von Randgebieten, wo Poststellen und Arbeitsplätze abgebaut werden. Ich wiederhole: Wir müssen das Finanzierungsproblem des Poststellennetzes lösen.

Von einer Rücktrittsforderung halten Sie demnach nichts?
Rey: Gar nichts. Das Problem ist, dass die Politiker entscheiden müssen, was sie wollen. Das hat nichts mit Ulrich Gygi zu tun.

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