Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung wohnt in einer von 162 Städten oder Gemeinden, die über ein Energiestadt-Label verfügen. Umwelt- und Klimafreundlichkeit sowie Energieeffizienz werden immer mehr zu einem Standortfaktor. Das Label «Energiestadt» ist nur die häufigste Auszeichnung. Findige Gemeinden und Städte haben noch ganz andere Ideen, um sich als umweltfreundlich zu positionieren. Das Goms beispielsweise will bis 2030 zur ersten energieautarken Alpenregion der Schweiz werden, und die Thurgauer Gemeinde Hohentannen das erste Bioenergiedorf der Schweiz – aber auf ein Label verzichten, weil es zu teuer ist.

Tourismusorte wie Arosa werben mit CO2-neutralen Ferien, die Stadt Zürich verkündete kürzlich, sie habe die Kyoto-CO2-Reduktionsziele in greifbarer Nähe.

Ohne grosses eigenes Dazutun leben so manche Schweizer und Schweizerinnen in einer Ökostadt oder -gemeinde. So bezieht der nicht gerade als «Grüner» bekannte Ex-Bundesrat Christoph Blocher nur «sauberen Strom». Seine Wohngemeinde Herrliberg setzt seit vergangenem Oktober als erste Schweizer Gemeinde ausschliesslich auf erneuerbare Energien.

Neue Finanzierungswege gesucht

Im Falle des Labels «Energiestadt» werden jährlich mit einem Budget von 2,5 Mio Fr. – das der Bund im Rahmen des Programms Energie Schweiz vergibt – Investitionen von rund 50 Mio Fr. ausgelöst und 400 neue Arbeitsplätze geschaffen. Alle Energiestädte zusammen sparen jedes Jahr rund 78 000 t CO2 und 72 Mio KWh Strom.

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Bruno Werder, Gemeindepräsident von Cham, welches mit dem European Energy Award Gold ausgezeichnet wurde, sagt: «Wir haben in vier Jahren rund 25 Projekte mit 150000 Fr. unterstützt. Das hat Investitionen von 1,7 Mio Fr. ausgelöst.» Neben ökologisch sinnvollen Projekten seien auch Arbeitsplätze im lokalen Gewerbe gesichert worden. In Lausanne wurden innert vier Jahren durch die Unterstützung für Energieeffizienz – vor allem Sanierung der Gebäudetechnik – gar Investitionen von 30 Mio Fr. ausgelöst und über 100 Vollzeitstellen gesichert, wie Stadtpräsident Daniel Brélaz sagt. Der Energiedelegierte von Lausanne, Georges Ohana, betont: «Die Massnahmen für mehr Energieeffizienz bedürfen nicht nur eines starken politischen Willens auf nationaler Ebene, sondern auch die Schaffung neuer Finanzierungsinstrumente.»

In der Energiestadt Zürich reichen die Auswirkungen von neuen ökologischen Stromprodukten des EWZ, Vergünstigungen bei der Anschaffung energieeffizienter Geräte (aktuell Kühlgeräte) über erhebliche Investitionen in den öffentlichen Verkehr, bis zu Ökologie im Beschaffungsprozess, wie Peter Spichiger sagt. Der Departementssekretär Bereich Energie weiter: «Wichtig am Label ‹Energiestadt› ist, dass es die Behörden dazu zwingt, jedes Jahr zu überlegen, welche Massnahmen, von denen die Bevölkerung profitiert, zur Senkung des Energieverbrauchs weiter unternommen werden könnten.» Im Herbst soll im Stadtparlament konkretisiert werden, wie die anvisierte 2000-Watt-Gesellschaft (ein Legislaturschwerpunkt der Stadtregierung) erreicht werden könnte. Nötig wäre eine Reduktion des Energiekonsums um zwei Drittel gegenüber heute.

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Städte müssen vorangehen

Gemäss einer Wirkungsanalyse von EnergieSchweiz für 2006 wurden mit Fördermitteln von EnergieSchweiz und den Kantonen von 74 Mio Fr. total Investitionen von 1 Mrd Fr. ausgelöst. Bei den erneuerbaren Energien stehen Subventionen von 6,8 Mio Fr. Investitionen von 705 Mio Fr. gegenüber. Die Investitionen im Marktbereich öffentliche Hand und Gebäude von 285 Mio Fr. sind zu einem Viertel auf kantonale Förderaktivitäten (6,6 Mio Fr.) zurückzuführen. Für 2006 resultierte zudem insgesamt eine Netto-Beschäftigungswirkung von 5900 Personenjahren.

Die meisten Schweizer Positionierungsversuche orientieren sich an ausländischen Vorbildern. Zürich ist nicht die einzige Stadt, welche sich die Kyoto-Ziele auf die Fahne schreibt. In den USA haben 700 Bürgermeister die Kyoto-Ziele unterschrieben. Viele gehen auch weiter. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg will die CO2-Emissionen bis 2030 um 30% gegenüber 2006 senken.

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ETH-Energieforscher Peter de Haan betont, dass es für Städte einfacher sei, die Kyoto-Ziele zu erreichen, weil Gebäude öfter saniert werden, mehr in den öffentlichen Verkehr investiert werde und es weniger Industrie gebe. Tatsächlich ist es für eine 600-Seelen-Gemeinde wie Hohentannen bereits eine grosse Herausforderung, 2 Mio Fr. für Biogas- und Windkraftprojekte zusammenzubringen, wie Gemeindeammann Christof Rösch sagt.

Aber auch in Zürich seien Erfolge nicht einfach zu erzielen, wie Departementssekretär Spichiger betont: «Sie sind das Resultat von zweieinhalb Jahrzehnten konsequenter und vorausschauender Politik im Energie- und Umweltbereich mit erheblichem Ressourceneinsatz.»