1. Home
  2. Unternehmen
  3. Jens Alder: «Wir sind päpstlicher als der Papst»

Jens Alder: «Wir sind päpstlicher als der Papst»

Der Chef des Telekommunikationskonzerns Swisscom zu Vergünstigungen für die Parlamentarier, politischem Lobbying, sinkenden Margen und zum Swisscom-Dampfer, der mit langem Bremsweg auf Kurs ist.

Von Michael Kuhn und Gabriela Weiss
am 04.05.2005

Wie viele Niederlagen ertragen Sie noch?

Jens Alder: Ich erlebe täglich Niederlagen. Und die meisten ertrage ich ganz gut.

In welche Kategorie gehört die misslungene Übernahme von Cesky Telecom?

Alder: Es ist eine emotionale Niederlage. Aber intellektuell ist es keine. Unsere Entscheidung war richtig, nicht mehr zu bieten, als wir der tschechischen Regierung offeriert haben.

Sie sind an Telekom Austria und an Cesky Telecom gescheitert. Das ist ein strategisches Fiasko.

Alder: Das ist es nicht. Es waren keine Gelegenheiten, die wir verpasst haben. Im Nachhinein wissen wir, dass die Resultate für Swisscom unter den geltenden Umständen die bestmöglichen waren.

Aber längerfristig muss Swisscom wachsen.

Alder: Ja, wir müssen im Ausland wachsen. Aber es ist besser, nicht zu wachsen, als für eine Akquisition einen überrissenen Preis zu zahlen. Ich hätte gerne eine Firma gekauft ­ aber es war bisher nicht möglich.

Die Kommission des Ständerates hat jüngst angedeutet, auf eine technologieneutrale Entbündelung der Letzten Meile zu setzen. Was hätte dies für Konsequenzen?

Alder: Ich bin verblüfft, dass man überhaupt auf so eine Idee kommen kann. Für die Schweiz wäre eine solche Regulierung ein gewaltiger Rückschritt. Wir hätten auf einen Schlag auf sämtlichen Netztechnologien im Anschlussbereich, inklusive Mobilbereich, keine Rechtssicherheit mehr. Das wäre das giftigste Gift für Investitionen.

Der Vorschlag des Nationalrates, nur die Kupferkabel zu entbündeln, ist im Vergleich moderat.

Alder: Im Vergleich ist er das. Aber das heisst nicht, dass dieser sinnvoll ist. Auch diese Regulierung wäre eine Investitionsbremse.

Was heisst das in Zahlen?

Alder: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir werden auch in Zukunft in die Basis unserer Existenz investieren müssen. Die geplante Regulierung würde uns aber zwingen, nur noch dort zu investieren, wo wir existenziell von der Konkurrenz bedroht werden. Und das ist in den Zentren.

Analysten gehen bei einer Entbündelung der Letzten Meile von einem Einbruch des Fixnet-Umsatzes von 6% aus. Ein herber Schlag?

Alder: Das wäre ein gewaltiger Schlag. Aber da wissen die Analysten etwas, das ich noch nicht weiss.

Sie werden mit allen Kräften versuchen, die Vorlagen abzuwenden.

Alder: Selbstverständlich werde ich dagegen lobbyieren, das ist legitim. Ich will unsere Stimme den einzelnen Parlamentariern näher bringen. Ich muss aber sagen, dass diese bei persönlichen Kontakten in letzter Zeit sehr zurückhaltend sind.

Wie viel gibt die Swisscom jährlich für politisches Lobbying aus? Schätzungen reichen von 40 bis 200 Mio Fr.

Alder: Das ist hanebüchener Unsinn. Das liegt mehrere Grössenordnungen von dem weg, was ich mir vorstellen kann.

Was ist eine realistische Grösse?

Alder: Ich investiere etwa 10% meiner Arbeitszeit für Lobbying. Zusätzlich haben wir zwei Mitarbeiter, die sich zu 100% mit diesem Thema befassen. Hinzu kommen zwei, drei Juristen, die alle entsprechenden Vorlagen des Parlaments analysieren. Das ist es.

Sie haben Geschenke wie die Trottinetts oder die Kommunikationskarten für die Laptops der Parlamentarier vergessen.

Alder: Letzteres ist lediglich eine Promotion. Bei Vergünstigungen für Parlamentarier ist die Swisscom päpstlicher als der Papst.

Auch ohne Entbündelung wird Ihre Telekom-Festung attackiert: Cablecom hat bereits 150000 Kunden gewonnen. Schmerzt Sie das?

Alder: Natürlich.

Wenn man die Grundgebühr für Festnetzkunden hochrechnet, fehlen Ihnen allein schon dadurch pro Jahr 45 Mio Fr. in der Kasse.

Alder: Das ist sehr bedauerlich. Und da soll noch jemand behaupten, es gebe heute keinen Wettbewerb auf der Letzten Meile zum Kunden.

Monatlich wechseln Tausende von Kunden zu Cablecom. Was ist ihr Worst-case-Szenario für 2005?

Alder: Ich gebe sicher keine Geschäftsprognose für Cablecom ab. Aber ich hoffe, dass es weniger sind, als Cablecom gewinnen will. Wir wollen diese Abwanderung von Kunden stoppen, aber wir sind im Moment dazu nicht in der Lage.

Das bedeutet massive Einbussen in Ihrer Division Fixnet.

Alder: Wir werden damit einige Umsatzverluste einfahren. Der bestehende Wettbewerb hat alle schönen Konsequenzen für die Konsumenten: Die Preise kommen runter, es gibt attraktivere Angebote, und die Innovationen werden angeschoben.

Mit dem Telefonieren übers Internetprotokoll drohen weitere Verluste. Analysten rechnen bis 2006 mit einem Umsatzrückgang von 10%.

Alder: Das kann ich so nicht bestätigen. Aber die Umsätze im Fixnetbereich werden pro Jahr im einstelligen Prozentbereich zurückgehen.

Swisscom hat Fernsehen aus der Telefonsteckdose angekündigt. Wann kommt das nun endlich?

Alder: Das kommt definitiv in der 2. Jahreshälfte. Zuhause habe ich es bereits ­ und es funktioniert.

Was heisst «funktioniert»?

Alder: Es läuft, die Qualität ist gut. Das Problem ist, dass wir es noch nicht flächendeckend anbieten können. Wir werden beim Start noch nicht überall eine gute Qualität erzielen können.

Für Ihre TV-Pläne benötigen Sie VDSL, also fünf Mal schnelleres ADSL. Dazu müssen Sie den Glasfaserausbau vorantreiben. Graben Sie schon bald die Schweiz um?

Alder: Für konkurrenzfähiges Fernsehen benötigen wir auf längere Frist VDSL. Deshalb führen wir diese Technologie auch noch im Laufe dieses Jahres ­- zunächst als Test -­ schrittweise ein. Und ja, wir treiben den Glasfaserausbau voran.

Wie viel investieren Sie in Bluewin-TV?

Alder: Um die Grundinfrastrukturen auszubauen, brauchen wir einen grossen zweistelligen Millionenbetrag. Der Einzelanschluss und die Investitionen ins Netz sind proportional zur Anzahl Kunden, die den Dienst beziehen. Wir investieren pro Jahr insgesamt rund 500 Mio Fr. in Swisscom Fixnet und glauben, damit unsere Pläne abdecken zu können.

Wie viel werden Sie für das Marketing aufwerfen?

Alder: Viel.

Cablecom macht einen Umsatz von 730 Mio Fr. Der TV-Markt ist gemessen an Ihren Investitionen nicht sehr gross.

Alder: Cablecom bearbeitet einen Teil des Marktes, unser Potenzial sind aber alle Haushalte in der Schweiz. Aber man muss ehrlich sein: Für uns ist das TV-Geschäft primär eine defensive Massnahme. Wir haben einen hohen Aufwand, ein hohes technisches Risiko sowie ein hohes Reputations- und Marketingrisiko.

Weshalb machen Sie es trotzdem?

Alder: Weil wir von der Konkurrenz in diese Ecke getrieben wurden. Das ist eine klare Wettbewerbsblüte. Es ist noch nicht gesichert, dass das Geschäft einmal rentieren wird. Aber wir wollen den Innovationswettbewerb fördern, weil wir das Wachstumspotenzial suchen. Und das ist nicht schlecht, nach 40 Jahren Fernsehtiefschlaf liegt noch viel drin.

Mit der Ankündigung für eine Flat Rate in der Datenkommunikation für Geschäftskunden haben Sie den Preiswettbewerb im Mobilbereich losgetreten. Ist Swisscom dermassen unter Druck?

Alder: Selbstverständlich sind wir unter Druck, gerade bei den Geschäftskunden.

Wann profitieren die Privatkunden?

Alder: Das ist eine Frage der Wettbewerbsdynamik. Das kann Jahre gehen, aber auch nur eine Woche weg sein. Sie können aber davon ausgehen, dass die Preise weiter sinken werden.

Wie sieht die Ebitda-Marge aus im Mobilfunkbereich, wenn nun der Preiswettbewerb losgeht?

Alder: Sicher ist: Wenn die Preise purzeln, dann drückt das erst mit einer zeitlichen Verschiebung auf die Marge. Ich gehe davon aus, dass die Marge in diesem Jahr nicht stark ändert.

Werden sich die Konkurrenten Sunrise und Orange in den nächsten Jahren halten können?

Alder: Ich gehe davon aus.

Wie ist das 1. Quartal 2005 angelaufen?

Alder: Wir kommunizieren am 12. Mai. Sie können davon ausgehen, dass Swisscom ein Dampfer ist, der primär einmal geradeaus fährt.

Sie konnten nicht beschleunigen?

Alder: Nein. Wir haben einige Ziele herausgegeben. Wenn Sie die vergangenen Jahre beobachten und extrapolieren, dann machen Sie eine Wette und setzen einen hohen Betrag, das Risiko ist nicht so gross.

Wenn alles beim Alten bleibt, bauen Sie weiter Arbeitsplätze ab?

Alder: Ja. Im Rahmen dessen, was angekündigt ist. Effizienzsteigerung ist ein Muss, und das wird immer schwieriger. Wenn das Unternehmen aber nicht wächst und die Preise fallen, gibt es kein anderes Rezept.

Was erwarten Sie für 2005 bezüglich Umsatz?

Alder: Wie gesagt, Swisscom ist auf Kurs.

Interview: Michael Kuhn und Gabriela Weiss

Der Techniker vom Aargau

Steckbrief

Name: Jens Alder

Funktion: CEO Swisscom AG

Alter: 47

Wohnort: Wohlen AG Familie: Vereiratet, ein Sohn

Ausbildung: Dipl. Elektroingenieur ETH, MBA Insead

Karriere

1993­-1996 Alcatel STR: Senior Vice President Network Systems Export

1996­-1998 Alcatel Schweiz: Bereich Telecom, General Manager

1998-­1999 Swisscom, Leiter Network Services, Konzernleitungsmitglied

ab 1999 Swisscom AG; CEO

Schlagworte

«Wenn ich Österreich oder Tschechien höre, dann denke ich ... an zwei schöne Länder.»

«Ich schätze Tele2-Chef Roman Schwarz, weil ... kein Kommentar.»

«Ich verdiene nicht so viel wie Novartis-Chef Daniel Vasella, weil ... Swisscom ein anderes Unternehmen ist als Novartis.»

«Ich sitze in keinem Verwaltungsrat, weil ... ich bisher alle Angebote abgelehnt habe.»

Warum Swisscom-Chef Jens Alder in keinem Verwaltungsrat sitzt

«Je nach Unternehmen wäre das problematisch»: «Mein eigener Präsident zu sein? Das wäre super. Mich selber zu überwachen braucht gar keine Zeit», witzelt Swisscom-Chef Jens Alder zum Thema Ämterkumulation von Topmanagern. Anders als der Nestlé-Chef und ­Präsident sowie Multi-Verwaltungsrat Peter Brabeck hält sich Alder mit Mandaten zurück. Er sitzt in keinem Verwaltungsrat eines namhaften Unternehmens. Der Grund:«Wenn ich in einem VR sitze, wird das immer im Zusammenhang mit der Swisscom gesehen», sagt Alder. Je nach Unternehmen wäre das problematisch, weil die Swisscom mit dem Bund als Hauptaktionär eine besondere Stellung habe. 2002 hat er sich dem politischen Druck gebeugt und auf die Kandidatur für einen Sitz in den Verwaltungsrat (VR) der UBS verzichtet. Seitdem ist er zurückhaltend.

Dabei würde den Swisscom-Chef ein Mandat durchaus reizen. «Mir persönlich und für meine Rolle als Swisscom-Chef würde es gut tun, wenn ich noch in einen anden Konzern hineinsehen und Erfahrungen sammeln könnte», sagt Alder. Das könne auch für die Swisscom bereichernd sein. Nicht aber für sein Portemonnaie. Alder: «Was ich zusätzlich verdienen würde, würde der Swisscom gehören. Ich habe keinen finanziellen Anreiz.»

An Angeboten würde es dem Swisscom-Chef nicht mangeln: «Ich bekomme viele Anfragen aus allen Branchen.» Der Technologiebereich würde den ETH-Absolventen Alder aber besonders interessieren. Er glaubt auch, genug Zeit zu haben für zusätzliche Mandate.

Was seine Zukunft bei Swisscom angeht, sagt Alder: «Wenn es nach mir geht, bin ich auch 2006 noch Swisscom-Chef.» Er habe Spass an seinem Job, kann sich aber nicht vorstellen, diesen 15 Jahre zu machen. «Das wäre auch falsch für das Unternehmen.» Alder ist seit 1999 Swisscom-Chef.

Swisscom N Letzer Kurs: Fr. 414.25

(in Mio Fr.) 2004 2003 %

Umsatz 10057 10026 0.3

Ebitda 4404 4504­ 2.3

Ebitdamarge (in %) 43.8 44.9­ 2.4

Reingewinn 1594 1569 1.6

Beschäftigte 14875 15477 ­4

FAZIT´: Alles beim Alten, ist man bei Swisscom versucht zu sagen: Die Finanzziele werden wohl auch 2005 erreicht. Der härter werdende Wettbewerb zwingt die Swisscom aber in die Offensive.

Anzeige