Für einmal hatten Alpiq und Axpo dieselbe Idee. Zeitgleich klopften die zwei Stromkonzerne einst bei Jens Alder an, um anzufragen, ob er am Job des Verwaltungsratspräsidenten ­interessiert sei. Alder verhandelte mit beiden und entschied sich dann für den Alpiq-Posten. Das war vor gut drei Jahren.

Bald ist Alder nicht mehr nur Präsident, sondern auch operativer Chef des Stromkonzerns. «Meine neue Doppelrolle ist das Beste für die Alpiq», liess der 61-jährige Manager die «NZZ am Sonntag» wissen, nachdem die bisherige CEO Jasmin Staiblin ­ihren Abgang angekündigt hatte.

Alders Statement lässt aufhorchen: Spätestens seit der Ära von ­Daniel Vasella bei Novartis sind Doppelmandate in der Schweiz verpönt und werden höchstens noch vorübergehend toleriert. Umso über­raschender ist deshalb, dass Alder beabsichtigt, die Alpiq auf längere Zeit im Doppelmandat zu leiten.

EDF sucht einen Weg aus der Alpiq

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Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», warum das so ist. Alders Allmacht ist nämlich aus der puren Not geboren. Aus jener, gar keinen Chef einsetzen zu können. Die Alpiq steht vor einer strategischen Zerreissprobe. Nicht ein CEO kann sie meistern, sondern nur der Verwaltungsrat: 2020 läuft der Aktionärsbindungs­vertrag aus, der seit der Gründung im Jahr 2009 mehr als 80 Prozent des ­Aktienkapitals aneinanderkettet (siehe Grafik). 

Schon jetzt ist klar, dass es zu gros­sen Bewegungen im Aktionariat kommen wird. Denn die französische Électricité de France ( EDF) hat den Austritt gegeben. EDF hält einen Viertel der Aktien, die sie einst für rund 1 Milliarde Franken erworben hat. Dass die Franzosen diese abstossen wollen, ist aktenkundig. Im letzten Halbjahresbericht hat die Alpiq die Kündigung kommuniziert.

Angeblich «keine Auswirkung auf die Aktionärsstruktur»

«Wie die Alpiq in zwei Jahren aussieht, weiss heute niemand», sagt ein Involvierter. Es sei deshalb müssig, nun einen ­neuen CEO zu rekrutieren. Vielmehr müsse Doppelmandant-Alder rasch die Eignerfrage beantworten. Sprich: Das 25-Prozent-Paket der Franzosen rückabwickeln. Offiziell gibt sich ein Alpiq-Sprecher gelassen: Die Kündigung habe keine Auswirkungen auf die heutige Aktionärsstruktur. 

Das eleganteste Szenario wäre wohl, die EDF-Anteile an einem neuen Ankeraktionär zu verkaufen. Beim aktuellen Börsenkurs kosten die Aktien eine halbe Milliarde Euro, was den Franzosen einen Verlust von rund 200 Millionen auf ihren Einstandspreis ­bescheren würde. Doch der Marktpreis ist für die EDF kein relevanter Massstab, wie sie im jüngsten Geschäftsbericht festhält: «Der Konzern ist der Ansicht, dass dieser Marktwert insbesondere aufgrund des geringen Streubesitzes nicht repräsentativ für den Unternehmenswert ist.» Sprich: Die Franzosen wollen deutlich mehr.

Die Hypothek der Atomenergie

In Alpiq-Kreisen wird bezweifelt, dass solche Preise für das EDF-Paket bezahlt würden. «Mit Atommeilern und fossilen Kraftwerken im Portfolio ist man auf dem Kapitalmarkt praktisch unvermittelbar geworden», sagt ein Kenner der Materie. Ein anderer spricht von der «Hypothek» Atomenergie. Keiner weiss, was die grossen Kraftwerksbeteiligungen wert sind. Und wie hoch die Kosten sind, welche die Entsorgung dereinst noch verur­sachen wird. Die politischen Rahmenbedingungen des Atom-Rückbaus sind in der Schweiz schliesslich noch lange nicht geklärt.

Und so kursiert ein zweites Szenario, das wahrscheinlicher ist: Die EDF könnte mit Alpiq-eigenen Anlagen ausgekauft werden. Bereits heute betreibt der Schweizer Stromkonzern im Joint Venture mit den Franzosen mehrere Kraftwerke in den Walliser Alpen. Bezugsrechte am Kraftwerk Emosson brachte die EDF einst als Realwert in die Alpiq mit ein. Liesse sich die Alpiq mit solchen Anteilen auskaufen? Oder mit Beteiligungen an fossilen Kraftwerken, welche die Alpiq noch immer im Ausland hält? 

Für den Schweizer Konzern und seine Aktionäre wäre das die einfachste und günstigste Variante. Unter Umständen würden daraus gar Buchgewinne resultieren. Die Sache hat nur einen Haken, wie ein Insider festhält: «Die EDF hätte am liebsten Cash.»

Frisches Kapital nur mit grossen Mühen

Es bleiben die bestehenden Aktionäre als Investoren: Sind sie bereit – und fähig –, das Geld auf den Tisch zu legen, das es brauchte, um der EDF die Aktien ab­zukaufen? In der Vergangenheit waren die Altaktionäre jeweils nur gegen Widerstand und mit Misstönen bereit, frisches Kapital zu zeichnen.

Zwar sitzen einzelne industrielle Alpiq-Eigner auf Reserven aus den ­guten Strommonopol-Zeiten. Doch andere haben den Notgroschen in den Krisenjahren verbraucht. Zudem sind die Aktionäre unterschiedlich organisiert: Genossenschaftliche Regionalversorger im Baselbiet, Kantone und parastaatliche Stromkonzerne wie die Westschweizer EOS-Holding machen einen Interessenkonsens schwierig. 

Vor allem der EOS werden in Investorenkreisen Gelüste am EDF-Stake nachgesagt. Könnte Präsident Guy Mustaki den Moment nutzen, um
die auf der Sprachgrenze geschaffene ­Alpiq vollends unter welsche Kontrolle zu bringen? Rückblickend waren die EOS-Aktionäre die Gewinner
der Alpiq-Gründung. Anders als die Deutschschweizer, die mit Alpiq-­Aktien abgegolten wurden, liess sich die EOS ihre eingebrachten Kraft­werke grossteils in bar abgelten. Just bevor die Strompreise kollabierten. 

Grundsätzliche Sinnfrage

Alder hat bis Vertragsende maximal 18 Monate Zeit, um eine Lösung für den einen Viertel der Alpiq zu ­finden. Und gleichzeitig die grundsätzliche Sinnfrage zu klären: Vor zehn Jahren ambitioniert als künftige Nummer drei auf dem europä­ischen Strommarkt lanciert, ist die Alpiq heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von den ­zwischenzeitlich mehr als 10 000 Mitarbeitenden sind etwa 1500 übrig geblieben.

Intern macht bereits das Wort vom «Partnerwerk» die Runde. Wie ein gemeinsames Kraftwerk soll die Alpiq ihre Aktionäre vor allem zu Gestehungskosten mit Strom versorgen. Ohne Konzern-Overhead und Geschäftsleitung mit Millionensalär. Das ergebe unternehmerisch keinen Sinn, sagt dagegen ein Alpiq-Sprecher, und betont: «Es widerspricht der vom VR erst vor kurzem bestätigten Strategie.»

Doch genau diese Strategie steht mit dem Aktionärswechsel zur Disposition. Möglicherweise schreibt Alder alleine fort, was Staiblin begonnen hat: den Rückbau des Stromkonzerns Alpiq. Oder wie es ein Aktionär formuliert: «Fürs Abwracken ist Alder der Richtige. Mit Doppelmandat.» 

Martin Ebner hat seine Aktien verkauft

Lange war der Banker Martin Ebner – zusammen mit seiner Frau – der grösste, freie Kleinaktionär von Alpiq. Zeitweise hielt er über die Patinex AG und die Anna Holding AG mehr als drei Prozent der Aktien. Darüber hinaus waren im grösseren Stil Kunden von Ebners BZ-Bank an Alpiq beteiligt, so dass letztlich gegen die Hälfte der frei gehandelten Aktien einen Bezug zu Ebner aufwiesen.

Inzwischen hat Ebners Patinex die Aktien abgestossen. Ende Mai sank die Beteiligung unter die vorgeschriebene Meldeschwelle von drei Prozent, seither hat Ebner weiter verkauft. Recherchen zufolge hält er nun keine massgebliche Beteiligung mehr an Alpiq. Gegenüber der «Handelszeitung» wollte Ebner seine Verkäufe nicht kommentieren. (hec)

Martin Ebner

Martin Ebner: Der Banker hat seine Aktien an Alpiq abgestossen.

Quelle: Keystone