Transportunternehmen und Spediteure in ganz Europa, die ihre nicht kranbaren Sattelauflieger bislang auf die Schiene verlagern wollten, aber dies technisch nicht konnten, finden nun seit Kurzem eine Lösung ihres Problems. Dies zwischen Wels in Österreich und Stara Zagora in Südbulgarien, wo es noch 50 Kilometer zur türkischen Grenze sind und weitere 150 Kilometer bis nach Istanbul. Bis dorthin wollte der österreichische Kombi-Operator Ökombi ursprünglich das neue Kombi-Zug-Produkt ISU (Innovativer Sattelauflieger-Umschlag) fahren. Doch die zolltechnische Behandlung an der EU-Aussengrenze zur Türkei hätte sich komplizierter gestaltet als geplant.

«Wir bleiben mit dem Zug innerhalb der Europäischen Union und können so einen zeitlich kalkulierbaren Rundlauf sicherstellen», stellt Franz Dirnbauer, Geschäftsführer der Ökombi, gegenüber der «Handelszeitung» fest. ISU wurde von Rail Cargo Austria entwickelt: Damit lassen sich mit wenigen Handgriffen nicht kranbare Sattelauflieger von der Strasse auf die Bahn verlagern. Das Produkt ISU-Zug ist neu und der dafür in Frage kommende Markt ist gross: Rund 85 Prozent der auf Europas Strassen fahrenden Sattelauflieger sind nicht kranbar. Diese mit dem neuen Umschlagsystem auf die Schiene zu locken, ist die Absicht; mit dem ISU-System, das sich in Zukunft auf attraktiven Relationen bewähren soll, hofft man bei Ökombi. Das Projekt läuft derzeit noch unter dem Titel Forschungsprojekt und wird von der EU aus dem Cream-Projekt finanziell gefördert.

Grosser Zielmarkt im Visier

Als Zielgruppe für den neuen Zug kommen Spediteure und Logistiker sowohl in Europa als auch in der Türkei und im Nahen Osten in Frage. Gerade für grössere Transportunternehmen sei ISU interessant, weil diese meist über die entsprechende Vor- und Nachlauforganisation zu den Kombi-Terminals verfügten. In diesem Fall in Wels und Stara Zagora. Denn Ökombi organisiert lediglich den Transport auf der Schiene und die Beladung und Entladung der Fahrzeuge in den beiden Terminals. Für die Traktion auf der gesamten Bahnstrecke zeichnet Rail Cargo Austria mit ihren Partnern in Ungarn, Rumänien und Bulgarien verantwortlich. Auf 15 angemieteten Doppeltaschenwagen finden bis zu 30 Auflieger Platz. «Wir können bei entsprechender Nachfrage jederzeit auch einen wöchentlichen Rundlauf anbieten; das Equipment dafür ist vorhanden», betont Dirnbauer, der auf eine gute Auslastung hofft. Im Gegensatz zum französischen Modalor-System ist der ISU-Umschlag auf jedem Terminal möglich; das dafür notwendige Equipment (mobile Verladeplattform, Radgreifer und Hubseile) kann mit dem Zug mitgenommen werden, um beispielsweise auch unterwegs Beladungen und Entladungen vorzunehmen. Dies ist allerdings zwischen Wels und Stara Zagora nicht vorgesehen. Der Zug braucht für die 1800 Kilometer lange Entfernung rund 48 Stunden. «Preislich sind wir mit 60 Cent pro Kilometer mit der Strasse wettbewerbsfähig», ist der Ökombi-Manager überzeugt. Eine Fahrt schlägt pro Richtung und Auflieger mit 1260 Euro zu Buche.

Anzeige

Die RoLa kommt gut an

Das eigentliche Kerngeschäft der Ökombi ist die Abwicklung der Rollenden Autobahn zur Verlagerung von Lastwagen auf die Schiene. Cashcow ist dabei die Brenner-Strecke. Während der Lastwagen-Transitverkehr durch Tirol über die Strasse im Vorjahr auf 1,6 Millionen Fahrten zurückgegangen ist, wurden gleichzeitig deutlich mehr Lastwagen mit den Rollenden Autobahnen durch Tirol befördert. Ökombi hat seinen Brenner-Marktanteil von 10 auf 14 Prozent gesteigert und mit 225000 transportierten Fahrzeugen einen Zuwachs um 10% gegenüber 2008 erreicht. Die starke Nachfrage nach der RoLa durch Tirol hängt nicht zuletzt mit den straffer werdenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zusammen.

Anfang Juli trat die dritte Phase des sogenannten sektoralen Fahrverbots für Lastwagen-Transporte durch Tirol in Kraft. Das bedeutet, dass mit bestimmten Gütern beladene Fahrzeuge nicht mehr jederzeit und überall auf den Strassen fahren dürfen. Dass mehr Lastwagen auf die RoLa kommen, sieht Dirnbauer aber nicht allein in den straffen Regelungen begründet: «80 Prozent der RoLa-Nutzer kommen freiwillig auf die Schiene.»

Der Brenner-Verkehr ist das Hauptgeschäft von Ökombi mit einem Anteil von rund 72 Prozent Das restliche Geschäft spielt sich mit dem Lastwagen-Transport auf der Tauern-, Pyhrn- sowie Donauachse ab. Die Nachfrage im 1. Halbjahr dieses Jahres kann sich sehen lassen: Ökombi hat in den ersten sechs Monaten 17 Prozent mehr Fahrzeuge (175988) auf seinen 74 verkehrenden RoLa-Zügen transportiert als im Vorjahr. Über den Brenner stieg die Nachfrage um 15 Prozent; auf den im Vorjahr eher mager nachgefragten Zügen auf den Achsen Donau, Pyhrn und Tauern stieg die Zahl der beförderten Lastwagen im 1. Halbjahr um 24 Prozent. Ökombi überlegt den Start weiterer RoLa-Züge beispielsweise auf den Strecken Budapest-Wien oder Budapest-Wels, um «den Kunden die Möglichkeit zu geben, dort auf die Rola einzusteigen, wo die Ruhezeit gebraucht wird», so Dirnbauer.

Anzeige