James Bradner mag es martialisch. An seinem alten Arbeitsort, der Harvard ­Medical School, stand ein Kaffeetisch, der aus einer ausgedienten Munitionskiste für Panzerabwehrraketen gefertigt war. «Wir mochten ihn, wir fanden das lustig, denn wir führten ja Krieg gegen den Krebs», sagte er, als er einmal darauf angesprochen wurde.

Das ungewöhnliche Möbelstück hat er bei seinem Wechsel zu ­No­vartis nicht mitgenommen. Das wäre ihm dann doch «zu aggressiv», sagte er. Den Kampfgeist und die Unkonventionalität wird der hochdekorierte Wissenschafter aber auch in ­seiner neuen Funktion als Novartis-Forschungschef brauchen können. Anfang März hat er seinen Posten bei Novartis übernommen.

Neuorganisation mit neuen Köpfen

Novartis rüstet auf bei der Onkologie. Schon vor zwei Jahren sicherten sich die Basler in einem umfangreichen Asset-Transfer für 16 Milliarden Dollar das Onkologiegeschäft der britischen GSK. In der vergangenen Woche folgte dann die organisatorische Aufwertung des Geschäfts. Die bisherige Division Pharmaceuticals wird in Innovative Medicines unbenannt, in zwei Geschäftseinheiten – Pharma­ceuticals und Oncology – aufgeteilt und mit je einem an Joe Jimenez rapportierenden Konzernleitungsmitglied ausgestattet.

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Die wichtigste Personalie im Bereich Krebsmedikamente haben Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt und Konzernchef Joe Jimenez schon im Herbst entschieden, als sie den 43-jährigen Bradner zum Nachfolger des altershalber zurückgetretenen Mark Fishman machten.

Anschluss gesucht

Die Herausforderung ist gross. Der zweitgrösste Hersteller von Krebsmedikamenten hat in den vergangenen Jahren an Terrain verloren. Besonders prekär: Die Versäumnisse von Novartis im Bereich Immunonkologie – also in derjenigen Disziplin, die derzeit die Herzen von Pharma-Chefs rund um den Globus höher schlagen lässt.

Das Problem bei Novartis: Die erste Generation von Medikamenten, die bei der Abwehr von Krebs auf das körpereigene Immunsystem setzen, hat man bei Novartis verpasst. Jetzt geht es darum, bei den folgenden Runden am Tisch zu sitzen.

6000 Mitarbeiter

Der Einsatz ist gewaltig. Die Anlagespezialisten der UBS-Vermögensverwaltung schätzen, dass die Umsätze der Pharmafirmen im Bereich ­Onkologie bis 2020 weltweit von heute 100 auf 150 Milliarden Dollar steigen werden.

Das Problem: Mit den Novartis ­Institutes for BioMedical Research (NIBR), die James Bradner nun leitet, leistet sich Novartis zwar eine der aufwändigsten Forschungsorganisa­tio­nen der Industrie (siehe Tabelle) – eine Art konzerninterne Universität. Die Plattform zählt rund 6000 Mitarbeiter an Standorten rund um den Globus.

Mangelnder Austausch

Doch die kommerzielle Ausbeute liess in den vergangenen Jahren schmerzlich zu wünschen übrig. Während Genentech, die US-Tochtergesellschaft und Forschungsküche von Roche, einen Blockbuster nach dem anderen auslieferte, liessen sich die ganz grossen Erfolge bei Novartis an einer Hand abzählen.

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«Es fehlt an der Kommunikation», sagt Michael Nawrath, Pharmaanalyst bei der ZKB. Die Forschung wisse nicht wirklich, was die Pharmadivi­sion von ihr brauche, und die Pharmadivision wisse nicht genau, was die Forschung mache. Das habe zu teuren Fehlleistungen geführt.

Hohe Anforderungen

Gefragt seien deshalb nicht nur wissenschaftliche Qualifikationen, sondern auch Kreativität und die ­Fähigkeit zur Vernetzung und zur Improvisation, sagt Michael Nawrath; Anforderungen, die der neue Forschungschef zu erfüllen scheint.

In einer Kleinstadt nördlich von Chicago aufgewachsen, stellt James Bradner schon früh die richtigen Stellschrauben für eine wissenschaftliche Karriere. Er studiert nicht nur Medizin an der Medical School der Universität von Chicago, sondern auch Biochemie in Harvard.

Forscherseele

Als Assistenzarzt betreut er eben diagnostizierte Krebspatienten – persönliche Katastrophen, auf die er als Kind «einer gesunden und stabilen Vorstadtfamilie» nicht vorbereitet gewesen sei, wie er einmal sagte. Die klassischen Behandlungsmethoden wie Chemotherapie seien «schlicht mittelalterlich» gewesen.

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2005 stösst er als Assistenzprofessor zum Dana Farber Institute der Harvard Medical School, einer der renommiertesten Adressen der Krebsforschung überhaupt, wo er sich mit seinen Forschungen zu Blutkrebs ­einen Namen macht. Sein Fokus: Inhibitoren für Brodomäne; Proteine, die für die krankhafte Vermehrung von Zellen verantwortlich sind.

Untypisches Teilen

Für Furore sorgt James Bradner 2011 mit einem Ted Talk. Es geht um JQ1, ein Molekül, mit dem es ihm gelungen war, das Wachstum von Krebszellen in Mäusen zu hemmen. Das Video dazu zeigt einen enthusiastischen Enddreissiger, der wortreich begründet, warum er sein Wissen nicht für sich behielt, sondern der Wissenschaftsgemeinde weltweit zur Verfügung stellte: «Wir sagten uns also, well, ein Pharmaunternehmen würde dies nun wohl geheim behalten und daraus eine pharmazeutische Substanz machen.»

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Doch dann hätten sie genau das Gegenteil gemacht: «Wir sagten allen, wie wir das Molekül gemacht hatten, wir stellten sogar unsere E-Mail-Adresse ins Netz, damit man das Molekül bei uns bestellen konnte. Wir versuchten ganz einfach, ein möglichst kompetitives Umfeld zu erzeugen.»

Aufregende Phase

Kaum vorstellbar, dass er das bei Novartis gleich wird handhaben können. Aber einen Hauch von offener ­Wissenschaft wird es brauchen. Die Medizin erlebt zurzeit die womöglich aufregendste Phase ihrer Geschichte, kein Stein bleibt auf dem anderen. Während Jahrzehnten gültige Zeitlinien werden über den Haufen geworfen, was funktioniert, kommt innert Monaten auf den Markt. Es herrscht Goldgräberstimmung. Im Wochentakt werfen Wissenschafter neue Erkenntnisse auf den Markt.

Wer sich in diesem Umfeld einigelt und allzu neidisch auf das Gewonnene schielt, der dürfte kaum als Sieger aus dieser Schlacht hervorgehen.

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Wirkstoffe und Therapien gegen den Krebs sind eine der vier Goldgruben der Pharmaindustrie: