Joe Kaeser hat es geschafft. Nach langem Machtkampf wird der bisherige Finanzchef Kreisen nach dem mehrheitlichen Willen des Aufsichtsrats Peter Löscher als Siemens-Chef ablösen. Es dürfte ihm gefallen, womöglich schon bei der Vorlage der Zwischenbilanz am Donnerstag nun offiziell als die Nummer eins des Konzerns vor die Öffentlichkeit zu treten.

Kaeser liebt die grosse Bühne, der Siemens-Finanzchef läuft vor Publikum zur Hochform auf. In eleganten Anzügen brilliert der 56-Jährige mit seinem Detailwissen und liess den bisherigen Vorstandschef regelmässig blass aussehen. Während sein scheidender Chef sich häufig in Phrasen und Allgemeinplätze aus dem Handbuch für Management-Sprech flüchtete, hatte Kaeser selbst die abseitigsten Zahlen im Kopf und für alle Fragen eine Antwort parat.

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Ausgebuffte Coups

Immer wieder liess er durchblicken, dass er sich für den eigentlichen Chef des Technologieriesen hält. Auf Analystenkonferenzen genoss er es, dass die Experten nahezu alle Fragen an ihn richteten, während Löscher stumm daneben sass und Löcher in die Luft starrte.

Der Finanzmarkt liebt ihn für seine ausgebufften Coups, mit denen der studierte Betriebswirt das riesige Vermögen seines Hauses immer wieder vermehrte - auch ganze ohne Unterstützung aus dem operativen Geschäft.

Echtes Siemens Gewächs

Kaeser ist ein echtes Siemens-Gewächs. Sein ganzes Berufsleben verbrachte er bei dem Konzern. Über verschiedene Stationen rückte er als Kaufmann immer weiter auf, wurde Strategiechef und löste schließlich 2006 Heinz-Joachim Neubürger als Herrscher über das Zahlenreich ab. Nach dem obligatorischen USA-Aufenthalt nennt sich der gebürtige Josef Käser aus der Nähe des niederbayerischen Regen Joe.

Neben Medizintechnikchef Hermann Requardt ist er der einzige Vorstand, der den Schmiergeldskandal des Hauses überstand - obwohl er als Bereichsvorstand des korruptionsverseuchten Kommunikationsgeschäfts früher gefährlich nahe an der Keimzelle der kriminellen Machenschaften arbeitete.

Mächtiges Ressort

Als oberster Zahlenhüter baute er sein traditionell mächtiges Ressort weiter zu einem zentralen Baustein im Siemens-Gefüge aus. Er besorgte Siemens während der Finanzkrise eine eigene Banklizenz, um dem Konzern im Ernstfall einen direkten Zugang zu den Zentralbanken zu sichern. Insider berichten, dass er Kollegen seine Stellung spüren liess. Mit der ehemaligen Einkaufschefin Barbara Kux rupfte er mehrere Hühnchen.

Vorstandschef Löscher stahl er besonders gern die Schau. Als die beiden das jüngst gekippte Renditeziel im vergangenen Jahr in Berlin vorstellten, rasierte er sich in der Nacht zuvor seinen markanten Schnurrbart ab. Die Aufmerksamkeit war ihm gewiss. Als sich beide vor den Aktionären zu ihrem Verhältnis im Vorstand erklären sollten, ließ er Löscher zunächst den Vortritt. Der versicherte, alles laufe prima, zwischen sie passe kein Blatt. Kaeser relativierte vor Tausenden Zuhörern mit der Pointe: Sie ergänzten sich wie «Licht und Schatten».

Bein gestellt

Am Karriereknick Löschers könnte Kaeser womöglich seinen Anteil haben. Im Umfeld des Aufsichtsrats wird es für möglich gehalten, dass Kaeser mit der Gewinnwarnung am Donnerstag seinem Chef in heikler Zeit ein Bein gestellt hat. Ohne weitere Begründung teilte Kaesers IR-Abteilung mit, das Renditeziel von zwölf Prozent sei bis 2014 nicht zu schaffen. Die Aktie rauschte ab.

Analysten wunderten sich, dass der Konzern die Nachricht nicht mit Zahlen oder weitergehenden Erläuterungen unterfütterte. Löscher war wegen ohnehin wegen zahlreicher Pannen und verfehlter Prognosen angezählt. Die «unprofessionelle Kapitalmarktkommunikation» wurde ihm zusätzlich zum Rendite-Rohrkrepierer angelastet.

Fehlende Unterstützung

Und das zu einer Zeit, in der dem Österreicher die Unterstützung eines Kommunikationschefs fehlt. Seinen bisherigen hatte Löscher kaltgestellt und auf die Hilfe des bisherigen stellvertretenden Chefredakteurs des «Handelsblatts» gesetzt, um seine Image aufzupolieren. Der tritt sein Amt allerdings erst im September an.

Trotz vereinzelter Widerstände sprachen sich die Aufsichtsräte nun für Kaeser als neuen Siemens-Chef aus. Nun muss er nicht nur den Eindruck erwecken, er könne es besser als sein Vorgänger. Er muss es beweisen.

(vst/aho/reuters)