Der neue Chef der Deutschen Bank will beim skandalgeschüttelten Geldhaus ordentlich aufräumen. Deutschlands grösste Bank stehe wegen seiner ramponierten Reputation vor immensen Herausforderungen, schreibt John Cryan in einem Brief an die rund 100'000 Mitarbeiter.

«Ich werde Ihnen nicht sagen, dass in den nächsten Monaten alles harmonisch und ohne Probleme verlaufen wird», hiess es in dem Schreiben vom Mittwoch. Zusammen mit Jürgen Fitschen, der noch bis zum Frühjahr als Co-Chef an Bord bleibt, werde er alles daran setzen, dass die Deutsche Bank wieder dorthin zurückkehre, wo sie hingehöre: «ins Herz der deutschen Gesellschaft und ihrer Wirtschaft».

Anshu Jain ist Geschichte

Der Brite Cryan, früher Finanzchef bei der Schweizer Grossbank UBS und seit 2013 im Verwaltungsrat der Deutschen Bank, war Anfang Juni überraschend zum neuen Konzernchef berufen worden. Der bisherige Co-Chef Anshu Jain, den viele Investoren für die teuren Skandale der Bank verantwortlich gemacht haben, ist seit dieser Woche Geschichte.

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Drei Jahre lang hatte die Doppelspitze glücklos agiert. Sie polsterte zwar die Kapitaldecke des Geldhauses auf. Aber die Rendite blieb deutlich unter den Erwartungen der Anleger, die mehrmals frisches Geld in das Institut pumpen mussten. Der Aktienkurs stagnierte ebenso wie die Dividende.

«Strategie 2020»

Befreiungsschlag soll die Ende April noch von Jain und Fitschen ausgerufene «Strategie 2020» sein. Sie sieht im Kern eine deutliche Schrumpfkur vor: Die Postbank wird verkauft, das restliche Privatkundengeschäft zusammengestrichen und auch die Investmentbank soll verschlankt und damit schlagkräftiger werden. Beobachter erwarten den Abbau tausender Stellen, vor allem im Filialgeschäft.

Cryan machte nun klar, dass er an den grundlegenden Weichenstellungen festhalten will. Schliesslich hat er sie im Verwaltungsrat selbst mit auf den Weg gebracht.

Geschäftsmodell vereinfachen und Kosten senken

Für die mit Spannung erwarteten Details der Umsetzung will er sich allerdings mehr Zeit lassen. Er halte es für richtig, «den Sommer und Frühherbst zu nutzen, um zu prüfen, wie diese Entscheidungen am Besten ausgeführt werden», betonte er. «Wir werden daher Markt und Öffentlichkeit bis Ende Oktober über weitere Details informieren.»

Schon jetzt machte Cryan allerdings klar, dass er das Geschäftsmodell vereinfachen und Kosten senken will. Die nächsten Schritte zur Postbank-Trennung sollten «so schnell und effektiv wie möglich» kommen - bevorzugter Plan ist nach früheren Angaben der Börsengang. Aber auch die Investmentbank muss Federn lassen: «Unser Handelsgeschäft mit Wertpapieren und Derivaten kann nicht mehr so bilanzintensiv sein.»

Cryan als verlässlicher Sanierer

Kritiker hatten Jain vorgeworfen, die lange Zeit von ihm persönlich geführte Sparte bei der Neuaufstellung der Bank verschont zu haben. Cryan hingegen hat sich schon bei der UBS den Ruf eines verlässlichen Sanierers erarbeitet und die Bank aus der Krise geführt. Weggefährten beschreiben ihn als unprätentiösen Macher. Auf alte Seilschaften in der Deutschen Bank müsse er nun keine Rücksicht nehmen.

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(sda/gku)