Verschmitzt lächelt Richter Peter Noll in die rechte Hälfte des Saales. «Ich sag jetzt nicht jedes Mal grüss Gott, das gilt für alle», sagt er. Kein Wunder, dass er seine Stimme schonen wollte: Fünf Angeklagte hatten in den drei Reihen orangefarbener Stühle Platz genommen, dazu ihre Anwälte und die der Deutschen Bank. 22 Personen – mehr hätten dort auch keinen Platz gefunden, es ging ohnehin schon ziemlich eng zu zwischen den Roben der Anwälte.

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Selten dürfte eine Anklagebank ähnlich prominent besetzt gewesen sein. Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen und seine beiden Vorgänger Josef Ackermann und Rolf Breuer sitzen aufgereiht hintereinander, daneben die beiden Ex-Vorstände Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck. Sie alle sollen zum mutmasslichen Prozessbetrug im Kirch-Verfahren beigetragen haben. Eröffnet wird hier, im zweiten Stock des Strafjustizzentrums in München, einer der grössten Wirtschaftsprozesse der jüngeren Geschichte.

Keine Nervosität beim Richter

Noll lässt sich das nicht anmerken. Der Richter mit der kleinen, runden Brille und den grauen Haaren hat sich keine besonderen Worte zurechtgelegt, eröffnet mit lapidaren Standardsätzen die Verhandlung. Nervosität angesichts der prominenten Besetzung des Saales? Nicht bei Noll. Erst letztes Jahr hatte er hier Formel-1-Boss Bernie Ecclestone sitzen, schon den grossen Siemens-Schmiergeldprozess hat er geleitet.

Auch die Deutschbanker haben ihre Erfahrungen. Unprätentiös marschieren sie im Gänsemarsch ihrer Anwälte in den Sitzungssaal, schon so sortiert, dass sie ohne grosses Gedränge die Sitzplätze einnehmen können. Fitschen lächelt kurz freundlich in den Saal, dann schliesst er sich der stoischen Miene seiner Ex-Kollegen an. Victory-Zeichen, breites Grinsen – solche Fotos passieren einem Deutsche-Bank-Chef nicht noch mal. Und Ackermann selbst schon gar nicht.

Schlichte Bühne

Nicht nur der Auftritt der Angeklagten ist schlicht, die Bühne ist es auch. Weil der Schwurgerichtssaal des Justizzentrums mit dem NSU-Verfahren belegt ist, bleibt für den Kirch-Prozess nur der sehr gewöhnliche Sitzungssaal B 273. Zwischen den drei Angeklagten und der Staatsanwaltschaft bleibt nicht mehr viel Freiraum für den Tisch für Zeugen. Kleine Namensschilder stehen auf den Tischen, irgendwie muss das Gericht ja den Überblick behalten über all die Anzugs- und Robenträger.

Hinter Richter Noll, unter dem in Bayern obligatorischen Kreuz an der Wand, beherbergt ein Regal mehr als 100 Ordner mit Prozessakten. Sie zeigen eindrucksvoll, wie viel es hier aufzuarbeiten gilt. Zwölf Jahre währte der Rechtsstreit zwischen dem Medien-Pleitier Leo Kirch und der Deutschen Bank. Kirch hatte die Bank auf Schadenersatz verklagt, weil er sich vom damaligen Vorstandssprecher Breuer in die Pleite geritten sah, nachdem dieser in einem Interview im Februar 2002 öffentlich an Kirchs Finanzkraft gezweifelt hatte. Der Rechtsstreit wurde vergangenes Jahr mit einem mehr als 900 Millionen Euro schweren Vergleich beigelegt.

Systematisch gelogen?

Doch für die aktuellen und früheren Deutsche-Bank-Manager ist die Sache damit noch nicht ausgestanden. Denn aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat die Bank-Seite im Prozess vor dem Oberlandesgericht München (OLG) systematisch gelogen und getäuscht, um zu verschleiern, was die Bank Anfang 2002 tatsächlich im Schilde führte und welche Rolle das Breuer-Interview vor diesem Hintergrund gespielt haben könnte.

Das OLG ging in seinem Urteil davon aus, dass Breuer seinen Kunden Kirch bewusst in die Enge treiben wollte, um ein Mandat zur Restrukturierung der schlingernden Mediengruppe zu erhalten. Genau gegen diese Interpretation hatte sich die Bank im Zivilprozess lange verwahrt – und nach Auffassung der Staatsanwaltschaft griff sie dabei zu betrügerischen Mitteln. Breuer, Ackermann, Börsig und von Heydebreck sollen falsch ausgesagt haben, als sie dazu befragt wurden, ob die Bank ein Beratungsmandat von Kirch anstrebte.

110 Seiten Anklageschrift

Fitschen lavierte sich bei seiner eigenen Befragung vor Gericht nach Auffassung der Ermittler um eine Falschaussage herum. Aber ebenso wie Ackermann wirft man ihm vor, nichts gegen die Prozessstrategie insgesamt unternommen zu haben. Mit ihrem Wissen hätten die Anwälte der Bank immer weitere Schriftsätze mit falschen Angaben eingereicht.

110 Seiten umfasst die Anklageschrift. Oberstaatsanwältin Christiane Serini verliest sie zügig, vergisst aber die passenden Betonungen nicht. Wenn es darum geht, dass die bei Gericht eingereichten Schriftsätze der Bank falsch waren, dann hebt sie beim Wort «falsch» die Stimme, und ebenso betont sie das Wort «widerlegt», wenn die Sprache auf die Unterlagen kommt, die bei Razzien in der Frankfurter Bankzentrale gefunden wurden und die aus Sicht der Staatsanwaltschaft belegen, dass die Version der Bank nicht stimmen konnte.

Ackermann ohne Regung

Auch nach anderthalb Stunden Lesearbeit verfällt Serini nicht in einen leiernden Ton, so als wollte sie unterstreichen, wie überzeugt sie von dieser Anklageschrift ist. Die gesamten Vorwürfe müssen verlesen werden, so will es die Strafprozessordnung. Auch einem hoch bezahlten Mann wie Fitschen, der sonst einen minutiös durchgetakteten Terminkalender gewohnt ist, bleibt nichts anderes übrig, als geduldig zuzuhören. Er hat die Lesebrille aufgesetzt und liest mit, ebenso wie Breuer, während Ackermann die meiste Zeit aufrecht auf seinem Stuhl sitzt und in Richtung der Staatsanwältin blickt.

Sein Gesicht zeigt keine Regung, auch dann nicht, wenn Serini Vorwürfe gegen ihn persönlich verliest. Breuer dagegen kaut immer wieder auf seiner Unterlippe herum, runzelt die Stirn, stützt den Kopf in die Handfläche. Fitschen liest ungerührt, doch an einer Stelle hält er die Ruhe doch nicht ganz durch. Als die Staatsanwältin gerade ausführt, dass der heute 66-Jährige vor dem OLG taktisch ausgesagt habe, um weder zu lügen noch die Prozessstrategie der übrigen Beteiligten zu durchkreuzen, legt der Bankchef die Stirn in tiefe Falten, schüttelt kurz und energisch den Kopf.

Fitschen mit Trotz

Man hat den Eindruck, dass Fitschen sich noch immer darüber aufregt, wie man ihm diese Vorwürfe machen kann. Noch am Tag vor der Prozesseröffnung hat er deutlich gemacht, dass er nicht verstehe, warum diese Anklage gegen ihn erhoben worden sei. «Das habe ich immer gesagt, und davon weiche ich auch nicht zurück», hatte er fast trotzig gesagt.

Ob er das Gericht davon überzeugen kann, wird man womöglich erst in ein paar Monaten wissen. 16 Verhandlungstage sind in München angesetzt, es könnten auch noch mehr werden.

Lesemarathon bis zur Mittagspause

«Geht es noch, Frau Staatsanwältin», fragt Richter Noll irgendwann fürsorglich, als sich bei Serini die Verhaspler häufen. «Können alle noch folgen?», fragt er die Angeklagten. Die Atmosphäre, so viel lässt sich sagen, ist erst einmal entspannter als bei OLG-Richter Guido Kotschy, der aus seinem Groll auf die aus seiner Sicht lügende Bank irgendwann kein Hehl mehr machen konnte.

Nach knapp zwei Stunden wird Serini erst einmal vom Lesemarathon erlöst. Mittagspause. Die Angeklagten verlassen den Saal so unaufgeregt, wie sie gekommen sind.

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.