Wie reagieren Sie, wenn ein indischer Geschäftspartner Ihnen auf eine Frage antwortet «no problem»?

Joseph Koch: Das nehme ich mit Vorsicht auf. Es spielt eine grosse Rolle, wie gut ich diese Person kenne und einschätzen kann. Aber bei «no problem» ist generell Vorsicht geboten, denn die Inder sagen nicht gerne Nein.

Verklausuliert heisst das doch: Es passiert gar nichts. Was muss man tun, damit doch etwas passiert?

Koch: Man muss immer wieder nachgreifen, bis man zum Ziel kommt.

Wie hoch ist das Niveau punkto Planungs- und Rechtssicherheit in Indien?

Koch: Das ist ein grosses Plus Indiens gegenüber anderen Schwellenländern. Es ist ein demokratischer Rechtsstaat, aber die rechtlichen Schritte können manchmal lange dauern.

Sorge bereitet Firmen das geistige Eigentum, das nicht im gleichen Masse geschützt ist wie hierzulande.

Koch: Die indische Regierung tut sehr viel, damit dieses strikt geschützt wird. Indien ist auf dem Weg, ein solider Partner für die Wirtschaft und zur jüngsten ökonomischen Weltmacht zu werden.

Was heisst das für die Schweiz?

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Koch: Das grosse Potenzial in Indien bietet riesige Chancen für die Schweiz. Dies zeigt nur schon das Wachstum in der Handelsbilanz.

Trotzdem ist die Handelsbilanz zwischen Indien und der Schweiz drei Mal kleiner als diejenige mit China.

Koch: Noch. Es ist Aufgabe der Schweizer Wirtschaft, nach Indien zu gehen und Indien zu entdecken. Zurzeit ist aber China der Renner. Die Schweizerisch-Chinesische Handelskammer wird mit Anfragen förmlich überrannt. Bei uns dagegen halten sich die Anfragen noch in Grenzen. Das ist bedenklich.

Wird China bevorzugt?

Koch: Ja, aber zu Unrecht. Es kann vielen Unternehmen zum Verhängnis werden, wenn sie den indischen Markt zu lange vernachlässigen. Denn irgendwann sind alle strategischen Positionen durch Firmen anderer Länder besetzt und der Zug für Schweizer Unternehmen abgefahren.

Sind die Schweizer Firmen im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz im Rückstand?

Koch: Wir könnten besser dastehen. Für ein Land mit hochqualitativen Produkten Präzisionsinstrumenten, Maschinen, Pharma- und Biotechprodukten, aber auch als Zulieferer für die Automobilindustrie bietet Indien grosse Chancen.

Ihr Rat ist also, raus aus China, ab nach Indien?

Koch: Nein, auf keinen Fall. China ist ein wichtiger Markt, in dem man aktiv bleiben muss. Gleichzeitig müssen Schweizer Firmen aber auch den indischen Markt bearbeiten - und das so bald wie möglich.

Als was muss man Indien entdecken: Als Produktionsstandort oder als Absatzmarkt?

Koch: Als beides. Nicht vergessen darf man das Business Process Outsourcing. Hier sind einige Unternehmen, zum Beispiel Swiss Re, aktiv. Dass ausländische Firmen vor allem im IT- und Outsourcingbereich in Indien investieren, zeigt, wie hoch das Bildungsniveau in Indien ist. Nach wie vor geniesst die Bildung in Indien höchste Priorität.

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Neben IT wachsen auch der chemisch-pharmazeutische und der medizinische Markt.

Koch: Das ist sogar ein regelrechter Boom. Ein Beispiel: Aus immer mehr Ländern senden Ärzte ihre Untersuchungsresultate an Spezialisten in Indien. Diese erstellen ihre Diagnose und senden die Berichte mit Behandlungsvorschlägen zurück.

Sind IT und Medizin die wichtigsten Wachstumspfeiler in Indien?

Koch: Ebenso wichtig ist die Automobilindustrie. Der international grösste Motorradproduzent Hero Honda ist eine indische Firma. Eine grosse Bedeutung hat nach wie vor die Textilindustrie: Auch hier ist mit Reliance der grösste Polyesterproduzent der Welt indisch. Alle diese Unternehmen kaufen sich ständig neue Firmen in Europa und den USA hinzu, um über Asien hinaus zu wachsen.

Die indischen Firmen sind also auf Akquisitionstour?

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Koch: Ja. Das Kapital ist vorhanden, der Wille auch.

Stehen auch Schweizer Firmen im Fokus?

Koch: Nein, soweit ich weiss nicht.

Weshalb nicht?

Koch: Die Schweiz ist nicht zuoberst auf der Prioritätenliste, wohl auch deshalb, weil Schweizer Unternehmen im Vergleich zu anderen Ländern noch weit weniger aktiv sind in Indien. Aber das kann noch kommen: Unsere Exporte nach Indien steigen um jährlich 20 bis 30%.

Aus welchen Branchen betreuen Sie am meisten Schweizer Firmen?

Koch: Das lässt sich nicht auf gewisse Branchen reduzieren. Wir arbeiten mit einem Klebstoffauftragsunternehmen zusammen und mit Felco, einem Hersteller von Baumscheren, oder auch mit einem Verlagshaus. Diese bauen jetzt alle in Indien ihre Aktivitäten auf. Ein anderes Beispiel ist eine bekannte Schweizer Uhrenherstellerin, die mit einem indi-schen Unternehmen kooperieren will.

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Sprechen Sie von Swatch, die ihre Produktion von Billiguhren nach Indien auslagern will?

Koch: Ich kann dazu nichts sagen.

Zieht die Nachfrage von Schweizer Unternehmen an?

Koch: Die Schweizer scheinen noch zu zögern, das ist fatal. Wir spüren umgekehrt eine massive Zunahme der Nachfrage der Inder nach Schweizer Produkten.

Was sagen Sie den Unternehmen zu den Risiken?

Koch: Risiken gibt es überall, doch es gilt, diese fundiert einzuschätzen. Hier leisten wir mit dem Swiss Business Hub einen wichtigen Beitrag. Ich hätte Vertrauen, zu investieren.

Indien gilt als künftiges Wissenslabor der Welt und China als die globale Werkbank. Ist das zutreffend?

Koch: Ja. Da kommt mir das Zitat «Manage the elephant, protect the tiger» in den Sinn. Mit Elephant ist Indien gemeint, mit Tiger China.

Indien wird bis 2030 der dritte Rang unter den grossen Wirtschaftsmächten zugetraut, nach den USA und China.

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Koch: Diese Ansicht teile ich absolut. Bis 2030 wird die Bevölkerungszahl Indiens jene von China überholen. Zudem hat Indien demografische Vorteile: Mit der Ein-Kind-Familie hat China eine alternde Bevölkerung, während Indien 2030 einen jüngeren Arbeitsmarkt haben wird.

Das schnelle Geld ist in Indien nicht zu machen.

Koch: In Indien ist mit mittel- bis langfristigen Investitionen das solide Geschäft zu machen. Erwähnen möchte ich hier die drei «P»: Patience, Perseverance und Persistence, also Geduld, Beharrlichkeit und Ausdauer.

Welches ist der wichtigste Rat, den Sie einer Firma geben, die in Indien investieren möchte?

Koch: Geduld zu haben und eine langfristige Strategie zu fahren.

Welche Lebensqualität können Schweizer Manager erwarten?

Koch: Die hundert Sorten Jogurt, die wir in Schweizer Läden findet, sucht man in Indien vergeblich. Wer aber in der indischen Lebensart und Lebensweise die Erfüllung findet, ist der glücklichste Mensch.

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Passage to India: Steckbrief

Name: Joseph Koch
Funktion: Leiter Swiss Business Hub Indien
Alter: 63
Wohnort: Mumbai
Heimatort: Roomos LU

Karriere
1967-1974 Einkaufsleiter Swiss Steel
1974-2001 Konsularbeamter Marseille, New Orleans, New Dehli, Karachi, Bangkok, London, Bern Aussendepartement
2001-heute Leiter Swiss Business Hub Indien in Mumbai.


Swiss Business Hub: Osec in Indien

Die Schweizer Exportföderorganisation Osec unterhält in Indien einen von total 15 Business Hubs. Der Hub unterstützt Schweizer KMU beim Aufbau und der Entwicklung von Geschäftsbeziehung in Indien, sei es mit Marktanalysen oder Geschäftspartnervermittlung. Joseph Koch ist der Leiter des Hubs in Mumbai und verfügt über ein enges Netzwerk vor Ort.