Gurit hat trotz ungünstigen Rohstoffpreisen und grossen Aufwendungen im organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Bereich bisher ein gutes Jahr hinter sich. Wird das 2. Semester an diesen Erfolg ­anschliessen?
Juoni Heinonen: Wir werden unseren Wachstumskurs beibehalten: Gurit legte im 1. Semester um 19% zu. Im wichtigsten Marktbereich - Applikationen für Wind-energie-Generatoren - stieg der Umsatz sogar fast 40%. Gurit wird weiterhin ­dynamisch wachsen.

Sie haben im 1. Semester Einmalkosten kommuniziert, die den Aktienkurs belastet haben. Worin bestand die ­«Investition in die Zukunft»?
Heinonen: Gurit produziert zum Teil voluminöse Materialien, die zur Unterbrechung der chemischen Aushärtereaktion gekühlt gelagert und ausgeliefert werden müssen. Daher macht es Sinn, möglichst nahe an der für uns wichtigen Abnehmerindustrie zu produzieren. Wir haben in dieser Hinsicht bereits viel erreicht: Gurit produziert heute in Europa, in Nordamerika und in Asien. In China haben wir am 22. August 2007 unser neues Werk offiziell eingeweiht. Zum grossen Teil haben wir diese Internationalisierung über neu aufgebaute Anlagen erreicht; wir haben aber auch Maschinen verlagert. So etwa aus Europa nach Nordamerika. Gleichzeitig wurden diese Anlagen auf ein anderes Produktsortiment umgerüstet; dabei hatten wir einige Probleme zu meistern. Zusammen mit den Kunden und den Anlagebauern ist uns die Umrüstung gelungen, sodass auf dieser Produktionslinie nun die Windenergie-Materialien hergestellt werden können. Mehraufwendungen und Verzögerungen wie diese haben zu Einmalkosten geführt.

Wie schätzen Sie die Rohstoffpreis-­Situation im 2. Semester ein?
Heinonen: Selbstverständlich spüren wir im Einkauf die steigenden Rohmaterialpreise. Wo dies vertraglich möglich ist, passen wir daher auch unsere Verkaufspreise so rasch wie möglich den neuen Gegebenheiten an. Zu Verzögerungen kann es aber immer wieder kommen. Während etwa höhere Preise im Bereich Karbonfasern in aller Regel über entsprechende Klauseln an die Kunden weitergegeben werden können, ist dies bei den speziellen Harzen schon schwieriger. Wir haben nun aber auch unser Einkaufswesen gruppenweit organisiert und hoffen so, Skalenvorteile erschliessen zu können.

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2006 konnte der Umsatz um fast 27% ­gesteigert werden. Wo sehen Sie ihn ­mittelfristig?
Heinonen: Gurit wird weiter wachsen. Wir sind in Wachstumsmärkten tätig und wir wollen unsere Positionen weltweit halten und ausbauen. Für dieses Jahr rechnen wir mit einem Umsatzvolumen von 475 Mio Fr. Mittelfristig sind für Gurit Wachstumsraten von 15% durchaus realistisch.

Die Ebit-Marge konnte mehr als ­verdoppelt werden. Lässt sich dieses ­Tempo beibehalten? Welche Grösse wird angestrebt?
Heinonen: Unser Ebit-Ziel liegt weiterhin bei einer Marge von 10%, die wir bis Ende 2008 erreichen möchten. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Aber gute Ziele sind immer hoch gesteckt.

Hinter den Zahlen steht immer auch eine Vision. Wie sieht sie für Gurit aus?
Heinonen: Wir wollen in allen unseren weltweiten Zielmärkten der technologisch führende Anbieter von Hochleistungskunststoffen sein. Und diese Führungsposition soll sich in der Profitabilität des Unternehmens und damit auch im Börsenkurs spiegeln.

Mit welchen Mitteln wollen Sie diese ­Vision umsetzen?
Heinonen: Durch unsere weltweite Aufstellung, die technologische Führerschaft in Composites und bei zugehörigen ­Engineering-Lösungen wollen wir der bevorzugte Lieferant für unsere Kunden sein. Intern hilft uns eine klare und verständliche Strategie. Wir haben Gurit in den letzten zwei Jahren daher konsequent auf Hochleistungskunststoffe ausgerichtet und klar festgelegt, in welchen Märkten wir tätig sind. Die Strategie und die Zielsetzung sind der ganzen Führungsmannschaft klar, und diese trägt die zentralen Botschaften in die Betriebe hinaus. Wir investieren in die interne Kommunikation.

Wird Gurit weiterhin in den drei ­fokussierten Bereichen tätig bleiben?
Heinonen: Unsere Zielmärkte sind definiert: Wind Energy, Transportation, Marine, Sport und Civil Engineering. Für diese Marktbereiche haben wir auch klare Strategien. Klar gibt es viele Synergien zwischen den Bereichen. Das Engineering bei grossvolumigen Anwendungen im Windbereich oder im Schiffbau ist ähnlich. Unser Maschinenpark ist flexibel. Viele Produkte gehen in mehr als eine Anwendung rein. Und nicht zuletzt deshalb haben wir das Beschaffungswesen gruppenweit neu organisiert.

Gurit will in allen drei Divisionen zulegen, sagten Sie. Bei der Windenergie, welche die Hälfte zum Umsatz beisteuert, dürfte dies gegenwärtig kein Problem sein.
Heinonen: Windenergie ist klar ein globales Geschäft. Hier ist es für einen Materiallieferanten wichtig, weltweit positioniert zu sein, um überall nahe bei den Kunden produzieren zu können. Dieses Jahr wird dieser Markt wohl rund 27% zulegen. Gurit wächst im Bereich Windenergie derzeit jedoch schneller. Wir gewinnen Marktanteile dazu. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass wir bereits globale Strukturen aufweisen. Wir gehen davon aus, dass dieser Markt auch in Zukunft mit über 20% pro Jahr zulegen wird.

Auf wie hoch schätzen Sie das Potenzial des Windenergie-Marktes?
Heinonen: Das Potenzial für Windenergie ist riesig. Weltweit wird derzeit etwa 1% des Stromverbrauchs aus Windenergie ­erzeugt. Möglich wäre weltweit aber gut und gerne ein Energieanteil von 15%. Die Branchenspezialisten gehen von einer Verdopplung der installierten Kapazität von heute bis 2010 auf 150000 MW aus. Je nach Bauart und Grösse der Windkraftwerke entspricht 1 MW zu heutigen Preisen einem Composite-Materialbedarf von 100000 bis 120000 Fr. Der weltweite Markt für Composite-Anwendungen im Windenergie-Bereich liegt bei rund 1,3 Mrd Fr. Wir gehen davon aus, dass Gurit einen Weltmarktanteil von rund 15% hält.

Haben sich die Verzögerungen bei der ­Auslieferung des Grossraumflugzeugs A380 und die Neuordnung bei den ­Airbus-Lieferantenbeziehungen negativ ausgewirkt?
Heinonen: Der Umsatz ging im 1. Halbjahr um 2% zurück. Dies hat direkt mit den Verzögerungen bei Airbus zu tun, widerspiegelt aber auch gewisse Verschiebungen im Produktemix. Mit dem gezielten Aufbau einer Position im Automobilgeschäft und mit erfolgreichen Materiallieferungen an Hersteller von Eisenbahn-Rollmaterial stützt sich der Umsatz im Zielmarkt ­Transportation breiter ab.

Wohin geht der Trend bei Materialanwendungen im Automotivebereich generell?
Heinonen: Gurit konnte letztes Jahr aufzeigen, dass sich aus Karbon-Prepregs kos­teneffizient Karosserieteile mit hervorragender Oberfläche produzieren lassen. Besonders für kleinere Autoserien oder limitierte Spezial-Ausgaben sind Composite-Karosserieteile für die Autohersteller interessant. In England bauen wir derzeit für solche Anwendungen gezielt Kapazitäten auf.

Wie muss man sich die Synergien von Gurit-Materialien zwischen Yachten sowie Ski- und Snowboards konkret vorstellen?
Heinonen: Das sind wohl gerade die beiden Bereiche, wo die Synergien am wenigsten offensichtlich zutage treten. Ge­nerell werden Composites überall dort eingesetzt, wo es um Hochleistungsanwendungen geht, wo Leichtigkeit, Festigkeit und weitere spezielle Materialeigenschaften gefragt sind.

Gurit ist mit einem Eigenkapitalanteil von 66% gut gepolstert. Wie wollen Sie weiter wachsen: Durch geografische ­Expansion? Durch Zukäufe?
Heinonen: Eine solide Bilanzstruktur ist für eine Gesellschaft, die wachsen will, wichtig. Gurit ist gut aufgestellt. Grundsätzlich wenden wir dieselben Rendite-überlegungen auf interne und externe Wachstumsprojekte an. Derzeit laufen bei Gurit vor allem interne Expansionsprojekte: Das neue Werk in China, die Verdopplung der Strukturschaum-Kapazitäten in Kanada, weitere Anlagen in Kanada, Spanien, zusätzliche Pultrusions-Anlagen in der Schweiz. Unsere Position wollen wir über die Qualität und die materialtechnologische Führerschaft unserer Produkte, also über unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit, sicherstellen.