Wie wird ein Lappländer im hohen Norden Finnlands ein Uhrmacher? – «Es gibt in Finnland tatsächlich eine Uhrmacherschule mit einem dreijährigen Lehrgang», sagt Kari Voutilainen schmunzelnd und erklärt, dass Finnland bekannt sei für Uhrenrestaurationen. Und genau das wollte er perfektionieren, als er sich für die Weiterbildung am Institut Wostep in Neuenburg einschrieb. Dort entdeckte er die faszinierende Welt der Komplikationen und lernte den herausragenden Uhrmachermeister Michel Parmigiani kennen, der ihn 1990 in sein Atelier nach Fleurier holte.

Bis die Familienstiftung Sandoz 1996 ins junge Unternehmen einstieg und Parmigiani ermöglichte, die eigene Uhrenmarke zu lancieren, arbeiteten die beiden hauptsächlich an der Wiederherstellung anspruchsvoller Meisterwerke. Voutilainens Faszination an solchen Restaurationsarbeiten erklärt er so: «Während der Arbeit ist es das Entdecken früher Meisterwerke und das laufende Üben, indem fehlende oder defekte Einzelteile neu hergestellt und montiert werden müssen. Am Schluss ist es die Genugtuung und Freude am brillanten und wieder funktionierenden Resultat im Vergleich zum rostigen ‹Etwas› am Anfang.»

Vier Jahre für eine Taschenuhr

Nach fast zehnjähriger Tätigkeit bei Parmigiani kehrte Voutilainen 1999 nochmals zurück an das Wostep, diesmal als Ausbildner. In der kargen Freizeit werkelte er zuhause an eigenen Unikaten. Seine erste Meisterarbeit war eine Taschenuhr, von A bis Z von Hand hergestellt, wofür er vier Jahre benötigte. Klar, dass er diese niemals verkaufen wird
Im Alter 40 wagte der inzwischen mit einer Finnin Verheiratete und Vater zweier Kinder, nach Môtiers zu ziehen und dort ein eigenes Atelier einzurichten. Das vor Fleurier gelegene 800-Einwohner-Dorf im Val-de-Travers scheint ihm der richtige Ort zu sein, um seine berufliche Leidenschaft in der Unabhängigkeit auszuleben. Denn dort brachte 1730 Jacques Henri Bovet jenes ursprüngliche Handwerk ins Tal, das Voutilainen wieder aufleben lassen will: Von Hand gefertigte mechanische Uhren mit herausfordernden Komplikationen in einem klassisch-eleganten Design.

Mittlerweile beschäftigt Voutilainen drei Uhrmacher, die bald von einer Angleuse zur Veredelung der Rohwerke unterstützt werden. «Dann fehlt nur noch ein Mechaniker, denn ich will ein kleines Unternehmen bleiben, alles selbst überblicken und kontrollieren können und noch Zeit haben, mich mit meinen Kunden persönlich zu unterhalten», erklärt der Meister.

Es sind Sammler und Uhrenliebhaber aus aller Welt, die bereit sind, für eine von Hand gefertigte mechanische Voutilainen-Uhr aus Gold oder Platin 350000 Fr. oder gar mehr zu bezahlen – etwa für ein Unikat mit spezieller Minutenrepetition, das die Stunden, die Zehnminuten und die Minuten schlägt.

Weissgold und Tantal kombiniert

Als Mitglied der AHCI (Académie Horlogère des Créateurs Indépendents) ist Voutilainen auf der «BaselWorld» in der Halle 5 vertreten; zahlreiche Kontakte gebe es heute auch über seine Homepage. 2006 präsentierte er den vielfach bewunderten 25C-Chronographen im Regulator-Stil des 18. Jahrhunderts. In die Entwicklung des mechanischen Werks steckte er sechs Jahre: Die Unruh ist aus Quarz und die Spiralfeder aus Karbon, die gegen magnetische Wellen und Temperaturschwankungen völlig unempfindlich bleiben. Davon wird erstmals eine kleine nummerierte Serie von elf Stück in Weissgold hergestellt. Voutilainen hofft, sie noch im laufenden Jahr ausliefern zu können, denn alle sind vorverkauft zum Stückpreis von stolzen 145000 Fr.

Auf der «BaselWorld» 2007 überrascht Kari Voutilainen mit einer neuen Materialkombination: Weissgold und Tantal. Deshalb heisst seine neuste Kreation Tantalor. Tantal ist ein dunkelgraues, säureresistentes und hautfreundliches Metall, weshalb es für Implantate unter anderem in der Medizin eingesetzt wird.

Gleich nach der Lehrabschlussprüfung als Graveur mit Zusatzausbildung zum Fassen von Edelsteinen (Sertisseur) machte sich der gebürtige Walliser selbstständig. Er wollte keinen einzigen Tag angestellt sein, so gross war sein Hunger nach Freiheit und Unabhängigkeit. «Lieber mal kein Geld in der Tasche als das auszuführen, was andere für mich erdachten», erinnert er sich lachend. «Doch die 80er Jahre waren ein prosperierendes Jahrzehnt; ich hatte rasch zahlreiche Aufträge von Bijoutiers und Uhrenherstellern.»

Die ersten fünf Jahre arbeitete Roux so viel, dass er mit dem Ersparten und seiner damaligen Freundin, seiner heutigen Frau, rund um die Welt segeln konnte. Nach drei Jahren war allerdings das Geld weg, der Törn zu Ende.

Die beiden mussten in Genf von neuem anfangen. Doch sie hatten etwas von der weiten Welt gesehen, noch bevor sie Eltern geworden waren und Verantwortung übernehmen mussten.

Olivier Roux ist Künstler: Wenn er sich für etwas begeistert, kniet er voll hinein und vergisst die Zeit.

Er ist ebenfalls Lebens- und Überlebenskünstler mit vielen Ups and Downs. «Immer wieder will ich zu viel, mache zu vieles gleichzeitig, wodurch ich abhebe oder mich verzettle», erzählt er weiter, doch seine Frau und die beiden Buben brächten ihn stets auf den Boden der Realität zurück.

Seine eigene Uhrenmarke Olivier Roux Genève lancierte er im Jahr 2002. Bereits sein erstes Modell zeigte, wohin die Reise gehen soll: Mechanische Automatikuhren, von Hand gravierte Gehäuse in Rot- oder Weissgold für Herren; dasselbe für Damen, jedoch mit Diamanten oder farbigen Edelsteinen besetzt, wobei der Gehäusedurchmesser auf Wunsch auch kleiner sein darf. Allerdings ist die Lünette viel breiter, um mehr Raum für die aufwendigen Dekorationen zu haben.

Kein Uhrmacher, eher Gestalter

Roux ist kein Uhrmacher, sondern ein Gestalter, Dekorateur und Tüftler. Ihm sind Ästhetik und wertvolle Materialien wichtig, entsprechend hoch sind die Anforderungen an seine Zulieferer, die er alle in nächster Umgebung findet. Die mechanischen Automatikwerke bezieht er meist von ETA und lässt sie in Genf von Spezialisten dekorieren. «Alles muss stimmen und genau kontrolliert werden», hält Roux fest, der die Tragetests jeder einzelnen Uhr (noch) selbst durchführt: «Schliesslich muss man sich auf einen Zeitmesser, der 20000 Fr. und mehr kostet, verlassen können.»

Noch macht Roux keine Serien, seine Uhren sind meist Unikate, die in einem Step-by-step-Vorgehen aufgrund der Kundenwünsche entwickelt und ausgeführt werden. Ist die Idee erst mal in Skizzen festgelegt und vom Kunden akzeptiert, werden sie ins Zeichnungsprogramm des Computers eingelesen und im Detail bis zur dreidimensionalen Ausführung weiterentwickelt. Diese bildet die Basis für die Herstellung des Prototyps. Die einzelnen Schritte hält Roux in seinen Rapports de fabrication genau fest; sie dienen den Zulieferern, aber auch dem Kunden, der die notwendigen Teilzahlungen in festgelegten Etappen erbringt.

Grosse Werbekampagnen kann er sich nicht leisten, auch die enorm hohen Preise für einen Stand an der «BaselWorld» liegen nicht drin. Deshalb haben vor zwei Jahren erstmals ein Dutzend junge unabhängige Genfer Uhren- und Schmuckhersteller den Salon Time Evolution ins Leben gerufen. Ihre Ausstellung ging bisher zeitgleich mit dem Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) im Event-Center in Carouge über die Bühne. Nach zweimaliger Durchführung mussten die Initianten feststellen, dass sich der gewählte Zeitpunkt doch nicht als optimal erwies. Time Evolution 2007 wird deshalb in diesem Jahr auf den Herbst terminiert. «Aller Anfang ist schwer», sagt ein Sprichwort – das weiss auch Olivier Roux, doch der Walliser ist guten Mutes und von seinem Produkt überzeugt.

Tout ou rien» und immer ein Ziel vor Augen. So funktioniert der in Kreuzlingen aufgewachsene, quirlige Daniel Dreifuss – selbst wenn es mal daneben geht, wie damals in New York an der Wall Street. 1987 kehrte er nach Zürich zurück, um die Bankkarriere an den Nagel zu hängen und aus seiner Leidenschaft für schöne Uhren Konkretes zu machen. Gross investieren konnte der Ex-Banker nicht; so startete er im Privat-Label-Uhrengeschäft.

Dank seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem internationalen Beziehungsnetz, das er sich in seiner Investmentbankerzeit bei Drexel Bumham Lambert in Zürich, Genf, London und New York aufgebaut hatte, musste er nicht lange auf Aufträge warten. Dabei ging es weniger um die Technik als ums Design, das je nach Werbe-, Jubiläums-, Firmen- oder Bonus-Uhr mehr oder weniger aufwendig oder auch «schräg» sein darf.

Die neue Tätigkeit brachte Dreifuss, der mit der Hamburger Künstlerin und Illustratorin Claudia Ginocchio verheiratet ist, mit Künstlern und Designern zusammen. Er bereiste den Jurabogen und suchte nach den besten Lieferanten. Mit zunehmenden Erfolgen und Jahren begann er nebenbei an einer eigenen Uhrenkollektion zu werkeln. Den geeigneten Namen hatte er bereits komponiert und hinterlegt: Maurice de Mauriac. «Tönt gut und ein wenig nach grosser Uhrentradition», meint er verschmitzt.

Eine lange Durststrecke verdaut

Er wollte vor allem mechanische Chronographen herstellen, stilsicher und mit einer Chronometer-Ganggenauigkeit. Viele Ideen wurden geboren und zu Papier gebracht, Prototypen erarbeitet und passende Zulieferer aufgesucht. Vor genau zehn Jahren war es so weit: Die ersten Automatik-Chronographen mit mechanischen Valjoux-Werken von ETA in präziser Ausführung und einem klassischen Uhrendesign konnten in seinem kleinen schmucken Laden am Bleicherweg, unweit des Zürcher Paradeplatzes, zum Verkauf ausgestellt werden.

Seine Werkstatt befindet sich bloss wenige Schritte entfernt an der Tödistrasse, wo Dreifuss in den vergangenen Jahren wohl die meiste Zeit der Tage und Nächte verbrachte. Darauf angesprochen, witzelt er, dass er in jener Zeitspanne immerhin auch Vater von zwei Söhnen und einer Tochter geworden ist. Familie und Uhren – das sind seine Leidenschaften, mehr brauche er nicht zum Leben. Deshalb bedeutet ihm die Nähe von Wohnsitz und Werkstatt Lebensqualität.
Sein Uhrmacherwissen, das er sich von A bis Z als Autodidakt mit Lesen von Fachbüchern und in intensiven Gesprächen mit Uhrmachern und Zulieferern beigebracht hat, ist gross. Man habe nie ausgelernt, immer wieder gebe es Neues zu entdecken, freut sich der Unermüdliche. Im Turnus beschäftigt er drei Uhrmacher, die nebenbei noch studieren – alle aus der IWC-Schule, wie er nicht ohne Stolz bemerkt.

In seiner Werkstatt empfängt er auch Kunden, die ihre Uhr nach eigenen Vorstellungen montiert haben möchten. Die Kollektionen von Maurice de Mauriac im Preissegment von 1350 bis 3500 Fr. basieren auf einem cleveren Modulsystem, das eine breite Variantenvielfalt offen lässt. Die Lünette mit Dichtungsring etwa ist so konzipiert, dass sie auswechselbar ist: So kann eine Stahluhr beispielsweise mit einer schwarzen PVD- oder mit einer 18-Karat-Gold-Lünette versehen werden. Auch die grosse Bänder-Auswahl und die drei Uhrengrössen von 39, 42 sowie 45 mm Durchmesser kommen dem Kunden zupass.

Auf der «BaselWorld» präsentiert Dreifuss erstmals Skelett-Chronographen mit weissen und schwarzen Diamanten in runder und Tonneauform in einem bescheidenen Showkasten der Halle 5. «Ich bin noch nicht am Ziel; für den erfolgreichen Durchbruch benötige ich wohl nochmals zehn Jahre. Diese Zeit habe ich unterschätzt», sinniert Dreifuss, der Kreateur der Maurice-de-Mauriac-Uhren.

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Steckbriefe

Name: Kari Voutilainen
Geboren: 2. Juni 1962 in Rovaniemi, Finnland
Ausbildung: Uhrmacherschule Topiola, Bildungsinstitut Wostep, Neuenburg
Familie: Verheiratet, zwei Kinder
Unternehmen: Artisan d’Horlogerie d’Art Voutilainen, Môtiers NE
Kontakt: www.voutilainen.ch

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Name: Daniel Dreifuss
Geboren: 1. Januar 1960
Ausbildung: Banklehre, Weiterbildung als Investmentbanker
Familie: Verheiratet, drei schulpflichtige Kinder
Unternehmen: Inhaber der Dreifuss & Partners AG, Zürich, mit der Uhrenmarke Maurice de Mauriac
Kontakt: www.mauricedemauriac.ch

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Name: Olivier Roux
Geboren: 27. Mai 1964
Ausbildung: Lehre als Graveur und Sertisseur
Familie: Verheiratet, zwei Söhne
Unternehmen: Atelier Olivier Roux, Carouge-Genf
Kontakt: www.olivier-roux.com