Schweizer Firmen achten offensichtlich vermehrt darauf, der Generalversammlung eine Frau als VR-Kandidatin vorzuschlagen, wenn ein Sessel frei wird. Denn im Vergleich zum Vorjahr ist der Frauenanteil in den 30 Firmen, die den Swiss Leader Index der Schweizer Börse bilden, deutlich gestiegen. Knapp 25% mehr Frauen sitzen heute in den Strategiegremien, das zeigt eine Erhebung der «Handelszeitung» (siehe Tabelle). Es sind Novartis, Syngenta, Holcim, Synthes, Adecco und Logitech, deren GV neu eine beziehungsweise zwei Frauen in den VR gewählt haben.

Allerdings: VR-Präsidentinnen von milliardenschweren Konzernen hat die Schweiz noch immer nicht zu bieten. Die letzte weibliche VRP eines grösseren Konzerns, Valora-Präsidentin Béatrice Tschanz, nahm erst kürzlich den Hut. Eine Anwärterin steht aber bereit: Irene Kaufmann-Brändli ist die designierte Coop-VR-Präsidentin; sie folgt 2009 Anton Felder, der altershalber zurücktritt.

Über 600 Kaderfrauen befragt

Mögliche Gründe für die nach wie vor sehr geringe Präsenz der Frauen in den Strategiegremien der Grosskonzerne beleuchtet jetzt eine Umfrage der «Handelszeitung», die in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsfrauen Schweiz erstellt wurde. Insgesamt wurden 618 Mitglieder der Wirtschaftsfrauen, eine Vereinigung von Kaderfrauen, befragt. Die Rücklaufquote beträgt knapp 28%, damit handelt es sich um eine repräsentative Studie.

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Als mögliche Hauptgründe für die schmale Präsenz von Frauen in VR-Gremien nennen die Befragten ein zu schwaches Beziehungsnetz, die fehlende Akzeptanz gegenüber weiblichen VR in den Unternehmen und die Tatsache, dass VR nach wie vor eine klassische Männerdomäne ist.

Kein Problem stellen aus Frauensicht mangelnde Mobilität und Qualifikation dar.

Grösste Chancen bei KMU

Die grössten Chancen, in einen VR gewählt zu werden, orten die Befragten bei der Gruppe der kleinen- und mittelgrossen Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis 1 Mio Fr. Für Multi-VR Gertrud Höhler (siehe auch rechts) eine Überraschung: «Die Vorstellung, dass Frauen bestenfalls im VR eines Familienunternehmens oder eines KMU am richtigen Platz sind, ist doch längst überholt», sagt sie. Gerade in den Gremien der globalen Player seien Frauen unverzichtbar. In der globalisierten Welt gebe es neue Spielregeln, die Achtung und Verständnis für andere Völker und Kulturen und deren Geschichte erforderten.

Auf Branchenstufe sehen die befragten Kaderfrauen die besten Chancen für eine Wahl in den VR bei Kommunikations- und Werbeunternehmen sowie bei öffentlichen Institutionen. Die geringsten Chancen schreiben sie Industrie-, Telekom- sowie Chemie- und Pharmafirmen zu. Ein Ergebnis, das der Realität nur bedingt entspricht: Gerade in diesen Branchen haben sich Unternehmen fortschrittlich bei der Aufstellung von VR-Kandidatinnen gezeigt.

Unwichtig: Rechtskenntnisse

Ein gutes VR-Mitglied eines Schweizer Unternehmens zeichnen aus Sicht der befragten Kaderfrauen Branchenkompetenzen, ein funktionierendes Beziehungsnetzwerk sowie die Bereitschaft, sich genügend Zeit für das Mandat zu schaffen, aus. Keine Rolle spielen – überraschend, wenn man an die Realität denkt – juristische Kenntnisse.