Es gibt Aktien, besagt eine alte Börsenweisheit, die sollte man nicht verkaufen, sondern vererben. Der Spruch wird in jeder Boomphase früher oder später hervorgekramt. Und immer passt er auf andere Titel, denn jede Hausse hat ihre Favoriten.

Exakt zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers zeigt sich, welche Werte wirklich zum Vererben taugen: Die defensiven Substanzwerte, die in Hype-Phasen gern als Witwen-und-Waisen-Papiere geschmäht werden.

Suchtmittel für Aktionäre

Darunter sind nicht wenige weltbekannte Grosskonzerne, so der Brauereigigant Anheuser-Busch Inbev, Lebensmittelhersteller Nestlé, Fast-Food-Ketten wie McDonalds, Tabakproduzenten wie Altria/Philip Morris und Bekleidungsfilialisten wie Hennes & Mauritz.

Bei den Dauerbrennern am Aktienmarkt, die nach einem Crash als Erste wieder obenauf sind, handelt es sich demnach um Hersteller von Alltagsprodukten, die immer gekauft werden. Der Charme des Alltäglichen zieht die «Value»-Gemeinde, die Investoren in Substanzwerte, magisch an. Je billiger, desto besser, lautet die Devise. Besonders gern gesehen sind geringwertige Wirtschaftsgüter, die immer wieder gekauft werden müssen. Die Preise können, für den Verbraucher kaum wahrnehmbar, Jahr für Jahr ein wenig angehoben werden. Schlecht für den Kunden, gut für den auf Gewinnmaximierung bedachten Aktionär.

Suchtmittel wie Tabak und Alkohol sind dabei eine besonders beliebte Spielwiese. Starke Marken wie Marlboro (Philip Morris) oder Lucky Strike (British American Tobacco BAT), Becks und Bud (Anheuser-Bush Inbev) verbessern die Wettbewerbssituation zusätzlich.

Solche Aktien gehörten als Basisinvestments in jedes Depot, sind sich Anlageprofis einig. Analog zu den Glamour Stocks, die hoch gehypten Werte der Techblase, gibt es für diese Titel eine treffende englische Bezeichnung: Consistent Earners. Gemeint sind Unternehmen, die kontinuierlich gut prognostizierbare Gewinne und Dividenden abwerfen und die auch ein vorübergehender krisenbedingter Gewinneinbruch nicht aus der Bahn wirft.

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«Der Ertrag für Anleger besteht immer aus zwei Komponenten: der Kursentwicklung und der Dividende», erklärt Fondsmanager Torsten Graf von Mainfirst. Investitionen in Unternehmen wie McDonalds, die über Jahre die Ausschüttung erhöhen, machen sich daher auf lange Sicht von selbst bezahlt. Solche Werte seien vor allem für Stiftungen und Pensionskassen interessant.

Timing beim Kauf ist bei dieser Art von Aktien also zweitrangig. Vorausgesetzt, der Anlagehorizont beträgt mehrere Jahre. Fondsmanager, deren Performance kurzfristiger gemessen wird, bringen diese Geduld meist nicht auf. Dass ausgerechnet defensive Value-Werte seit der Lehman-Pleite besser gelaufen sind als der Gesamtmarkt, ist für Graf «nur eine Momentaufnahme». Aktuell setzt er bevorzugt auf Unternehmen, die vom konjunkturellen Rückenwind profitieren und deren Geschäft strukturell wächst.

Nahrhaft dank Asien-Zusatz

Wachstum, für Value-Investoren eigentlich zweitrangig, ist eine weitere Erfolgskomponente, die Werten wie Nestlé & Co derzeit zu Höhenflügen verhilft. Den Unternehmen ist es gelungen, ihre Marken frühzeitig im dynamischsten Markt der Welt zu etablieren. «Um von China zu profitieren, müssen Sie nicht das Risiko chinesischer Aktien eingehen», betont Princeton-Professor Malkiel.

Unternehmen wie McDonalds oder Yum Brands, die Mutter aller Pizza-Hut- und KFC-Filialen, eröffnen beinahe täglich neue Restaurants in chinesischen Grossstädten. Vor der H&M-Filiale in Schanghai sind Warteschlangen üblich, wie man sie hierzulande allenfalls vom Sommerschlussverkauf kennt. Nescafé gilt als In-Getränk, Schokoriegel werden den Herstellern regelrecht aus den Händen gerissen - ein Eldorado gerade für die Nahrungsmittelkonzerne und Schnellrestaurantketten, denen Verbraucherschützer hierzulande das Leben schwermachen. Mogelpackungen mit weniger Inhalt zum gleichen Preis, zweifelhafte Gütesiegel, ethisch und hygienisch bedenkliche Massentierhaltung, exzessive Beimischung von Zucker und anderen Kalorienbomben - dies interessiert im bevölkerungsreichsten Land der Erde kaum jemanden.

Aus Aktionärssicht besteht deshalb keine Gefahr für die Geschäftsmodelle der Dauerläufer. Bedenklicher ist, dass Börsianer sie langsam nicht mehr als Langweiler, sondern als dynamische Wachstumstitel wahrnehmen. Sollten sie in Kürze als Glamour Stocks in aller Munde sein, ist es nicht mehr weit bis zum baldigen Rückschlag.