Der Firmenchef eines der grössten Schweizer IT-Unternehmen liess sich schon dabei erwischen, wie er während eines Pressetermins genüsslich eine Partie des Strategiespiels «Angry Birds» auf seinem iPad spielte. Er war dermassen begeistert von dem einfachen Spielkonzept, dass er nicht der Präsentation seines Finanzchefs folgte, sondern stattdessen an seinem Apple-Tablet mit den wütenden Vögeln die heimtückischen Schweine verjagte.

Titel wie «Angry Birds», das Geschicklichkeitsspiel «Doodle Jump» oder das Denkspiel «Cut the Rope» wurden weltweit millionenfach heruntergeladen. Sie gehören auch in der Schweiz zu den Top Ten der Download-Charts. Der Erfolg der kreativen und günstigen Titel ist aber auch für die Absatzeinbussen der Schweizer Videospiel-Branche verantwortlich. Um über 7 Prozent gingen im letzten Jahr die Verkäufe zurück, so der Schweizer Branchenverband, die Swiss Interactive Entertainment Association (SIEA).

Bei den mobilen Geräten betrug der Einbruch 35 Prozent und ist hauptsächlich auf den Erfolg von Apple zurückzuführen. Am stärksten spürte das der japanische Technologiekonzern Sony. Dessen PSP, eine portable Spielkonsole, verkaufte sich 2010 nur noch halb so oft wie 2009. Die Verkäufe des Konkurrenzprodukts Nintendo DS gingen immerhin um 27 Prozent zurück. Nur Microsoft konnte sich dem Trend deutlich widersetzen. Die Bewegungssteuerung Kinect liess die Verkäufe der Xbox-360-Konsole im letzten Quartal 2010 um über 40 Prozent ansteigen.

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Der Feind heisst Apple

Das düstere Bild bei den tragbaren Geräten bestätigt der Zürcher Online-Händler Digitec. «Die zunehmende Verbreitung von Tablets und gamefähigen Mobiltelefonen ist sicher ein wesentlicher Grund für einen Rückgang im Bereich der portablen Konsolen, den auch wir spüren», heisst es dort auf Anfrage. Deutlicher wurde im letzten Jahr Satoru Iwata, Chef des japanischen Technologie-Konzerns Nintendo: Die Schlacht gegen den einstigen Erzfeind Sony sei zwar gewonnen, doch der Gegner der Zukunft heisst Apple. Der Erfolg der iPhones und iPads heizt den Japanern kräftig ein. Und Apple lässt nicht locker; um die Position bei den Tablet-Computern zu sichern, wird der US-Konzern schon in wenigen Tagen die zweite Version des iPad vorstellen. Beinahe gleichzeitig präsentiert Nintendo den 3DS. Die erste mobile Spielkonsole, die ein räumliches Bild naturgetreu wiedergeben kann. Sie wird Ende März in der Schweiz erscheinen und rund 330 Franken kosten. «Die Nintendo 3DS wird den portablen Bereich mit Sicherheit wieder ein wenig aufwirbeln», ist man sich bei Digitec sicher. Denn sie unterscheidet sich deutlich von den bisherigen mobilen Angeboten. Weil zum Marktstart zudem eine breite Zahl an Titeln angekündigt worden ist, sieht man der Lancierung in der Branche sehr positiv entgegen. Auch beim Branchenverband SIEA erhofft man sich, dass der 3DS das gebeutelte Handheld-Segment wiederzubeleben vermag.

Doch Sony wird das Feld nicht kampflos Nintendo und Apple überlassen. Mit dem Xperia Play erscheint im 1. Quartal ein auf dem Google-Betriebssystem Android basierendes Handy, das ebenfalls ein umfangreiches Spiele-sortiment bietet. Ohne Abo wird das Handy in der Schweiz für rund 900 Franken in den Verkauf gelangen. Daneben arbeitet Sony derzeit an einer neuen portablen Konsole. Doch mit dem NGP genannten Gerät lässt sich anders als mit dem Xperia Play nicht telefonieren. Handys werden immer stärker zu mobilen Spielkonsolen. Das hat auch der Technologie-Riese Microsoft erkannt und bereits angekündigt, mit der neuen Handy-Plattform Windows Phone 7 vermehrt auch mobile Spieler anzusprechen. Wenig überraschend wurde als einer der ersten Titel das von Android und iPhone bereits bekannte «Angry Birds» vorgestellt. Dass Microsoft im Markt neue Akzente setzen kann, hat das Unternehmen mit Kinect bewiesen. Der 200 Franken teure Kamerasensor für die Xbox 360 vermisst den Spieler innerhalb von wenigen Sekunden. Danach werden die Bewegungen lebensecht ins Spielgeschehen übertragen. Weltweit wurden in den ersten zwei Monaten nach der Lancierung von Kinect acht Millionen Einheiten verkauft. Microsoft-Finanzchef Peter Klein sagte bei der Präsentation der Halbjahreszahlen vor wenigen Wochen, dass der Erfolg von Kinect den Absatz der gesamten Konzernsparte angetrieben habe. Auch die Schweizer Zahlen sind beeindruckend, um fast 30 Prozent nahm der Xbox-360-Umsatz zu. Doch auch hier ist die Konkurrenz Microsoft auf den Fersen, so konnte Sony mit der im vergangenen Jahr lancierten Bewegungssteuerung Move zumindest einen Teilerfolg verbuchen und den Umsatz im Gesamtjahr leicht ausbauen.

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Markt mit Potenzial

Der Erfolg der innovativen Konzepte zeigt auch, dass der Markt ein beachtliches Wachstumspotenzial hat. Eine vor Kurzem von der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) vorgestellte Studie geht davon aus, dass sich der Markt in der Schweiz sehr positiv entwickeln wird und sich gar zu einem der dynamischsten Segmente der Schweizer Unterhaltungs- und Medienbranche mausern soll.

Trotz der jüngsten Baisse soll der Markt bis 2014 von heute rund 400 Millionen Franken auf über 550 Millionen Franken anschwellen. Dazu sollen die klassischen Videospiele, aber auch neuere Erlösmodelle wie Online-Spiele und In-Game-Werbung beitragen.