Was für ein Paukenschlag am Dienstag: Novartis baut den Konzern um – stösst die Bereiche Impfstoffe und Tiermedizin ab, holt sich dafür aber das Onkologiegeschäft des britischen Konkurrenten GlaxoSmithKline (GSK) an Bord. Kostenpunkt dafür: Mindestens 14,5 Milliarden Dollar per sofort sowie bis zu weitere 1,5 Milliarden Dollar je nach Erreichen sogenannter Meilensteine.

Während die Erlöse für die Devestitionen von allen Seiten beklatscht wurden, musste Novartis-Chef Joe Jimenez für diese 16 Milliarden Dollar teils harrsche Kritik einstecken: Zu teuer, so das Urteil. Stellvertretend dafür setzten die Analysten der Bank Notenstein hinter den Zukauf «ein grosses Fragezeichen».

Beim Blick auf die nackten Zahlen wird dieser erste Eindruck auch untermauert: 16 Milliarden Dollar ist für ein Portfolio, dessen Franchisen 2013 gerade einmal 1,6 Milliarden Dollar erzielt hatten – das Zehnfache also – ein stolzer Preis. Für Michael Nawrath ist das aber ein voreiliger Schluss: «Das GSK-Onkologie-Portfolio wird falsch eingeschätzt», schreibt der Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB) in einer Studie.

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Minimaler Umsatzanteil im GSK-Konzern

GSK tat sich auf dem Gebiet der Onkologie traditionell schwer und erwirtschaftete mit Krebsmedikamenten nur 5,4 Prozent des Konzernumsatzes, so Nawrath. «Im internationalen Vergleich taten sich die Briten auch historisch nie im Krebsbereich hervor» – anders als der bisherige Dominator Roche (mit Produkten wie Rituxan, Herceptin oder Avastin) oder Novartis, der neuen Nummer zwei, die bisher vor allem mit Glivec in diesem Therapiegebiet Schlagzeilen machte. Die Zahl der Novartis-Blockbuster (Medikamente jenseits der Milliardenumsatzgrenze) könnte von aktuell 8 bis 2016 auf mindestens 14 steigen.

«Wir nehmen an, dass das gleiche Portfolio in Händen eines professionellen Entwicklers und Vertreibers von Onkologieprodukten im Jahr 2013 bereits einen Umsatz von 2,9 Milliarden Dollar eingebracht hätte», sagt Nawrath – womit der Kaufpreis «nur» noch dem Faktor 5,4 entsprechen würde. Und seine Rechnung geht weiter: Im besten Fall geht er von einem Umsatzpotenzial von 12,1 Milliarden Dollar aus – und daraus resultierend einem operativem Kerngewinn von bis zu 4,8 Milliarden Dollar.

Die Studie rechnet die Chancen der sechs wichtigsten GSK-Onkologieprodukte (Tykerb, Arzerra, Promacta, Votrient, Tafinlar, Mekinist) hoch – und beleuchtet AMP-224. Die Substanz, ein Fusionsprotein, das die Blockade der hemmenden Signale einer Krebszelle einleitet, wurde ursprünglich von der Biotechfirma Amplimmune entwickelt – heute gehört diese zu Astra Zeneca, mit der Novartis nach dem Milliardendeal die Rechte an AMP-224 teilen muss. Newrath sieht allein hierfür bei erfolgreicher Markteinführung einen möglichen Umsatzpeak in der Gegend von drei Milliarden Dollar. Ein anteilmässiger Betrag, der zu den vorgenannten 12,1 Milliarden Dollar, notabene eine Zusatzoption darstellt.

Patentschutz bis etwa ins Jahr 2030

«Zusammenfassend kommen wir für 2018 auf ein doppelt bis drei Mal so hohes Umsatzpotenzial wie der Konsens und einen drei- bis fünf Mal so hohen operativen Kerngewinn», so der ZKB-Analyst. Zusätzlicher Pluspunkt für Novartis: Die sechs Top-Onkologieprodukte von GSK sind recht jung und geniessen bis zirka ins Jahr 2030 Patentschutz. «Wer in diesem Markt ein Big Player geworden ist, hat eine strategisch richtige Entscheidung für die Zukunft getroffen», so Nawarath.

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Novartis-Chef Jimenez gab in einem Interview mit der Boulevard-Zeitung «Blick» unumwunden zu, dass er nun den Konkurrenten Roche überholen wolle. Die Aktionäre folgten seinen Worten – an der Börse legten die Titel nach dem Deal zu. Und wie heisst es jeweils so nichtssagend, aber nicht minder wahr: Ob die Rechnung von Novartis wirklich aufgehen wird, zeigt erst die Zukunft.