Solide» und «defensiv». Dies sind Worte, mit denen Marktbeobachter die Gewinnentwicklung der Schweizer Kantonalbanken für gewöhnlich umschreiben. Nur: Werden die Aktienkurse für sich betrachtet, muss mittlerweile eher von einem hastigen Rückzug denn einer soliden Defensive gesprochen werden.

Längst sind nämlich die Verwerfungen an den weltweiten Kreditmärkten auch in St. Gallen, der Waadt und den anderen Ständen angekommen. Da konnten die Staatsbanken – was sie übrigens getan haben – noch so sehr beteuern, dass sie keine Berührungspunkte mit dem US-Hypothekenmarkt aufweisen: Als Teil der in Ungnade gefallenen Finanzbranche war ihnen die kollektive Abstrafung an der Börse sicher.

Verlangsamung im 2. Semester

So sind die Titel des ehemaligen Börsenüberfliegers St. Galler Kantonalbank (SGKB) seit Anfang letzten Juli knappe 11% ins Minus gerutscht. Noch übler erwischt hat es die Banque Cantonale Vaudoise (BCV). Ihre Aktie notiert mit –12% über zwei Monate nur 1 Prozentpunkt besser als die UBS-Papiere. Dem Ruf, Kantonalbankaktien seien in Baissen sicherer als jene der Grossbanken, konnten dagegen nur einzelne Institute gerecht werden. Die Berner Kantonalbank (BEKB) hat ihren Börsenwert seit Anfang Juli knapp halten können.
Die Kursverluste wären längerfristig nicht weiter tragisch, sofern von den Bankhäusern bald operative Luftsprünge erwartet werden dürften. Aber auch auf dieser Seite hat sich die Lage eingetrübt; Analysten und teilweise auch die Banken selber erwarten eine Abschwächung der Dynamik im 2. Halbjahr 2007. So hat die Führung der SGKB einen vorsichtigeren Ausblick für das angebrochene Semester gegeben. Die BCV erwartet ebenfalls tiefere Wachstumsraten als im 1. Halbjahr, die Luzerner Kantonalbank (LUKB) sieht 2007 nur ein «leicht besseres» Ergebnis gegenüber dem Vorjahr. Die meisten Schwierigkeiten bereiten den Staatsbanken dabei nicht die Verwerfungen an den Finanzmärkten sondern der schleichende Margenverfall in ihrem wichtigsten Umsatzfeld, dem Zinsgeschäft.

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Billiges Passivgeld versiegt

Unter dem massiven Konkurrenzdruck durch Schwergewichte wie Raiffeisen müssen die Kantonalbanken bei den Hypotheken zu günstigeren Angeboten greifen; bei der SGKB ist die Festhypotheken-Marge zwischen Dezember 2006 und Juni 2007 um 7 Basispunkte zurückgegangen. Bisher konnte der Preiskampf bei den Hypotheken noch bequem über tief verzinste Spargelder finanziert werden.
Weil sich aber auch hier der Zinsanstieg bemerkbar machen dürfte, könnte das billige Passivgeld knapp werden – zudem wechseln Sparer zunehmend von Spar- in höher verzinsliche Festgeldkonten. Marktkenner schätzen den Abfluss von Spargeldern im 1. Semester auf bis zu 10%. Bernard Kobler, CEO der LUKB, hält das Zinsgeschäft zwar noch für attraktiv, aber auch er sagt: «Die Diversifizierung in andere Umsatzgebiete ist heute sehr wichtig.» Die LUKB strebt deshalb ein Gleichgewicht von Retail und Private Banking
bei je 40% an. Auch die anderen Staatsbanken forcieren die Vermögensverwaltung – mit der Tochterfirma Hyposwiss ist etwa die SGKB erfolgreich unterwegs. Schliesslich ist aber auch dieses Geschäft verwundbar, sollten die Börsenturbulenzen länger anhalten und das Zinsumfeld härter werden.
Vor diesem Hintergrund sind die Massnahmen zur Effizienzsteigerung daher besonders hoch zu bewerten. Gerade im Bereich IT investieren die Staatsbanken im grossen Stil; dies belastet zwar heute die Ergebnisse noch zusätzlich, dürfte sich aber morgen auszahlen. Bei der SGKB und der LUKB ist der IT-Plattform-Wechsel in vollem Gange; BCV hat sich zu diesem Zweck mit der Zürcher Kantonalbank (ZKB) verbündet.
Bis sich die Effizienzgewinne in den Kursen spiegeln, vergeht aber noch einige Zeit; kurzfristig ist deshalb bei den Valoren der Staatsinstitute – trotz teilweise günstiger Bewertung – Vorsicht angesagt. Insbesondere, solange die Branche von der Kreditkrise belastet wird. Wer die Aktien im Portefeuille hat, darf sich aber immerhin über satte Dividenden freuen.

Dividende ist Trumpfkarte

So hat die BEKB dieses Jahr zum 10. Mal in Folge ihre Dividenden erhöht und eine Nennwertrückzahlung durchgeführt. Und bei der BCV besteht eine Überkapitalisierung, die sich in vermehrten Ausschüttungen niederschlagen könnte. Bei der LUKB liegt die von ZKB-Analysten geschätzte Dividendenrendite 2007 bei 3,5%, bei der SGKB sogar bei satten 4,1%.