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Kantonalbanken: Kapitale Lücken

Filiale der Genfer Kantonalbank: 200 Millionen Franken frisches Kapital reichen nicht.

Neue Vorschriften zwingen die Staatsinstitute, ihre Eigenmittel deutlich zu stärken. Das bringt sie in den Clinch mit der Politik.

Von Samuel Gerber
am 11.07.2012

Der Präsident des Verbands Schweizerischer Kantonalbanken sitzt auf einem heissen Stuhl. Peter Siegenthaler, der sich als langjähriger Chef der eidgenössischen Finanzverwaltung einen Namen machte, hielt es weniger als zwei Jahre auf dem Posten. Nun bekommt sein Nachfolger Urs Müller die Lasten des Amtes zu spüren. Grund dafür ist ein Interview, in dem der frischgebackene Präsident eindringlich vor den Gefahren der höheren Eigenmittelanforderungen warnte. «Mehrere Kantonalbanken müssen zusätzliches Kapital aufbauen, indem sie weniger Gewinn an den Eigentümer ausschütten», sagte er der «Finanz und Wirtschaft». Die Offenheit sei von den Verbandsmitgliedern nicht goutiert wor den, berichten Insider.

Tatsächlich rührte Müller mit seiner Aussage an ein sensibles Thema. Jegliche Diskussion über die Ausschüttungen ist zutiefst politisch und weckt unweigerlich böse Erinnerungen an die Fälle, in denen Kantone ihren Banken mit Steuergeldern beispringen mussten.

Der Verbandspräsident will sich heute nicht mehr zu seinen Aussagen äussern. Die eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma aber bestätigt Müllers Mahnungen. Mit der Einführung der Bestimmungen von Basel III und eines zusätzlichen Kapitalpuffers gebe es einige Staatsinstitute, die einen Kapitalaufbau nötig hätten. «Dazu gehören auch Kantonalbanken», so ein Sprecher der Finma.

Schon vor Monaten begannen die Zürcher, St. Galler und Walliser Kantonalbanken, sich am Kapitalmarkt Mittel zu beschaffen, um ihr Eigenkapital zu stärken. Die Glarner Kantonalbank nahm letztes Jahr ein Darlehen bei acht anderen Staatsinstituten auf. Weitere solche Massnahmen könnten Folgen, erwarten Experten. Denn mit dem von der Schweizerischen Nationalbank geforderten antizyklischen Puffer droht eine nochmalige Erhöhung der Eigenmittel. Dazu die sakrosankten Dividenden antasten – das dürfte den Kantonalbanken jedoch schwer fallen.

Verhängnisvolle Verquickung

Dies zeigt sich im Fall der Genfer Kantonalbank. Letzten Herbst legte das Institut ein nachrangiges Darlehen über 200 Millionen Franken auf, um den Anforderungen von Basel III zu genügen. Im Mai dieses Jahres traf dann dicke Post aus Bern ein. Die Finma hatte die Bank in die dritte von fünf Risikoklassen hochgestuft. Die Klassen sind im Finma-Rundschreiben «Eigenmittelpuffer und Kapitalplanung Banken» von 2011 festgelegt. Stark vereinfacht gilt für das System: Je grösser das Geldinstitut, desto höher dessen Vernetzung und damit das Risiko für die Schweizer Wirtschaft. Und umso dicker der geforderte Puffer. Für das Genfer Staatsinstitut steigt mit dem «Klassenwechsel» die erforderliche Eigenmitteldeckung von 140 auf 150 Prozent. Es muss also mehr Eigenkapital her. Derartig unter Druck, lässt das Geldhaus dennoch die Finger von den Dividenden. Statt Gewinne einzubehalten, ändert es die Geschäftspraxis. «Als Konsequenz der zusätzlichen Eigenkapitalanforderungen wird sich das Kreditwachstum verlangsamen», heisst es in Genf.

Das Beispiel Genf verdeutlicht die Folgen der neuen Kapitalregeln, aber auch deren Verquickung untereinander. Wie die meisten anderen Schweizer Institute müssen die Kantonalbanken nicht nur den erhöhten Anforderungen von Basel III genügen, sondern auch dem Finma-Risikopuffer. Bei der Luzerner Kantonalbank etwa sieht das so aus: Basel III sieht für das Institut ab 2016 eine Eigenkapitalquote von 8 Prozent zuzüglich eines Eigenmittelpuffers von 2,5 Prozent vor. Die Finma ihrerseits verlangt eine Eigenkapitalquote von 8 Prozent sowie einen Puffer von 4 Prozent. Somit müsste die Bank neu über eine Quote von mindestens 12 Prozent verfügen. Ende 2011 konnten die Luzerner allerdings einen Wert von 14,9 Prozent vorweisen. Das Institut stellt sich daher wie die meisten anderen Kantonalbanken auf den Standpunkt, die neuen Anforderungen zum jetzigen Zeitpunkt zu erfüllen.

Kleine stehen schlechter da

Dennoch gibt es hinsichtlich der Kapitalisierung der einzelnen Staatsbanken deutliche Unterschiede. Das zeigt etwa ein Blick auf die Leverage Ratio. Die Kennzahl setzt das eng gefasste Eigenkapital in ein Verhältnis zu den gesamten Anlagen einer Bank; im Rahmen von Basel III gilt eine Rate von 3 Prozent als erstrebenswert. Die Bedeutung der Kennzahl wurde jüngst im Stabilitätsbericht der Nationalbank nochmals unterstrichen. Der besseren Vergleichbarkeit halber wurde an dieser Stelle eine Annäherung an die Kennzahl verwendet: Basierend auf den Jahresbilanzen 2011 wurde das jeweilige Gesellschaftskapital inklusive Reserven ins Verhältnis zu den gesamten Aktiven der Bank gestellt. Die Ergebnisse weichen leicht von den seitens der Banken publizierten Werte ab. Trotzdem ist der Vergleich aufschlussreich. Gerade die kleinen Institute stehen gemessen an der Leverage Ratio oft schlechter da als die grossen Staatsbanken.

Aber auch die Grossen haben ihre Sorgen. Wesentlicher Bestandteil der Basel-III-Regeln ist es gerade, Bankbilanzen nach ihren Risiken zu bemessen. Demnach müssen riskanten Anlagen künftig grössere Eigenmittel gegenüberstehen. «Unter Basel III werden Derivate mit mehr Eigenmitteln zu unterlegen sein, was für das Handelsgeschäft erhöhte Anforderungen nach sich zieht», hält die Finma fest. Das ist gerade für die Zürcher Kantonalbank bedeutsam, die über eine gewichtige Derivatesparte verfügt. Auch die Waadtländer, St. Galler, Basler und Berner Kantonalbanken treiben für ihre Kunden Handel. Bis jetzt zieht aber nur die Basler Kantonalbank überhaupt Änderungen in Betracht. «Sollten einzelne Produkte und Geschäftsfelder zu kapital- und kostenintensiv werden, wäre das Angebot neu zu beurteilen», heisst es dort.

Geschäfte zumachen oder zahlen – Experten rechnen weiter mit einem steigenden Kapitalbedarf bei den Kantonalbanken. «Es werden bestimmt weitere Emissionen von nachrangigen Anleihen folgen, die unter den neuen Richtlinien dem Eigenkapital anrechenbar sind», sagt Christian Fischer, Partner beim Zürcher Anleihenspezialisten Independent Credit View.

«Nicht wünschenswert»

Dafür spricht die noch diesen Sommer erwartete Einführung der antizyklischen Puffer. Die Nationalbank fordert die Instrumente, um den steigenden Risiken am Schweizer Immobilienmarkt zu begegnen. Mit dem Puffer würde die erforderliche Eigenkapitalquote der Banken nochmals um bis zu 2,5 Prozent ansteigen. «Die antizyklischen Puffer könnten bei ihrer Einführung zu Umstellungen führen», warnt die Zürcher Kantonalbank auf Anfrage. «Entweder müsste die Praxis im Kreditgeschäft oder die Eigenkapitaldecke zusätzlich verschärft werden.»

Dass das Institut dazu die Ausschüttungen an den Eigentümer antasten würde, ist jedoch nicht zu erwarten. Der Aufschrei wäre gross, weiss man doch, wie sehr der Kanton auf die jährliche Gewinnüberweisung zählt. «Da die Gewinnausschüttungsfestlegung von aussen schwer abschätzbar ist, stellt der Regierungsrat in seiner Finanzplanung jeweils eine konstante Ausschüttung auf Basis des Durchschnitts der letzten fünf Ausschüttungen ein», heisst es bei der Finanzdirektion des Kantons Zürich.

Auch Maurice Pedergnana betrachtet Änderungen in der Dividendenpolitik als heikel. Er weiss, wovon er spricht: Der Ökonom sass mehr als ein Jahrzehnt im Bankrat der Zürcher Kantonalbank. «Die Aktionäre sind langfristig stabile Ausschüttungen von den Kantonalbanken gewohnt. Das Einhalten sämtlicher Gewinne wäre deshalb nicht wünschenswert und käme vermutlich schlecht an.»

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