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Kantonalbanken: KMU - Woher die Kredite kommen

Die staatsnahen Institute begegnen dem Kreditrisiko mit massgeschneiderten Produkten und einer professionellen Risikobewirtschaftung.

Von Paul Nyffeler
am 14.09.2005

Zwei von drei Waadtländer Unternehmen sind Kunden der Banque Cantonale Vaudoise, die Zürcher Kantonalbank ist Partner jedes zweiten kleinen oder mittleren Unternehmens (KMU) im Kanton Zürich ­ und in der Nordwestschweiz und in den anderen Kantonen präsentiert sich die Situation ähnlich: Die Kantonalbanken sind die wichtigsten Partner der KMU in der Schweiz. Dies bestätigt auch eine breit angelegte Marktforschungsstudie: Rund 45% aller befragten Unternehmen geben an, Kunde bei einer Kantonalbank zu sein, für 30% ist das kantonale Institut die Hauptbank. Gemäss Nationalbank-Statistik belief sich die von Kantonalbanken vergebene Kreditsumme per Ende Mai 2005 auf über 240 Mrd Fr. Das entspricht rund einem Drittel aller im Inland vergebenen Kredite.

Diese Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit: Für die Kantonalbanken bildet die Kreditvergabe an die KMU ein Kerngeschäft. Über 99% aller Unternehmen in der Schweiz beschäftigen weniger als 250 Mitarbeitende und gelten als KMU. Sie bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Es gilt, die Bedürfnisse dieser Unternehmen nach Krediten und anderen Bankdienstleistungen im Interesse einer florierenden Wirtschaft optimal zu erfüllen.

Volkswirtschaftliche Verantwortung wahrnehmen

In der Bankbranche sind die Kantonalbanken selber mittelgrosse Unternehmen. Als solche kennen sie Ausgangslage und Bedürfnisse der KMU und sind auch aus historischen Gründen stark mit diesem Kundensegment verbunden. Dieser Auftrag ­ wenn auch oft allgemeiner formuliert als bei der Gründung vieler Staatsinstitute in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ­ ist in praktisch allen Kantonalbankgesetzen festgehalten. Das Gesetz über die Zürcher Kantonalbank hält gar explizit fest, dass insbesondere die Anliegen der KMU zu berücksichtigen seien. Aber auch ohne diesen ausdrücklichen Zusatz sind sich die Kantonalbanken ihrer volkswirtschaftlichen Verantwortung bewusst. So hält etwa die Basellandschaftliche Kantonalbank in ihrem Geschäftsbericht 2004 fest: «Die Basellandschaftliche Kantonalbank erachtet es nach wie vor als Kernaufgabe, die KMU-Finanzierung kontinuierlich und verantwortungsbewusst wahrzunehmen.»

Risiken bewirtschaften

Die Nähe zum Kanton und die traditionelle Verbundenheit mit der regionalen Wirtschaft dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kantonalbanken nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführte Institute sind und im Wettbewerb bestehen müssen. Volkswirtschaftliche Verantwortung bedeutet auch, unternehmerisch denken und handeln. Die Kantonalbanken haben das gleiche Ziel wie jedes andere Unternehmen: Gewinne zu erzielen. Das Geschäft mit den KMU ist mit Risiken verbunden. Unternehmen, die einen Kredit beantragen, sollen sachgerecht auf ihre Bonität und Kreditfähigkeit hin geprüft werden. Das Risikomanagement ist auch im Geschäft mit den KMU eine zentrale Aufgabe. Die Kantonalbanken stützen sich dabei auf individuelle Kundenratings.

Die Analyse wird in der Regel auf der Basis von finanziellen Angaben wie Bilanz- und Erfolgsrechnung, Budgetzahlen, Finanzplanung und Investitionsplanung durchgeführt. Zur Bestimmung des Ratings werden anschliessend weitere Aspekte wie Managementqualität, Produkte und Branchenzugehörigkeit, Innovationskraft und Gesamtbeziehung zur Bank analysiert.

Für eine tragfähige und langfristig orientierte Partnerschaft ist Transparenz sehr wichtig, und zwar auf beiden Seiten. Die Bank ist auf vollständige Unterlagen angewiesen, um sich ein möglichst der Realität entsprechendes Bild machen zu können. Gleichzeitig schätzen es Firmenkunden, wenn sie Informationen über den Beurteilungsprozess sowie die Kriterien, die zur Bonitätseinstufung führen, erhalten.

Die meisten Kantonalbanken bieten Informationen und Hilfsmittel für ein erfolgreiches Finanzierungsgespräch an. Dazu gehören Anleitungen und Modell-Raster für das Erstellen eines Businessplans, Planungsinstrumente für die Liquiditäts- und Finanzplanung oder Kennzahlen und Branchenvergleiche sowie Formulare für einen Kreditraster. Die Banque Cantonale Vaudoise beispielsweise lancierte Anfang April 2005 auf ihrer Website ein neues Instrument zur Unternehmensanalyse: Mit «Check-up Financier BCV» können Unternehmer ihren Betrieb an Hand der wichtigsten Kennzahlen mit der Wirtschaftsbranche vergleichen.

Gerät ein Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, wird in der Regel ein Spezialist beigezogen, der mithilft, Lösungen zur Sanierung auszuarbeiten. Um Problemsituationen gar nicht erst entstehen zu lassen, ist es wichtig, dass ein enger Kontakt zwischen der Bank und der Unternehmung besteht. Darüber hinaus bieten viele Kantonalbanken Aus- und Weiterbildung für KMU-Kunden an. Die Formen dieses Engagements sind sehr unterschiedlich und reichen von Publikationen über punktuelle Informationsanlässe bis zu systematischen Weiterbildungsveranstaltungen. Oft werden solche Angebote in Partnerschaft ­ etwa mit dem lokalen Gewerbeverband oder mit Spezialisten aus der Treuhandbranche ­ angeboten. Sie sind meist spezifisch auf Situation und Anliegen der KMU ausgerichtet und sollen eine gute Ausgangslage für eine langfristige Partnerschaft mit der Bank sichern.

KMU-freundlichste Banken

Das Engagement der Kantonalbanken für die KMU wird geschätzt. Im diesjährigen Banken-Rating von «Cash Enterprise» schneiden sie ­ dank ihrer massgeschneiderten Produkte für Firmen ­ als KMU-freundlichste Banken ab. Gelobt wurde auch ihr Einsatz für Neuunternehmen ­ so genannten Start-ups. Praktisch alle Kantonalbanken unterstützen Start-ups in irgendeiner Form: Etwa durch speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Produkte oder über Beteiligungen an Förderinitiativen Dritter ­ oft kombiniert mit einer definierten höheren Risikobereitschaft.

Die Berner Kantonalbank beispielsweise unterstützt mit ihrem Förderkonzept, das aus den drei Säulen «Neuunternehmen und Wachstum», «Nachfolgeregelung» und «Seed-Finanzierung» besteht, Neuunternehmen und innovative KMU. Die Graubündner Kantonalbank versucht mit KMU-Impulskrediten neue Impulse für die Bündner Wirtschaft zu geben, und die Luzerner Kantonalbank bietet mit ihrem KMU-Förderkredit Spezialkonditionen für viel versprechende Jungunternehmen an.

Ein Pluspunkt der Kantonalbanken, der insbesondere auch von der KMU-Kundschaft sehr geschätzt wird, ist ihre geografische Nähe. Mit rund 820 Geschäftsstellen verfügt die Gruppe über ein sehr dichtes Filialnetz. Die Kantonalbanken verfolgen die Strategie, die KMU-Kundschaft grundsätzlich vor Ort zu betreuen. Kreditkompetenzen sind sehr stark an die Front delegiert, sodass Entscheide rasch und kundennah getroffen werden.

Schlüsselposition im Markt

Aufgrund ihrer Schlüsselposition im KMU-Markt sind die Kantonalbanken in einer verantwortungsvollen Rolle mit grosser Bedeutung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Diese Verantwortung nehmen sie gerne wahr und sehen sie als Chance für die Schweizer Wirtschaft. Sie setzen dabei auf langjährige, von Vertrauen geprägte Partnerschaften und professionelle Risikobewirtschaftung. Das Ziel ist der langfristige Markterfolg aller Beteiligten.

Paul Nyffeler, Präsident Verband Schweiz. Kantonalbanken, Basel.

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