Es war der 12. Januar 2007. In der Schweiz tobte gerade Sturmtief Franz, als Ulf Berg einen Anruf von ZKB-Chef Hans Vögeli erhielt. Es gab nur ein Traktandum: Das wahre Ausmass des Angriffs auf Sulzer. Insider Vögeli sagte zum damaligen Präsidenten des Industriekonzerns: «Es ist kein Wind, sondern ein Sturm.»

Zwei Wochen später klingelte Bergs Telefon erneut. Diesmal meldete sich Ronny Pecik. Der österreichische Investor gab sich als Angreifer zu erkennen, 20 Prozent an Sulzer kontrolliere er bereits. «Lassen Sie mich betonen, es ist total legal», erklärte Pecik.

Total legal. Nicht alle teilten diese Auffassung. Vor allem nicht die Finanzmarktaufsicht Finma: Deren Experten und Dutzende von Spezialisten aus Revisionsgesellschaften begannen, Banker und Händler zu den Methoden der neuen Investoren zu befragen. E-Mail-Server wurden durchforstet, Telefonkontakte zurückverfolgt, Börsentransaktionen aufgeschlüsselt. Das Resultat war eine 94-seitige Verfügung.

Die Aktie legte um 39 Prozent zu

Dem Dokument zufolge baute Pecik ab Herbst 2006 eine substanzielle Aktien-Position in Sulzer auf. Der Österreicher war das Hirn der mehrmonatigen Aktion, Georg Stumpf der stillere Partner im Hintergrund und Viktor Vekselberg der Geldgeber, der auf den Zug aufsprang.

Pecik hatte nur ein Problem: Sobald er mehr als 5 Prozent Aktien besass, musste er die Position der Börse und Sulzer melden. So will es das Gesetz. Im November begann er deshalb mit dem Kauf von Optionen. Sie gaben ihm das Recht, die Aktien später von den Banken zu beziehen; aber eine Meldung an die Börse war nicht sofort nötig. Neben 5 Prozent Aktien durfte man damals gleichzeitig noch 5 Prozent Optionen meldefrei halten.

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Die Banken gewannen dabei den Eindruck, gegeneinander ausgespielt zu werden: «Ich glaube, wenn wir nix machen, wird er jemand anderen anfragen», schrieb etwa ZKB-Händler A.L. am 28. Dezember seinem Chef. In der Folge konnte Pecik bei der ZKB wie auch bei der Bankboutique NZB in grossem Stil Optionen kaufen. Um nicht mit leeren Händen dazustehen, wenn Pecik die Aktien später einfordern sollte, mussten die Banken Aktien auf Vorrat kaufen. Das trieb den Preis, alleine im Schlussquartal 2006 legte die Aktie 39 Prozent zu.

Schon bald stand Pecik vor dem nächsten Problem: Auch bei den Optionen erreichte er die 5-Prozent-Meldeschwelle. Was also tun? Hier half ein anderes Finanzinstrument: Die sogenannten Cash-Settlement-Optionen. Alleine in den ersten Januartagen 2007 tauschte Pecik laut Finma-Bericht Hunderttausende seiner klassischen Sulzer-Optionen gegen diese anderen Optionen. Der Vorteil: Die Cash-Settlement-Optionen mussten laut Börsenverordnung nicht gemeldet werden, da deren Besitzer nur Anspruch auf Cash hatte, nicht aber auf die Aktie selber.

Pecik kaufte im Winter fortlaufend solche Papiere dazu. Und die Banken mussten deshalb weitere Sulzer-Aktien erwerben, um sich finanziell abzusichern. Bis Frühling 2007 hielt zum Beispiel die ZKB 8,49 Prozent der Aktien an Sulzer, bei der Deutschen Bank lagerten ebenfalls gut 8 Prozent. Pecik, seine Bank und die Mitstreiter hielten dagegen neben einigen Prozenten via Aktien vor allem viele nicht gemeldete Cash-Settlement-Optionen.

Im April 2007 schliesslich ging der Angriff in seine finale Phase. Pecik liess die Cash-Settlement-Optionen laut Finma in normale Optionen zurückwandeln. Damit erhielt er wieder direkten Zugriff auf alle Aktien, welche die Banken angehäuft hatten. Schon Monate zuvor hatte er sich bei den Händlern nach dieser Möglichkeit erkundigt und als Antwort die E-Mail erhalten: «Kein Problem.» Als es dann so weit war, sprachen auch Banker untereinander Klartext: «Grund für die Änderung ist [...] die Bekanntgabe der wirklichen Grösse der Position», schrieb etwa der NZB-Händler M.B. im Bloomberg-Chat. Vier Tage später meldeten Pecik, Stumpf und Vekselberg offiziell, dass sie 31,92 Prozent an Sulzer kontrollierten. Der Kampf war entschieden, bevor er begonnen hatte.

Finma: Es besteht kein Zweifel

All diese Vorgänge rekonstruierte die Finma minutiös. Offen war nur die Frage: War das erlaubt? Oder war der Trick mit den Cash-Settlement-Optionen trotz Ausnahmeregelung in der Verordnung eine illegale Umgehung der Meldepflicht?

Für die Juristen der Finma war der Fall klar: «Es besteht kein Zweifel, dass Ronny Pecik auch über die auf Barausgleich lautenden Optionen die Kontrolle über die [...] Aktien hatte. Eine derart ausgestaltete Strategie qualifiziert, da es sich um eine klare Umgehung handelt, als indirekter Aktienerwerb.»

Klare Worte. Doch nun hat das Departement von Bundesrat Merz das Strafverfahren eingestellt, und kein Gericht wird je darüber entscheiden. Dabei zeigt ein Bundesgerichtsurteil vom Frühling: Das Finanzdepartement hätte sehr gute Karten in Händen gehalten, wäre es zum juristischen Showdown gekommen.

Im ähnlich gelagerten Angriff auf den Baukonzern Implenia urteilte das Bundesgericht gegen den heimlichen Aufkäufer Laxey. Der britische Hedgefonds hatte eine vergleichbare Strategie wie Pecik verfolgt und nur ein leicht abgewandeltes Finanzinstrument benutzt. Das Gericht befand, dass der Einsatz von solchen Finanz-Derivaten einen «indirekten Erwerb» darstelle und daher meldepflichtig sei. So steht es im Börsengesetz. Und für das Gericht hat das Gesetz Vorrang vor den Ausnahmeregelungen in der Verordnung.

Unbekannte Akten aus Österreich

Vor allem für Pecik und den jeweils mitinformierten Stumpf hätte es eng werden können. Die Finma kam zum Schluss, dass die häufig über die Wiener M&A Privatbank abgewickelten Sulzer-Transaktionen «zumindest in einem ersten Schritt Ronny Pecik zuzurechnen seien». Er sei «die treibende Kraft» gewesen. Und Stumpf hatte mit Pecik laut Aufsicht klar eine Gruppe gebildet.

Weniger klar ist dagegen, ob auch Vekselberg börsenrechtlich Teil dieser Gruppe war. Was genau wussten er und sein Statthalter Vladimir Kuznetsov über die Strategie von Pecik? Aufschluss haben möglicherweise Akten aus Wien geliefert, welche die Behörden über Amtshilfe angefordert hatten. Details kennt einzig das Finanzdepartement. Auf alle Fälle schien es der Behörde von Bundesrat Merz opportun, das Verfahren gegen alle Investoren gleichermassen einzustellen. Ein harter Schlussstrich. Nur Bern weiss, was bei einem Teil-Verfahren gegen die Österreicher noch alles publik geworden wäre.