Was den idealen Chef ausmachen würde, wissen wir längst, sei es aus eigener schmerzhafter Erfahrung oder dank gut gemeinten Publikationen zum Thema Leadership.

Der ideale Chef verfügt über die Sachkompetenz eines hundertjährigen Facharbeiters, das Einfühlungsvermögen eines Sozialarbeiters und die Durchsetzungskraft eines Rottweilers. Der ideale Chef ist so selten wie der Pandabär am Südpol, denn mit seinen Softfaktoren schafft er es im harten Wirtschaftsleben nicht über die ersten Karrierestufen hinaus. Im Gegenteil: Scheinwerfersucht, hartnäckige Realitätsresistenz, Anerkennungshunger und blanke Geldgier befördern den Erfolg nachhaltiger.

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Dies behaupten zumindest die deutschen Wirtschaftsjournalisten Christine Demmer und Christof Schössler in ihrem Buch «Majestät brauchen Sonne». In liebevoller Kleinarbeit erstellten sie darin ein Inventar der Machtjunkies Deutschlands samt ihren geradezu spektakulären Charakterdefiziten. Ausführlich berichten sie darüber, wie in Vorstandsgremien gemauschelt, betrogen und gezockt wird, wie die Entscheider, Retter und Sanierer mit frei erfundenen Umsätzen Aktienkurse in die Höhe treiben, Risikoabwägungen ihrem Spieltrieb opfern und schliesslich «die Niederungen einfacher Millionengehälter hinter sich lassen und sich direkt an den Erträgen der Konzerne bereichern».

Alles eine Frage der Dosis

Nicht nur die Verhältnisse in Grosskonzernen kommen zur Sprache schliesslich werden auch in Kleinbetrieben Niederlagen schöngeredet und Akten eindrücklich von A nach B getragen. Die zitierten Beispiele sind allzu haarsträubend, um erfunden sein zu können. Der Blick der Autoren ist lupenscharf, ihre Kommentare so respektlos wie offenbar das Betragen in vielen Chefetagen.

Sie machen dabei deutlich, dass gegen Erfolgsstreben und Lust an der Leistung grundsätzlich nichts einzuwenden ist dass es aber auf die Dosierung ankommt.

Schweizer Lesern bleibt nur das Bedauern, dass sich die Beispiele auf den deutschen Raum beschränkten, leisten sich doch auch hierzulande wohl einige hohe Chefs Persönlichkeitsstrukturen, denen sich ambitionierte Psychiater nur zu gerne annehmen würden. Die gesunde Reaktion des vernunftbegabten Angestellten auf vieles, was in der Teppichetage passiert und aus ihr herausdringt, wäre denn eigentlich auch: Wegrennen. Und zwar schnell. Der Kleinkrieg mit dem kampferprobten Majestix geht erfahrungsgemäss meist nur für diesen gut aus und die Spontankündigung verbietet sich für Lohnabhängige angesichts ihrer finanziellen Lage ohnehin.

Was bleibt, abgesehen von Resignation und freizeitorientierter Schonhaltung? Vielleicht Galgenhumor? Jede Menge Stoff dafür liefert das vorliegende Buch.

Dessen Titel bezieht sich auf den Preussenkaiser Wilhelm II. «Majestät brauchen Sonne» lautete vor 100 Jahren das Kommando im Palast, wenn dem eitlen Herrscher mangels Amusement schwer ums Gemüt wurde. Doch auch für den Umgang mit nichtadligen Donnergöttern, Beifalljunkies und Chefhaudegen bietet das Buch nützliche Tipps.


Das 8-Punkte-Programm: Gebrauchsanweisung für schwierige Vorgesetzte

1. Perspektivenwechsel: Der Chef als Kunde

Den Chef als Kunden und sich selber als bezahlten Lieferanten von Spezialdienstleistungen zu sehen, kann helfen, die eigene Beziehung zum Boss auf ein kühleres, professionelleres Fundament zu stellen. Der Vorteil: Geschäftliche Beziehungen sind immer von einem Geben und Nehmen geprägt. Je mehr Sie geben, desto mehr können Sie auch verlangen!

2. Rucksack packen: Vorgesetzte sind wie das Wetter

Genauer: Wie Aprilwetter, mal freundlich, mal düster. Allwetterschutz bietet die Trickkiste für die jeweilige Tagesstimmung des Häuptlings. Braucht er Aufmunterung, wenn er mürrisch ist? Oder sollte man ihm besser aus dem Weg gehen? Leider gibt es dafür kein Patentrezept nur Trial and Error.

3. Initiative ergreifen: «Führung von unten» statt warten

Wer wartet, bis der Vorgesetzte auf ihn zukommt, wartet unter Umständen ewig. Schaffen Sie selbst eine Beziehung zum Chef! Spendieren Sie ruhig mal Lob, wenn er ausnahmsweise mal etwas gut gemacht hat. Recherchieren Sie seine Interessen, Hobbys und Bedürfnisse schenken Sie ihm Aufmerksamkeit, er ist auch bloss ein Mensch.

4. Werbung in eigener Sache: Gutes tun und darüber reden

Für gute Leistungen darf man ruhig werben. Erinnern Sie Ihren Vorgesetzten und andere wichtige Personen an Ihre Erfolge. Diese Strategie ist besonders bei solchen Chefs nützlich, die sich gerne mit den Leistungen anderer brüsten. Vorsicht nicht übertreiben: Wer einem beifallsüchtigen Chef die Show stiehlt, wird rasch aus dem Scheinwerferlicht entfernt.

5. Beharrlichkeit zeigen: Steter Tropfen höhlt den Stein

In eigener Sache eine Klette sein ist erlaubt. Nur wenn der Chef häufiger von Ihnen hört, ist er auch geneigt, Ihnen zuzuhören und gegebenenfalls etwas in Ihrem Sinn zu unternehmen. Es hilft, wenn Sie ihm klarmachen können, dass man gemeinsam viel erreichen kann.

6. By-Pass einrichten: Chef links liegen lassen

Alles versucht? Erfolglos? Dann übergehen Sie Ihren Chef! Klopfen Sie beim Vorgesetzten des Vorgesetzten an. Allerdings sollte Ihnen klar sein: Dies ist eines der letzten Mittel im Repertoire. Die meisten Bosse reagieren allergisch darauf.

7. Geordneten Rückzug planen: Alternativen suchen

Sollte sich herausstellen, das der Boss mehr Kopfschmerzen bereitet als die Arbeit Lust, ist es besser, einen neuen Chef zu suchen. Die Tatsache, dass es überall Charakterdefizite gibt, darf ebenso wenig am Wechseln hindern wie die Arbeitsmarktlage. Die Einstellung «Ich brauche diesen Arbeitsplatz unbedingt» führt zu einer schwachen Verhandlungsposition.

8. Filzen wie die Profis: Starke Netzwerke knüpfen

Gemeinsam erträgt sich auch der übelste Vorgesetzte besser. Darum: Vernetzen Sie sich mit Kollegen, tauschen Sie sich aus und knüpfen Sie Kontakte. Ein engmaschiges Netzwerk verbessert die persönliche Marktposition deutlich. Übrigens: Ihr Chef macht es genauso.

Aus: «Majestät brauchen Sonne» von Christine Demmer und Christof Schössler. Redline Wirtschaft, Frankfurt/M. gebunden, 264 S., 34.90 Fr., 2004. Direkt über die «HandelsZeitung» bestellen: Fax 044 288 35 77 oder: buecher@handelszeitung.ch