Die Wochenenden sind nun so herrlich frei. Frei für Hobbys, Freunde oder zum Chillen in ihrer gemütlichen Wohnung in der Stadt Basel. «Früher hatte ich das Gefühl, dass meine Samstage und Sonntage praktisch nur aus Haushaltsarbeit bestanden», sagt Vanessa Alvarado. Seit die 28-jährige Arbeits- und Organisationspsychologin mit Master-Abschluss nur noch 90 Prozent arbeitet, ist sie mit sich im Reinen. Bald wird die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) auf 80 Prozent hinuntergehen.

«Der zusätzliche freie Tag gibt mir Energie. Ich geniesse das Mehr an Freizeit.» Alvarado engagiert sich im Job – aber sie will sich nicht komplett dafür aufgeben. Der Rhythmus an der FHNW ist genau ihr Ding: Spätestens um 9 Uhr trifft sie an der Schule ein. Es folgen Besprechungen, Research – dann Kaffeepause, später Lunch und wieder Projektarbeit. Um halb sechs ist in der Regel Schluss. Logo, es dürfe auch mal 20 Uhr werden, betont sie.

Angst vor Stress

Auch Marko Bublic (30), Informatikstudent aus Bern, arbeitet Teilzeit. Aktuell wegen des Studiums, aber auch nach seinem Abschluss denkt er nicht daran, auf 100 Prozent zu schalten: «Nur so kann ich meine DJ-Tätigkeit, meine diversen Ausflüge und meine persönlichen IT-Projekte unter einen Hut bringen», sagt er. Beide sind sich einig: «Wir Schweizerinnen und Schweizer können es uns leisten, weniger zu arbeiten», so Alvarado.

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Die junge Wissenschaftlerin und der angehende IT-Spezialist stehen für eine neue Generation von Arbeitnehmern, die nicht mehr bereit ist, dem Job alles unterzuordnen. Sie stellen eigene Bedürfnisse nach Zufriedenheit und Wohlbefinden über reines Karrierestreben. Die sogenannten Millennials oder Angehörigen der Generation Y, geboren zwischen 1984 und 1996, werden in gut zehn Jahren rund 75 Prozent der Arbeitskräfte weltweit ausmachen.

Diverse Charakteristika sind allgemeingültig für Vertreter dieser Generation, die digital und wohlbehütet auf­gewachsen ist. Eine neue Studie zeigt jedoch: Die Schweizerinnen und Schweizer führen die Liste der Selbstoptimierer an. Universum, eine auf Employer Branding spezialisierte Organisation, die jedes Jahr die beliebtesten Arbeitgeber bei Studierenden weltweit ermittelt, befragte in Kooperation mit der Elite-Business-School Insead über 16 000 Millennials in 43 Ländern zu deren Vorstellungen einer idealen Karriere.

Das Resultat: Die Schweizer Studienabgänger fürchten sich mehr als die übrigen Nationen vor zu viel Stress am Arbeitsplatz. 27 Prozent der Schweizer nannten dies als Antwort auf die Frage nach den grössten Ängsten für ihr künftiges Berufsleben. Bei den Befragten der anderen Länder setzten hier nur 19 Prozent ein Kreuz ein. 87 Prozent der jungen Helvetier würden zudem einen Job mit guter Work-Life-Balance einer Arbeit mit hohem Gehalt vorziehen. Auch hier lag die Zustimmung der Ausländer niedriger.

Top-Thema Selbstverwirklichung

«Die Schweizer können es sich leisten, über einen gesunden Mix zwischen Privat- und Berufsleben zu reflektieren», sagt Jonna Sjövall, Vice President EMEA-Märkte bei Universum. Die Ergebnisse schienen einen Zusammenhang zu haben mit dem privilegierten Umfeld, in welchem sich die Jungen in der Schweiz bewegten, meint sie.

So sieht es auch Charles Donkor. «Die Schweizer haben die oberste Stufe in der Maslowschen Bedürfnispyramide erreicht», sagt der Berater und Partner im Bereich Human Capital beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC). Im Klartext: Selbstverwirklichung steht an erster Stelle. Bei PwC Schweiz arbeiten über 60 Nationen. Sehr viele junge Schweizer wollen bei Anstellungsgesprächen wissen, wie es die Firma mit Teilzeitarbeit hält – aber nicht, weil sie Kinder haben. Auslanderfahrung zu sammeln, ist in einem global tätigen Konzern wie PwC integraler Bestandteil einer Karriere.

Aber auch hier zeigen sich die Schweizer Aspiranten wählerisch. «Während sich die Mitbewerber aus anderen Ländern auch 200 Kilometer aus­serhalb von Mumbai niederlassen, um sich zu beweisen, wollen die Schweizer in der Regel schnurstracks an beliebte Orte wie New York oder Hongkong», erzählt Donkor.

Nesthocker

Wohlstandsinsel Schweiz: Der Cocktail an Zutaten für ein erfülltes Arbeitsleben könnte nicht genussvoller sein. Die Arbeitslosigkeit: mit 3,4 Prozent beneidenswert tief. Die Lebensqualität: so hoch wie kaum in einem anderen Land. Gleich drei Städte – Zürich, Genf und Bern – schafften es in einem entsprechenden Vergleich von Mercer unter die Top 15 der besten Destinationen. Das Schweizer Renten- und Gesundheitssystem: komfortabel. In den letzten zehn Jahren hat sich noch ein neuer Pluspunkt dazugesellt: Junge Grosskonzerne wie Google, Groupon oder eBay haben wichtige Standorte in der Schweiz aufgebaut und unserem Land noch mehr kosmopolitische Strahlkraft und Arbeitsplätze im vierstelligen Bereich verliehen.

«Wir haben hier in der Schweiz eine extrem hohe Internationalität im Vergleich zu anderen Ländern – diese hohe Attraktivität und die Möglichkeiten hier können die Mobilität aber auch hindern», sagt Martin Pfändler, Senior Partner bei der auf Talentmanagement spezialisierten HKP Group in Zürich. Seine Firma macht regelmässig Vergütungsvergleiche auf verschiedensten Stufen. Und auch hier schwingt die Schweiz im internationalen Vergleich ganz obenaus. Schweizer CEOs gehören zu den bestbezahlten der Welt; aber auch auf mittlerer Managementstufe sind Schweizer Firmen in der Spitzengruppe.

Die tollsten Unternehmen vor der Haustür, die Saläre so hoch wie nirgendwo sonst: Klar, dass da der Anreiz sinkt, im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln und sich unter härteren Rahmenbedingungen durchzusetzen. Auch beim international tätigen Executive-Search-Riesen Korn Ferry beobachtet man mit Sorge, dass jüngere Schweizerinnen und Schweizer immer weniger für Aufenthalte in anderen Ländern zu motivieren sind. «Schweizer Kandidaten sind bei Ausland-Assignments sehr rasch sehr anspruchsvoll», beobachtet Bernard Zen-Ruffinen. Der Walliser muss es wissen. Der Headhunter bei Korn Ferry besetzt täglich Topjobs mit cleveren Köpfen aus aller Welt und fürchtet: Die Schweizer drohen in diesem globalen Wettbewerb um die besten Talente unter die Räder zu kommen.

Vormarsch der Ausländer

Die Wahl des neuen CS-Chefs Tidjane Thiam steht symbolisch für den neuen Arbeitsmarkt: Der Topmanager hat das Parade-CV eines ­polyglotten Wirtschaftsmannes. Der Franzose mit Doppelbürgerschaft, aus der Elfenbeinküste stammend, hat Ausbildungen an Prestige-Instituten wie Ecole Polytechnique in Paris und Insead genossen. Die beruflichen Stationen reichten von McKinsey bis zum britischen Versicherungsgiganten Prudential. Zwar sind internationale Ernennungen auf CEO-Stufe längst zur Normalität geworden. Dennoch haben sich nach Thiams Wahl viele hinter vorgehaltener Hand gefragt, ob es keine Schweizer mehr gebe, die das nötige Rüstzeug für den CS-Chefposten mitbringen. «Wir laufen zumindest Gefahr, künftig nicht mehr genügend ‹eigene› Thiams in der Pipeline zu haben», glaubt PwC-Partner Charles Donkor.

64 Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder der SMI-Konzerne haben heute bereits einen ausländischen Pass. Das war nicht immer so. «Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, als Führungspositionen mit Schweizern besetzt waren», erinnert sich Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Der Nachwuchs sieht sich nun mit einem ganz anderen Umfeld konfrontiert: «In der Schweiz hat man unterschätzt, was es auslöst, wenn die Wirtschaft durch den offenen Arbeitsmarkt so leicht Mitarbeiter aus der ganzen Welt rekrutieren kann.»

Dass die Schweizer Gefahr laufen, überholt zu werden, zeigt sich auch in den jüngsten Zahlen des Schillingreports, der sich jährlich mit dem Frauenanteil in den Führungsetagen befasst. Das Resultat: 2014 hatte die Mehrheit der neuen weiblichen Geschäftsleitungsmitglieder in den Schweizer Unternehmen einen ausländischen Pass.

Verwunderung über die Sattheit

Junge ambitionierte Europäer, die sich im Markt Schweiz niederlassen, wundern sich über die Sattheit der einheimischen Kollegen. «Für mich war die oftmals anzutreffende Selbstzufriedenheit, insbesondere der jüngeren Generation, eine Überraschung. Ich hätte gedacht, dass der Wohlstand und die Werte, die die Schweiz gross gemacht haben, aktiver beschützt und gestärkt werden», sagt Lucia Waldner. Die 33-jährige Slowakin lebt und arbeitet seit fünf Jahren in der Schweiz und will hier die Karriereleiter erklimmen. Nach Ausbildungen an der London School of Economics und der Oxford University machte die smarte Politologin Zwischenstation in Brüssel, um dann bei der Credit Suisse anzuheuern.

Inzwischen ist sie im Team von CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner angesiedelt, zeichnet dort im Rang eines Director für Internationale Projekte und Innovation verantwortlich. Waldners Herkunft prägt bis heute ihren Mindset: «Ich wurde daheim zu Zielstrebigkeit und Bescheidenheit erzogen. Es wäre toll, wenn meine Arbeit Frauen in der Schweiz dazu inspirieren würde, sich in ihrer Karriere mehr zu trauen», so die ambitionierte Berufsfrau. Dafür sei sie bereit, einiges zu investieren.

Benjamin Opel, deutscher Strategieberater bei einer grossen Consultingfirma, hat aktuell auch keine austarierte Work-Life-Balance. Genötigt, so viel zu arbeiten, werde er aber nicht: «Ich bin jetzt 26 Jahre alt und im Moment ungebunden – wenn sich mein privates Umfeld irgendwann ändert, werde ich mein Arbeits­pensum sicher herunterschrauben.» Aber zunächst gilt: Vollgas.

Gedämpfter Ehrgeiz

Anders Corina Hofer: «Einen Job, in dem ich immer Überstunden mache, kann ich mir aktuell nicht vorstellen», sagt die 23-jährige Berufseinsteigerin, die derzeit ihren Bachelor in Business Communication absolviert und im Sommer 2015 abschlies­sen wird. Klar wolle sie gut verdienen, aber nicht um jeden Preis die Karriereleiter hochsteigen. «Schliesslich hat meine ­Gesundheit oberste Priorität.» Auch die Universum/Insead-Umfrage zeigt: Eine Führungsposition zu erreichen, ist bei den Schweizern bloss eine interessante Option, aber kein Ziel auf Biegen und Brechen. Auf die entsprechende Frage antworteten 41 Prozent der Ausländer, dies sei ihnen «sehr wichtig», während es bei den Schweizern nur 22 Prozent waren.

Komfortzone Schweiz – die Ergebnisse des «European Working Conditions Survey» von Eurofound, einer Agentur der EU-Kommission, sprechen für sich. Die Schweiz hat über das Wirtschafts-Staats­sekretariat Seco mit eigenen Erhebungen teilgenommen. Demnach verfügen Schweizer im Vergleich mit den EU-27-Staaten über einen hohen Spielraum punkto Arbeitszeiten, können eigenständiger arbeiten und werden deutlich mehr in wichtige Entscheide einbezogen. Und schliesslich ist der Anteil derer, die vom Arbeitgeber eine Weiterbildung bezahlt bekommen, viel höher als im EU-Raum.

Trotzdem sagten in der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2010 85 Prozent der Schweizer, es werde ein belastend hohes Arbeitstempo verlangt, 80 Prozent klagten über Termindruck – so viele wie in keinem anderen Land; der EU-Durchschnitt liegt hier jeweils bei 60 Prozent. Auch Drohungen durch Vorgesetzte oder Mobbing fühlen sich Schweizer häufiger ausgesetzt. Das heisst: Schweizer leiden gefühlt mehr unter dem Druck der Arbeitswelt als alle anderen Europäer – man könnte wohl auch sagen, sie sind am wehleidigsten. Oder, positiv formuliert: Sie machen im Job für ihr Gehalt am wenigsten persönliche Abstriche.

Provokation für die Älteren

Das Maximum für sich persönlich herausholen, Spass haben und sich verwirklichen, nicht mehr alles dem Beruf opfern: Diese Haltung, welche die Millennials im Arbeitsplatz einbringen, bringt auch einen Generationenkonflikt zum Vorschein. «Diese jungen Menschen sind für Personalleiter oder Headhunter, die noch in der klassischen Karrieristen-Laufbahn denken, natürlich eine ungeheure Provokation», sagt Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich.

Wobei er betont: «Der Wertewandel weg von einer traditionellen Lebensführung, als man wie selbstverständlich dem Vater im Beruf nachfolgte, hin zu Selbstentfaltungswerten betrifft die gesamte Gesellschaft» – die jungen Menschen lebten ihn einfach sichtbarer aus. Übrigens auch die angeblich so bienenfleissigen Asiaten, die zum Studieren hierherkommen: Eine so hochwertige Ausbildung in der Schweiz war früher für sie unerreichbar. Auch sie profitieren also von der neuen Multi-Options-Gesellschaft, die Chancen bringt, aber auch Unsicherheiten.

Dass die Schweizer sich am intensivsten vom Karrieremachen abwenden, erklärt Wehner so: Sie haben hier einfach noch ein paar Optionen mehr als andere. Denn hier seien Wohlstand, demokratische Mitbestimmung und Sicherheit in einem Höchstmass vorhanden. Das klassische Erwachsenwerden – sich entscheiden und auf Optionen verzichten – kann man in der Schweiz länger hinauszögern.

Verweichlichter Nachwuchs?

Moderne Firmen reagieren bereits auf die neuen Bedürfnisse. «Die Arbeitswelt beginnt, die stärkere Lustbetonung der jüngeren Trendsetter produktiv aufzunehmen, ihren Wunsch nach mehr Freiheit profitabel umzusetzen. Das Paradebeispiel ist Google», analysiert Franz Schultheis, Professor für Soziologie an der HSG. Er forscht intensiv über die Soziologie der Arbeitswelt.

Tatsächlich kommt den Jungen zupass, dass der Kampf um Talente wegen des demografischen Wandels intensiver wird und die Unternehmen sich auf die Bedürfnisse der Jungen vermehrt einstellen müssen und werden. Doch gerade Vertreter älterer Generationen, die auch härtere Zeiten in der Wirtschaft erlebt haben, fragen sich, ob der Wunschzettel des Nachwuchses nicht etwas überborde, ob die Jungen noch fit genug seien für einen Kampf um Jobs, die nicht mehr nach Nationalitäten verteilt werden. «Wir haben in unserer Dreiländerstudie festgestellt, dass sich ältere Chefärzte durchaus über 100-Stunden-Wochen definieren – und nicht nachvollziehen können, dass die jüngeren viel stärker die Work-Life-Balance betonen. Da fällt schon auch einmal die Einschätzung, die Jüngeren seien verweichlicht», so Franz Schultheis.

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Sich kompetitiv durchsetzen

Verweichlichter Nachwuchs? In den Grosskonzernen hält man sich mit solchen Urteilen – wenig überraschend – zurück. Wer bei Consultingfirmen wie McKinsey oder Bain anfragt, erhält keine Aussagen dazu. Auch bei den SMI-Konzernen wird Kritik lediglich hinter vorgehaltener Hand geäussert. Bestätigt wird dort die mangelnde Lust der Schweizer, sich ins Ausland versetzen zu lassen.

Für PwC-Mann Charles Donkor ist indes klar: «Den Schweizern geht zunehmend die Fähigkeit ab, sich kompetitiv durchzusetzen.» Die Unternehmen müssten diese Fähigkeit wieder vermehrt fördern. «Es empfiehlt sich, Schweizer möglichst rasch und öfter in internationale Projektteams zu setzen, wo sie auf andere Nationen treffen und merken, was abgeht», so Donkor. Und auch HKP-Mann Pfändler fordert: «Die Schweiz wird nicht ewig so privilegiert sein, und wir müssen unsere Standortvorteile erhalten.»

Tatsächlich wächst in Übersee Jungtalent nach, das den Schweizern fachlich in nichts mehr nachsteht. «Die Qualität der Universitäten in China oder auch in Lateinamerika hat sich enorm verbessert in den letzten Jahren. Diese Studenten sind hungrig und wollen etwas erreichen», sagt Jonna Sjövall von Universum. Die Schweizer müssten sich also vielleicht wieder einmal etwas auf Diät setzen.