Lange hatten die grossen Anbieter im Elektronikmarkt auf physische Verkaufsstellen gesetzt. Jetzt können sie sich dem Trend nicht mehr länger verschliessen: Media Markt testet seit kurzem eine eigene Online-Verkaufsplattform in Österreich und Holland. «Wann der Rollout auch in anderen Ländern wie der Schweiz kommt, ist aber noch nicht klar», sagt Manuela Tröndle, Sprecherin von Media Saturn, zu dem auch Media Markt gehört.

Auch die Migros-Tochter M-Electronics «arbeitet an diesem Thema», wie Migros-Mediensprecherin Monika Weibel bestätigt. «Einen Zeithorizont können wir aber nicht nennen.» M-Electronics gehört mit einem Umsatz von 616 Mio Fr. (2009) zu den Grossen im Markt der Heimelektronik.

Laut GfK Switzerland werden in der Schweiz rund 5 Mrd Fr. für elektronische Helferlein ausgegeben. Dabei setzte Media Markt in seinen Läden letztes Jahr 998,7 Mio Fr. um und ist beim Verkaufsstellen-Umsatz Marktführer. Werden auch die Verkäufe in Internet-Shops und die Dienstleistungsumsätze mitgerechnet, ist die Coop-Tochter Interdiscount mit 1,1 Mrd Fr. Marktführerin.

Der Online-Handel mit Heimelektronik-Produkten ist in den letzten drei Jahren stark gewachsen. Der Anteil am Heimelektronikmarkt hat sich von 8,1 auf 15,3% knapp verdoppelt (siehe Grafik). Bereits wird rund ein Viertel der Office Equipments wie etwa Laptops oder Netbooks in Online-Shops gekauft. Im Fotobereich habe vor allem Zubehör wie Blitze für Online-Wachstum gesorgt, erklärt Thomas Hochreutener vom Marktforschungsinstitut GfK Switzerland.

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«Der stationäre Handel spürt die Konkurrenz aus dem Internet - Preistransparenz, Produktevergleich und Bewertungen im Internet werden diesen Trend auch 2010 stützen und die stationären Händler nötigen, den Online-Handel ebenfalls in Betracht zu ziehen», meint Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels.

Online-Pioniere in Gegenrichtung

Während es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis stationäre Händler online gehen, verfolgen Online- Händler den umgekehrten Weg. 2001 gründeten drei junge «Web Shop Boys» die Start-up-Firma Digitec und mischten den Elektronikmarkt mit einer konsequenten Online-Strategie auf. Gekauft werden konnten die Digitec-Produkte ausschliesslich über das Internet. Erst 2007 wurde der erste Laden eröffnet. Mittlerweile führt Digitec fünf Filialen, in Dietikon, Kriens, Winterthur, Wohlen AG und in Zürich. Ein oder zwei weitere Outlets sollen noch dieses Jahr eröffnet werden. Mit den Verkaufsstellen kamen die Digitec-Pioniere dem Bedürfnis ihrer Kunden nach, die Ware nicht nur sofort abzuholen, sondern vor dem Kauf auch noch in die Hand nehmen zu können. «Unser Ziel ist es, in den wichtigsten Ballungszentren der Schweiz eine physische Verkaufsstelle zu besitzen, also in allen grossen Städten», erklärt Martin Walthert, Marketingleiter und Mitglied der Geschäftsleitung von Digitec.

Umsatzzahlen will das Unternehmen aus Konkurrenzgründen nicht bekannt geben. «Wir wurden unterschätzt. Das hat uns geholfen», meint Marketingleiter Martin Walthert. Digitec ist heute einer der grössten Online-Anbieter von IT-, Unterhaltungselektronik- und Telekommunikationsprodukten in der Schweiz und beschäftigt 190 Mitarbeitende.

Zu den führenden Schweizer Online-Shops in der Heimelektronikbranche gehören neben Digitec auch Brack, Hawk, Steg sowie die beiden Coop-Töchter Microspot und Netto 24. Noch immer gibt sich die Branche sehr verschwiegen, eine Rangliste konnte bisher nicht erstellt werden.

Bei Digitec bestellen die Kunden mehrheitlich online, wollen aber das Gerät oft sofort selber abholen. Die Kunden können aber auch erst in den zu Showrooms gestalteten Warteräumen bestellen und kaufen. So verschmelzen die Verkaufskanäle immer mehr. Dieser Trend zur Angleichung der Verkaufskanäle schreitet voran. Davon ist Patrick Kessler, Präsident des Verbands des schweizerischen Versandhandels, überzeugt.

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Preiszerfall dank Marktübersicht

Der Einstieg über das Online-Geschäft war für Digitec viel günstiger, als es ein Start mit Verkaufskanälen gewesen wäre. «Marktbarrieren mit hohen Fixkosten für Läden konnten wir so umgehen», sagt Digitec-Marke-tingleiter Walthert.

Auch das Sortiment will Digitec ausbauen und künftig auch elektrische Haushaltsgeräte online anbieten. «Allerdings wollen wir dies unter einem anderen Namen machen, um die Marke Digitec nicht mit dem Verkauf von Staubsaugern oder Rasierapparaten zu verwässern», erklärt Walthert. Vor kurzem wurde die Bestellplattform Gerda Home, welche die Digitec-Gründer ins Leben gerufen haben, in Galaxus umgetauft. «Die Umsetzung zum kundenfreundlichen Online-Shop mit konkreter Sortimentsauswahl erfolgt noch in diesem Jahr», sagt Digitec-Sprecherin Nicoletta Studer.

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Der Preiskampf im Bereich Multimedia wird immer härter. Auch wegen der ständig wachsenden Markttransparenz. Dank speziellen Suchmaschinen wie «Preisvergleich» und anderen Searchtools verschafft sich der Konsument mit wenigen Mausklicks eine Rundumsicht über das Marktgeschehen. In der Folge prägt Preiszerfall die gesamte Branche.

«Immer mehr kleine Online-Shops-Anbieter drängen in den Markt», sagt Digitec-Marketingleiter Martin Walthert. Er ist überzeugt, dass Digitec mit der Kombination von Laden und Online-Shop gut gerüstet ist für die Zukunft. Traditionelle Grossfirmen im Heimelektronikmarkt werden den jungen Pionieren wohl einmal mehr folgen müssen.