Für das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» ist klar: «Senioren stürmen Facebook.» Als Basis für die Schlagzeile dient eine neue Studie des Beratungsunternehmens iStrategyLabs, das mit Messungen Anfang 2010, 2011 und eben 2014 feststellte: In den USA verlassen Teenager das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg, dafür boomt die Nutzung in der Alterklasse der über 55-Jährigen.

«Wie man weiss, ist Facebook total uncool – und kein einziger Teenager auf der Welt nutzt es noch», frotzelt Philipp Roth auf dem inoffiziellen deutschen Facebook-Blog «Allfacebook.de». «Manchmal kratzt man sich schon etwas am Kopf.» Roth kritisiert die Messmethode: iStrategyLabs stützt sich bei den Erhebungen auf das Facebook-Anzeigentool, was für eine grobe Tendenz genüge – die Zahlen als Studie zu deklarieren, findet Roth «schon etwas schwieriger».

Überkompensation durch höhere Alterskategorien

Die US-Daten sehen auf den ersten Blick dramatisch aus: So sei die Zahl der 13- bis 17-Jährigen in den vergangenen drei Jahren um über 25 Prozent gesunken. Bei den 18- bis 24-Jährigen verlor Facebook weitere 7,5 Prozent Nutzer. Deutlich überkompensiert werde dies durch die höheren Alterskategorien: Knapp 33 Prozent plus bei den 25- bis 34-Jährigen, über 41 Prozent bei den 35- bis 54-Jährigen – und gar 80 Prozent in der Gruppe der über 55-Jährigen.  

Eine Vergleichsstatistik für Deutschland sieht laut Roth ganz anders aus: Auch dort verzeichneten die älteren Internet-Nutzer die Zuwachsraten, aber auch die 13- bis 17-Jährigen (44 Prozent) und 18- bis 24-Jährigen (68 Prozent) legten zwischen Januar 2011 und Januar 2014 deutlich zu. «Wir nutzen die Zahlen schon länger nicht mehr, weil sie einem anderen Zweck dienen», schreibt der Gründer von «Allfacebook.de». Unternehmen sollen damit das Verhalten von Zielgruppen grob abschätzen können.

Wachstumsende ja, Fahnenflucht nein

Roth geht mit der Medien-Berichterstattung hart ins Gericht: «Facebook totschreiben bringt einfach mehr Besucher.» Dass solche vermeintliche Studiendaten leichtfertig 1:1 auch auf andere Länder gemünzt werden, sei «schlichtweg falsch».

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Nun werden einige damit argumentieren, dass der US-Markt mögliche Trends vorwegnimmt. Aber auch für die Schweiz ist das Nachwuchsproblem von Facebook keineswegs so dramatisch, wie aktuelle von Bernetblog und Serranetga erhobenene Daten zeigen: Obwohl Autor Michael Walther seine statistische Auswertung mit der Feststellung kommentiert, dass das Ende des Wachstums bei den Altersgruppen unter 30 erreicht sei, sind die Zahlen im Detail alles andere als alarmierend.

Ein Jahresplus von acht Prozent

Das Minus von rund einem Drittel bei den unter 15-Jährigen relativiert sich mit Blick auf die absoluten Zahlen, die innert Jahresfrist von 78'000 auf 56'000 abgenommen haben – damit spielt diese Kategorie seit jeher mengenmässig die kleinste Rolle. Bereits bei den 15- bis 19-Jährigen fällt der Rückgang mit 2,5 Prozent durchaus moderat aus.

Alle anderen Alterskategorien können 2013 deutlich zulegen, was unter dem Strich 3,3 Millionen aktive Facebook-Nutzer in der Schweiz ergibt und laut Bernetblog und Serranetga einem Jahresplus von acht Prozent entspricht.