Wie teuer ist ein Kernkraftwerk?

Kurt Baumgartner: Heute gehen wir von einer Grössenordnung von 6 bis 8 Mrd Fr. aus, je nach Leistungsfähigkeit des Kraftwerks. Dieser Betrag umfasst die Gesamtinvestition, inklusive der Bauzeitkosten.

Kann das stimmen? In Finnland ist es beim Bau eines neuen KKW zu massiven Kostenüberschreitungen gekommen.

Baumgartner: In Finnland wird ein bestimmter Kraftwerktyp erstmals gebaut, also ein Prototyp. Das haben wir für uns immer ausgeschlossen. Gefragt sind für die Schweiz nicht Reaktoren, die es noch nicht gibt, sondern solche, die sich in der Praxis bereits bewährt haben. Unsere Schätzung geht deshalb vom Normalfall aus.

Aber eine Verzögerung ist schnell passiert.

Baumgartner: Ja. Gerade deswegen ist eine sehr gute Vorbereitung, Planung und Projektführung wesentlich.

Hat die Nuklearindustrie überhaupt genügend Ressourcen, um all die weltweit geplanten Kernkraftwerke zu bauen?

Baumgartner: Ich denke, die Industrie wird in der Lage sein, weltweit gleichzeitig mehrere Kernkraftwerke zu bauen - es entstehen ja nicht 20 zur genau gleichen Zeit. Die Industrie bereitet sich derzeit entsprechend vor. Ich sehe da keine massive Verteuerung.

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Woher stammt das Geld für ein KKW?

Baumgartner: In der Schweiz werden neue Kernkraftwerke als Partnerwerk gebaut werden. Das bedeutet, dass in erster Linie die grossen Stomversorger dabei sein werden, also Alpiq, Axpo und BKW. Möglich ist zudem, dass weitere Gesellschaften dazustossen. Finanziert wird das Werk dann mit Eigen- und Fremdkapital.

In welcher Aufteilung?

Baumgartner: Aus heutiger Sicht dürften die Partner etwa 40% des Aktienkapitals aus eigenen Mitteln aufbringen, 60% wird Fremdkapital sein.

Woher kommt das Fremdkapital?

Baumgartner: Diese Mittel werden in erster Linie vom Schweizer Kapitalmarkt kommen. Das ist die günstigste Quelle für uns.

Warum holen Sie sich nicht auch Geld aus den Euro-Märkten?

Baumgartner: Das ist grundsätzlich denkbar, wäre aber komplizierter und teurer.

Warum?

Baumgartner: Die Schweizer Stromversorger sind im Euro-Markt nicht etabliert. Heute hat kein Schweizer Stromversorger ein offizielles Rating, etwa von Standard & Poors oder von Moodys. Im Vergleich zum inländischen Markt erwarten wir deshalb im Euro-Markt höhere Risikoprämien.

Warum lassen Sie sich nicht ein Rating geben?

Baumgartner: Sag niemals nie. Aber der Rating-Prozess ist einerseits relativ kompliziert und aufwendig, anderseits ist es schwierig, verlässlich vorauszusehen, welches Rating wir erhalten würden. In der Schweiz werden wir von den anwesenden Geschäftsbanken beurteilt, welche uns und unseren Markt kennen und unsere Strategien einschätzen können. Die Beschränkung auf die Schweiz hat allerdings eine Konsequenz.

Welche?

Baumgartner: Der Schweizer Kapitalmarkt ist zwar recht liquide. Aber wir werden die zwei Kernkraftwerke kaum gleich- zeitig bauen können. Baukapazität und Finanzmarktkapazität sprechen für eine zeitliche Staffelung. Sonst müssen wir Spitzenkapazitäten aufbauen und auf den Euro-Markt ausweichen, und dann würde es teurer. Die Aufnahmefähigkeit des Schweizer Marktes setzt hier Grenzen.

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Wenn man die Werke staffeln muss: Wie lange dauert es, bis das zweite finanziert werden kann?

Baumgartner: Genau lässt sich das nicht sagen. Aber eine Staffelung von ein paar Jahren nach Beendigung des ersten Werkes ist durchaus realistisch.

Gehen wir einmal von einem Werk und einem Preis von 6 Mrd Fr. aus. Dann müssen Sie Fremdkapital in der Höhe von rund 3,5 Mrd Fr. finden. Ist das auf dem Schweizer Markt realistisch?

Baumgartner: Verteilt auf die Bauzeit wären das 700 bis 800 Mio Fr. pro Jahr. Diese Gelder können die grossen Stromversorger gemeinsam aufnehmen.

Von wem wollen Sie das Geld aufnehmen?

Baumgartner: Wir werden wie in der Vergangenheit alle Quellen und Kanäle nutzen - also Anleihen, Privatplatzierungen, Kredite sowie alle Banken, die in der Schweiz eine Platzierungsfähigkeit haben. Das sind die Grossbanken, die Kantonalbanken, einzelne Regionalbanken sowie ausländische Banken und Investoren, die in der Schweiz zinstragende Anlagen suchen.

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Hatten Sie mit den Banken schon Kontakt?

Baumgartner: Mit einzelnen. Natürlich haben wir noch keine offiziellen Zusagen. Aber es gibt Äusserungen und Einschätzungen der Banken, und die sind insgesamt positiv.

Ein einzelnes Kernkraftwerk lässt sich also problemlos finanzieren?

Baumgartner: Nein, auch das wird eine Herausforderung sein. Denn es muss eine ganze Reihe Voraussetzungen erfüllt sein, um zu Geld zu kommen.

Welche?

Baumgartner: Wir brauchen eine gründliche Vorbereitung und Planung des gesamten Projektes. Dann muss Rechtssicherheit herrschen. Das Bewilligungsverfahren muss so ausgestaltet sein, dass die Rechtssicherheit gegeben ist.

Fehlt denn heute die Rechtssicherheit?

Baumgartner: Wir haben heute in der Schweiz noch immer ein mehrteiliges Bewilligungsverfahren. Zuerst gibt es eine Rahmenbewilligung, dann eine Baubewilligung und schliesslich eine Betriebsbewilligung. Darum muss sichergestellt sein, dass nicht plötzlich mitten in der Bauphase wesentliche Auflagen geändert werden. Oder dass man kurz vor Fertigstellung die Betriebsbewilligung dann doch nicht erhält.

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Und wie wollen Sie das sicherstellen?

Baumgartner: Daran werden wir zusammen mit den Bewilligungsbehörden noch arbeiten müssen.

Welches sind weitere Voraussetzungen, damit die Strombranche ein solches Projekt überhaupt finanzieren kann?

Baumgartner: Wir müssen auf erprobte Technologien und erfahrene Auftragnehmer setzen, der Bauprozess muss professionell aufgegleist und durchgezogen werden. Zudem müssen die drei grossen Stromkonzerne finanziell stabil sein und im Rahmen von klaren Strukturen partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Braucht es für Atomstrom eine Preisgarantie des Staates, wie das eine Studie der Citibank nahelegt?

Baumgartner: Das ist in der Schweiz nicht machbar. Und unser Ziel ist es, das KKW ohne Staatsgarantie zu bauen.

Der Strompreis ist an den europäischen Märkten stark gefallen. Wird ein Kernkraftwerk je rentieren?

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Baumgartner: Relevant ist nicht der heutige Preis, sondern der Preis ab 2025 bis 2030, wenn das Werk in Betrieb kommt. Wir sind überzeugt, dass die Strompreise langfristig steigen werden, weil Brennstoffe teurer werden und die Stromnachfrage weiter zunimmt. Der Zubau von neuen Kraftwerken wird schwierig bleiben, was das Stromangebot verknappen wird. Allerdings ist selbstverständlich, dass das Kernkraftwerk nur gebaut wird, wenn es marktfähig sein wird.

Wie finanzieren Sie die Kosten für die Stilllegung eines neuen Kernkraftwerks und die Abfallentsorgung? Dieses Geld muss ja im Voraus einbezahlt werden.

Baumgartner: Wir haben heute sehr detaillierte und erprobte Kostenschätzungen der voraussichtlichen Stilllegungs- und Entsorgungskosten für ein Kernkraftwerk. Eine neue Anlage verändert das grundsätzliche Entsorgungskonzept nicht, sondern nur das zu entsorgende Volumen. Die Beiträge an die Stilllegungs- und Entsorgungskosten werden wie bei den bestehenden Werken über die Betriebszeit des neuen Kernkraftwerks geleistet.

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Welche Rendite erwarten Sie von einem Kernkraftwerk?

Baumgartner: Das lässt sich erst annähernd sagen. Wir gehen von Gesamtkapitalkosten von rund 6% aus, aufgeteilt in etwa 4 bis 5% für das Fremdkapital und 7 bis 9% für das Eigenkapital.

Finden Sie überhaupt jemanden, der das neue Kernkraftwerk versichert?

Baumgartner: Ja, denn heute haben wir ja auch keine grundsätzlichen Probleme, die bestehenden Werke zu versichern. Wenn ein neues KKW dazukommt, ändert das an der Haftung oder den Risiken nichts Wesentliches.

Wie wird die Versicherung funktionieren?

Baumgartner: Zuerst braucht es eine Bauversicherung für die Risiken der Bauphase. Ab Beginn des Betriebs muss eine Sachversicherung vorliegen, zum Beispiel gegen Vorfälle wie Maschinenbruch. Für die nukleare Haftpflicht werden wir auf die Produkte und Kapazitäten der globalen Versicherungsindustrie zurückgreifen. Die Kernenergiehaftpflicht ist in internationalen Abkommen geregelt. Und da muss auch der Bund als Standortstaat einen Teil der Deckung übernehmen, gegen Bezahlung von Prämien. Zudem übernehmen alle Vertragsstaaten des internationalen Abkommens nach einem festgelegten Schlüssel einen weiteren Teil der Deckung.

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Ihr Fazit: Lässt sich ein KKW in der Schweiz finanzieren?

Baumgartner: Ja, aber es wird alles andere als ein Sonntagsspaziergang werden. Wir müssen die Hausaufgaben lösen und die Risiken möglichst kleinhalten, wir müssen partnerschaftlich vorgehen und das Rating der Aktionäre muss stimmen. Wesentlich sind auch die politischen Rahmenbedingungen. Wie bereits gesagt, erwarten wir keine Staatsgarantien. Es braucht aber ein grundsätzliches Bekenntnis der Politik zur Kernenergie. Und es braucht gesetzliche Rahmenbedingungen, die dieses Bekenntnis unterstützen oder ihm zumindest nicht widersprechen.