Seit wenigen Wochen sind Sie VR-Präsident der Swiss Life: Was haben Sie sich ­vorgenommen?

Rolf Dörig: Ich möchte die Strategie von Swiss Life konsequent vorantreiben mit dem Ziel, das Unternehmen als einen der führenden Vorsorgespezialisten im europäischen Markt mit Kernmärkten Schweiz, Deutschland und Frankreich zu positionieren.

Mit der Übernahme des VR-Präsidiums haben Sie die operativen Funktionen abgegeben. Worauf sind Sie stolz und wo sind Sie unzufrieden?

Dörig: Ich übernahm Ende 2002 die Führung von Swiss Life in einer schwierigen Situation und wir schafften den Turnaround früher als erwartet ...

... doch jetzt, wo Sie die operative Führung abgegeben haben, befindet sich die Gesellschaft wieder in einer sehr schwierigen Lage.

Dörig: Heute geht es Swiss Life viel besser. Damals, vor sieben Jahren, stand das Unternehmen am Abgrund. Heute ist die Firma operativ gut aufgestellt und verfügt über eine solide Bilanz.

Wie solid ist die Swiss Life wirklich? Primär hat sie doch davon profitiert, dass wenig
liquide Wertschriften nicht mehr marktnah bewertet werden müssen.

Dörig: Nein. Wir sind gut kapitalisiert und haben unser Eigenkapital in einer schwierigen Zeit gut bewirtschaftet. Seit dem Höchststand im Jahr 2007 bis zum heutigen Tag hat sich unser Eigenkapital nur geringfügig reduziert. Als Firma mit langfristigen Verpflichtungen macht es keinen Sinn, täglich das eigene Vermögen zu bewerten.

Wie erklären Sie sich denn die regelmässigen Gerüchte, die Swiss Life sitze auf einem ganzen Berg von giftigen Wertpapieren?

Dörig: Das ist Unsinn. Wir haben all unsere Wertschriften, all unsere Obligationenportefeuilles transparent offengelegt. Wenn die Welt nicht kopfsteht, rechne ich auf unseren Anlagen nicht mehr mit grossen Ausfällen.

Gibt es bei Ihren Anlagen - auch bei den alternativen Anlagen wie Hedge-Fonds - einen Grund zur Besorgnis?


Dörig: Nein.

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Sorgen machen sich viele Investoren allerdings wegen der übernommenen AWD-Gruppe. Bisher ist AWD für die Swiss Life ein Bremsklotz. Es gibt Zweifel, dass die unterschiedlichen Kulturen der beiden Firmen zusammenpassen. War die Akquisition nicht doch ein Fehler?

Dörig: Die Akquisition war richtig und wichtig für die Zukunft der Gruppe. Ich sehe die strategische Ausrichtung als Verwaltungsratspräsident dieses Unternehmens langfris­tiger als manche Analysten. Kurzfristig bringt AWD noch nicht den Gewinn, den wir uns wünschen. Aber bis 2012 wird diese Akquisition allen Freude machen.

Aber Ihre Aktionäre irritiert, dass die Swiss Life wegen AWD Geld verliert. Rechnen Sie damit, dass AWD 2009 einen Gewinnbeitrag zum Gesamtkonzern leistet?


Dörig: Offensichtlich ist, dass sich das wirtschaftliche Umfeld für einen unabhängigen Finanzberater wie AWD noch nicht verbessert hat. Das Management nutzt jedoch die Zeit, um das Geschäft in Grossbritannien und Österreich zu restrukturieren. Ich bin zuversichtlich, dass AWD bald einen Gewinnbeitrag zum Gesamtkonzern leisten kann und wird.

AWD ist für Sie nicht nur operativ wichtig. AWD-Gründer Carsten Maschmeyer ist inzwischen auch Swiss-Life-Grossaktionär und sitzt in Ihrem Verwaltungsrat. Was ­erhoffen Sie sich von ihm?

Dörig: Es freut mich und meine Kollegen, dass sich Carsten Maschmeyer bei uns im Verwaltungsrat engagiert. Er hat eine über 30-jährige Erfahrung im Vertrieb und als erfolgreicher Unternehmer. Darüber hinaus verfügt er über ein grosses internationales Netzwerk.

Mit AWD haben Sie die Position im wichtigen Markt Deutschland verstärkt: Was wollen Sie für die Swiss Life in Deutschland erreichen?

Dörig: Es ist unser Ziel, in die Top Ten vorzustossen. Wir wollen unsere Position weiter ausbauen. Darum ist für uns AWD so wichtig. Ohne die Vertriebskraft von AWD wäre dies so nicht möglich.

In der Schweiz ist die Swiss Life im ­Lebengeschäft Marktleader: Was wollen
Sie hier noch erreichen?


Dörig: Die Schweiz ist nicht nur ein gesättigter Markt, sie verfügt auch über ein sehr schwieriges Marktumfeld, vor allem wegen der regulatorischen Rahmenbedingungen. Swiss Life wird ihre marktführende Position  weiter ausbauen. Und wir werden hierzulande Wachstumschancen nutzen. Dass das Referendum zum Umwandlungssatz ergriffen wurde, ist demokratisch absolut legitim, aber sachlich falsch.

Warum?


Dörig: Wenn wir die Umwandlungssätze auf einem unrealistisch hohen Niveau halten müssen, ist die langfristige Sicherheit des Schweizer Vorsorgesystems nicht mehr garantiert. Wer verlangt, dass die Umwandlungssätze nicht gesenkt werden, betreibt Rentenklau an den Jungen. Bereits 2017 hat es in der Schweiz mehr Menschen im gesetzlichen Rentenalter als Jugendliche bis 19 Jahre. Der erwerbstätige Bevölkerungsteil sinkt dramatisch und die Rentnergeneration nimmt enorm zu. Die EU spricht von einer demographischen Zeitbombe.

Was wären die Konsequenzen für die Swiss Life, wenn der Umwandlungssatz doch nicht gesenkt würde?


Dörig: Es würde das Geschäft der Versicherer schwieriger machen, weil sie zu hohe Renten ausbezahlen müssten und so die Rentensicherheit nicht mehr garantieren könnten

Wie sichern Sie sich ab?

Dörig: Alternative Modelle sind gefragt. Im Bereich der Einzelversicherungen verkaufen wir innovative, kapitalgeschützte Produkte. Dabei beteiligt sich der Versicherungsnehmer vermehrt an den Anlage­risiken. Im Bereich der 2. Säule haben wir Privatversicherer als wesentlicher Pfeiler des Vorsorgesystems hierzulande regulatorisch nicht die gleich langen Spiesse wie die unabhängigen Pensionskassen. Es ist uns nicht erlaubt, kurzfristig in eine ­Unter­deckung zu kommen wie die Pen­sions­kassen. Dadurch sind wir gezwungen, unser Kapital sehr konservativ anzulegen, und ­haben kaum eine Möglichkeit, anti­zyklisch zu handeln. Damit entgehen uns Chancen.

Was fordern Sie?

Dörig: Regulatorisch haben wir Handlungsbedarf. Als Erstes müssen wir das Referendum gegen die Senkung des Umwandlungssatzes bekämpfen. Dann sollte auch der Mindestzins entpolitisiert, an eine Formel gebunden oder, noch besser, ganz abgeschafft werden. Und man müsste den Versicherern erlauben, das Kapital flexibler zu investieren, um auch während des wirtschaftlichen Abschwungs Chancen wahrnehmen zu können.

Wo orten Sie diese?


Dörig: Einerseits beim Anlegen des Kapitals, andererseits beim Wachstum des Vorsorgemarkts. Gerade in Europa gibt es für Lebensversicherer enorme Wachstumschancen, weil die Versicherungsnehmer angesichts der hohen Staatsverschuldung und der zunehmenden Zweifel an der Sicherheit der staatlichen Vorsorge an einer privaten Vorsorge immer mehr interessiert sind.

Sie könnten ja auch Übernahmen tätigen: Da gibt es doch jetzt günstige Gelegenheiten?

Dörig: Unser Fokus ist klar: Wir bauen un­sere Marktposition in den Kernländern Schweiz, Frankreich und Deutschland aus.

Fassen Sie stattdessen weitere Verkäufe ins Auge?


Dörig: Nein, materielle Verkäufe stehen nicht zur Diskussion.

Heisst das, dass die Swiss Life bis auf ­Weiteres kein neues Kapital braucht?

Dörig: Ja, wir sind solide kapitalisiert.

Kann man daraus ableiten, dass Sie Ihre bisherige grosszügige Dividendenpolitik beibehalten werden?


Dörig: Ja, wir halten an unserer Dividendenpolitik fest und werden 40 bis 60% des Gewinns ausschütten.

Was müsste erfüllt sein, dass Sie Ihr Aktienrückkaufsprogramm wieder aufnehmen?

Dörig: Wir haben unsere Aktienrückkaufsprogramme gestoppt. Dabei wird es bis auf Weiteres bleiben.