Dass sich Energie zum frei wählbaren Konsumgut wandelt, ist noch gewöhnungsbedürftig. Kürzlich erhielten 10000 Ostschweizer Privatkunden die Gelegenheit, ihre Präferenzen für den Strombezug zu äussern. Nur 6% der angefragten Haushalte nahmen die Einladung an und teilten ihre Meinung den Forschern der Universität St.Gallen mit. Daran interessiert ist vor allem Rolf Wüstenhagen vom Institut für Wirtschaft und Ökologie, da er sich auf die Entscheidungskriterien von Stromkunden spezialisiert hat.

Stromkennzeichnung als Pflicht

Fakt ist: Die Energieversorgung ist im Wandel. Monopole brechen auf. Und der Strom hat das Zeug zum vielfältigen Produkt – von der Massenware bis zum hochwertigen Nischenprodukt. Undifferenziertem «Egalstrom» aus AKW und Pumpspeicherseen steht spezifisch ausgewiesener Strom ab Sonnendach oder Windturbine gegenüber. Die «Appellation controlée» ist seit vergangenem Jahr Pflicht. Die Stromkennzeichnung wird von den rund 900 lokalen und regionalen Versorgungswerken jedoch unterschiedlich wahrgenommen. Die Herkunft interessiert auf jeden Fall.

Gewerbe und Haushalt mutieren von Strombezügern zu Konsumenten und verlangen neben Transparenz auch eine hohe Qualität. Die St. Galler Studie zählt die Wünsche auf: Der mit Abstand am häufigsten vertriebene Durchschnittsmix aus 45% Atomstrom und 55% Wasserstrom gehört nicht dazu. Privathaushalte bevorzugen erneuerbaren Strom. Sonne, Wind und Biomasse sind die beliebtesten Energiequellen. Und der erneuerbare Strom soll zudem aus der Schweiz stammen.

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Ökoprodukte immer mehr gefragt

Die aktuellen Marktzahlen stimmen damit überein. Der Absatz von ökologischen und regionalen Stromprodukten hat sich in den letzten fünf Jahren um den Faktor 30 vervielfacht. Fast jedes zweite Versorgungsunternehmen – gross oder klein – verkauft inzwischen Strom unter einem Speziallabel. Die Zunahme ist weiterhin beträchtlich. Gemäss der Agentur für erneuerbare Energien und Energieeffizienz (AEE), die im Auftrag des Bundes eine Jahresstatistik führt, nahm der Verkauf im Vorjahr um über 50% zu. Auch die absoluten Zahlen dürfen sich sehen lassen: 17% aller Haushalte und Firmen in der Schweiz versorgen sich am Ökomarkt. Mengenmässig liegt der Marktanteil des erneuerbar deklarierten Stroms bereits bei 8%.

Diese Zahlen sagen aber nicht einmal die halbe Wahrheit: Gemäss AEE-Statistik liegt der effektive Anteil bei 27%. Wasserstrom wird meistens nicht speziell vermarktet, so auch nicht in der grössten Schweizer Stadt. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) liefert seiner Kundschaft – ungefragt – bis zu 65% erneuerbaren Strom ins Haus. Das wirkt sich auf deren Stromkosten jedoch wenig aus. Dagegen liegen die Anteile von Solar-, Wind- und Biomassestrom am Zürcher Gesamtabsatz unter 3%. Auch die Westschweizer Metropole Genf ist schweizweit als Pionierstadt bekannt. Vor sechs Jahren begann der Handel mit Ökostrom; knapp jeder zehnte Kunde kauft inzwischen sauberen Strom aus zumeist eigener Produktion. Der ist aber auch teurer.

Ob von der Solarbörse, aus einem regionalen Kleinwasserkraftwerk oder unabhängig geprüft: Für deklarierten Ökostrom werden bis zu zehnmal höhere Preise verlangt. Das bremst den Absatz: Naturmade-Strom, der vom Verein für umweltgerechte Elektrizität zertifiziert wird, bleibt ein Nischenprodukt. Die mit Aufpreis verkaufte Ökostrommenge lag 2007 bei 408 Gigawattstunden. Das hätte genügt, um den Gesamtbedarf der Agglomerationen Luzern, Winterthur oder St. Gallen abzudecken.

Die geringen Marktanteile könnten auch mit der trägen Kundschaft zu tun haben. Erhebungen aus Deutschland zeigen, dass drei Viertel der Bezüger ihrem Stromanbieter trotz Liberalisierung treu bleiben und keine neuen Produkte wählen. Ein Indiz für die allgemeine Unbeweglichkeit liefert auch die Schweiz: Hierzulande wird zwanzigmal mehr Ökostrom produziert und zertifiziert als tatsächlich abgesetzt. Die Ökostrombefragung in St. Gallen leistet hier einen ersten Erklärungsversuch: Die Mehrheit wünscht sich erneuerbaren Strom, aber nur zum möglichst tiefen Preis.

Nachholbedarf erkannt

Zwar gehört die Schweiz in Europa zu den Pionierländern, die bereits in den 1990er Jahren mit der Ökostromvermarktung begonnen haben. Seither haben Schweden und die Niederlande grosse Fortschritte gemacht. Der Anteil des grünen Stroms am Gesamtverbrauch hat in Skandinavien die 10-%-Marke überstiegen. Noch beeindruckender ist die Zahl der niederländischen Ökostromkunden: Über einen Viertel der Haushalte beziehen Wind-, Biomasse- oder Hydrostrom. Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen weiss, wieso: «Damit sich der Ökostrom vom Nischen- zum Massenprodukt entwickelt, braucht es das Zusammentreffen verschiedener Bedingungen: Einen freien Markt, marketingfreudige Ökostromanbieter, umweltbewusste Kunden, glaubwürdige Stromprodukte sowie politischen Support.» Die Niederländer profitierten beispielweise von der Steuerbefreiung für Ökostrom, mit der die Marktliberalisierung vor sechs Jahren lanciert worden ist.

Die Schweiz hat den Nachholbedarf erkannt. Seit diesem Jahr wird eine kostendeckende Einspeisevergütung in Aussicht gestellt. Angesichts der angemeldeten Projekte erhoffte sich das Bundesamt für Energie im Sommer einen «Investitionsboom für grünen Strom». Eingegangen sind 5000 Gesuche. Die zusätzlichen Sonnendächer, Wind- und Wasserturbinen sowie Biomasseanlagen könnten die bisherige Ökostromproduktion beinahe verdoppeln.

Doch nicht alle Projekte sind ausführungsreif oder können nun vergütet werden. Besonders bei den Photovoltaikanlagen fehlt das Geld, weshalb bis zum nächsten Jahr ein faktischer Baustopp eingetreten ist. Die Solarbranche hat bereits laut protestiert. Die Lieferanten bleiben dagegen zurückhaltend.

Eine Befragung der Consultingfirma Accenture bei 87 Schweizer Versorgungswerken hat gezeigt: Die grosse Mehrheit glaubt nicht an das Potenzial der erneuerbaren Energien. Der Kreis, der den «grünen Weg» bevorzugt, ist jedoch klein. Weniger als ein Drittel der Werke will den Absatz von Ökostrom weiter fördern.