In diesem Jahr feiert Sulzer das 175-jährige Bestehen. Was würden wohl die Gründerväter zu diesem Jubiläumsjahr sagen?

Ton Büchner: Wir haben auch im 1. Halbjahr 2009 finanzielle Resultate erzielt, die viel besser waren als in den vergangenen Jubiläumsjahren. Wir haben uns den schwierigen Marktbedingungen gut anpassen können und die ganze Situation rund um den Verwaltungsrat gut gemeistert. 2009 ist vielleicht kein perfektes Jahr für ein Jubiläum, aber sicher ein Jahr, in dem wir beweisen, warum es Sulzer seit 175 Jahren gibt.

In zwei Monaten ist das Jahr vorbei. Wie hat das 4. Quartal begonnen?

Büchner: Wir können noch nicht abschätzen, wie das 4. Quartal und 2010 sein werden. Auf jeden Fall gehen wir davon aus, dass 2010 relativ schwierig wird.

Gibt es Anzeichen für signifikante Veränderungen im 4. Quartal?

Büchner: Wir werden im Vergleich zur Vorjahresperiode auf jeden Fall einen geringeren Rückgang wegen des Basiseffekts sehen. Ob sich die Märkte weiter verbessern, können wir im Moment nicht sagen.

Niemand weiss, wann und wie stark der Aufschwung kommt. Wie beurteilen Sie die Situation?

Büchner: Wir sind ein spätzyklisches Unternehmen. Wenn Wirtschaftszweige wie Konsumgüter oder Immobilien den Aufschwung spüren, dauert es für Sulzer noch eine Weile, bis es auch bei uns aufwärtsgeht. 2010 wird kein Jahr der Erholung. Wir gehen davon aus, dass wir noch bis mindestens Anfang 2011 warten müssen.

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Im 3. Quartal 2009 hat sich der Abwärtstrend beim Auftragseingang nicht weiter beschleunigt. Wie ist das zu bewerten?

Büchner: Zunächst müssen Sie beachten, dass Sie unseren Bestellungseingang 2009 mit einem Rekordjahr 2008 vergleichen. Was uns in dieser Zeitspanne getroffen hat, ist die stark gesunkene Zahl Grossprojekte - zum Beispiel grosse Investitionen in Ölplattformen und in die Raffinerie- und Petrochemie. Das schlägt bei uns stark auf den Auftragseingang durch. Das Servicegeschäft dagegen läuft sehr gut, vermag den Rückgang bei den Grossprojekten aber nicht zu kompensieren.

Um den Abschwung zu bewältigen, haben Sie ein umfassendes Kostensenkungsprogramm lanciert. Reicht das?

Büchner: Ja, denn wir haben uns die Lage sehr genau angeschaut. Aber wenn sich die Märkte deutlich verschlechtern, müssen wir nochmals über die Bücher.

Sulzer war schon immer schlank aufgestellt. Befürchten Sie nicht, dass Sie mit noch weniger Personal den Aufschwung nicht bewältigen können?

Büchner: Wenn Sie unser Kostensenkungsprogramm mit anderen Schweizer Industriefirmen vergleichen, ist unseres tatsächlich vergleichsweise gering. Das zeigt, dass wir in den guten Jahren keine unnötigen Kapazitäten aufgebaut haben. Schon 2007 haben wir gesagt, dass die Boomphase nicht langfristig sein wird. Auf Basis dieser Annahme haben wir uns bereits auf einen Einbruch vorbereitet. Wir waren ziemlich sicher, dass der Abschwung schon früher eintreten würde - konnten dann aber letztes Jahr noch schöne Geschäfte abschliessen. 2009 hat dann die Krise auch uns erreicht.

Warum ist der Abschwung nicht früher gekommen?

Büchner: Es war sehr viel billige Liquidität im Markt. Die Kunden konnten Investitionsprojekte, auch sehr grosse, rechtfertigen, weil das Kapital zu äusserst günstigen Konditionen erhältlich war. Deshalb haben sie immer neue Aufträge bewilligt, die dann auch durchgezogen werden mussten. Ein Projekt zu stoppen kann teurer sein, als es fertigzustellen. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum es bei Sulzer wenig Auftragsstornierungen gibt.

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Wie entwickeln sich die Rohwarenpreise?

Büchner: Die Preise für Öl, Kupfer, Stahl oder Nickel steigen wieder spürbar an. Wir beobachten, dass die Preise für Rohmaterialien eine ähnliche Entwicklung wie die Aktienmärkte durchmachen. Ob wir das gesund finden oder nicht, ist irrelevant. Wir müssen damit umgehen. Wer oder was genau den Preis treibt, weiss ich nicht. Möglicherweise versuchen Marktteilnehmer, sich gegen die Dollarschwäche abzusichern. Eine Rolle spielen mag auch die Inflationsangst - häufig schützen sich Investoren vor der Geldentwertung, indem sie in Rohmaterialien investieren.

Wird Sulzer von höheren Rohmaterialpreisen belastet?

Büchner: Wir verhandeln mit unseren Lieferanten bereits in der Bestellphase für Neuanlagen über Rohmaterialpreise und legen diese bei Vertragsabschluss fest. Preisveränderungen versuchen wir an unsere Kunden weiterzugeben. Wir sind genauso betroffen wie die Mitbewerber.

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Sulzer erzielt mit den drei Geschäftsbereichen Öl und Gas, kohlewasserstoffverarbeitende Industrie und Energieerzeugung rund 60% des Umsatzes. 2008 war das Umfeld noch freundlich, 2009 brachen die Märkte weg. Wie wird 2010?

Büchner: Im Öl- und Gasgeschäft haben die grossen Fördergesellschaften nach wie vor genug Geld für Investitionen. Sie wissen bereits, wo und wofür sie ihre Mittel ausgeben wollen. Doch sie warten ab, weil sie sicher sind, dass sie die Projekte später billiger realisieren können. Die Frage für uns ist, wann die Firmen die Investitionen auslösen.

Wie sieht es bei der kohlewasserstoffverarbeitenden Industrie aus?

Büchner: Hier ist das Bild völlig anders. Die Gesellschaften haben in den vergangenen Jahren enorm viel investiert. Im Nahen Osten, in Indien und China wurden sehr viele Kapazitäten gebaut, die Neuanlagen nehmen in Kürze den Betrieb auf. Endkunden der Petrochemie sind im Prinzip wir Konsumenten - als Abnehmer von Treibstoffen, Plastik und so weiter. Die Nachfrage nach diesen Produkten ist rezessionsbedingt stark gesunken. Dieser Faktor sowie die zusätzlichen Kapazitäten setzen die Preise in der Petrochemie heftig unter Druck, drücken auf die Margen und führen dazu, dass die Industrie weitere Investitionsprojekte, im Gegensatz zur Situation in der Öl- und Gasförderung, gestrichen hat.

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Wie ist das Bild in der Energieerzeugung?

Büchner: Die Energieerzeugung wächst nach wie vor, aber auf Basis von Projekten, die bereits 2007 bewilligt worden sind. Weil der Abbau des Auftragseingangs so lange dauert, geht es Sulzer in diesem Bereich nach wie vor gut. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden allerdings kaum neue Projekte bewilligt. Für uns heisst das, dass die Flaute mit einer Verzögerung von 18 Monaten auf uns durchschlagen wird.

Wie ist nun das Gesamtbild für diese drei Bereiche?

Büchner: Durchzogen. Die Aktivitäten in der Öl- und Gasindustrie sowie in der Petrochemie sind schwach, aber aus unterschiedlichen Gründen. Das Energiegeschäft ist noch stark, wird aber abflauen. Die Frage ist nun, ob sich die beiden anderen Segmente erholen, wenn das Energiegeschäft abflacht. Normalerweise folgen die drei Bereiche unterschiedlichen Zyklen. Diesmal war es anders: 2008 hatten wir in allen Bereichen eine aussergewöhnlich hohe Nachfrage, im 4. Quartal kam dann der Einbruch. Deshalb müssen wir jetzt damit rechnen, dass 2010 alle drei Bereiche eher schwach sein werden. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir die Herausforderung bewältigen werden - die Situation ist nichts Neues für Sulzer.

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Sulzer legt seinen Fokus verstärkt auf die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China, kurz Bric genannt. Wie geht es den dortigen Volkswirtschaften?

Büchner: Sulzer ist glücklicherweise bereits seit vielen Jahren in diesen Ländern präsent. Brasilien beispielsweise ist bisher ohne grosse Effekte durch diese Krise gekommen, während China seine Aktivitäten etwas zurückgefahren hat.

Wie viel investieren Sie in die Bric- Staaten?

Büchner: Eine unserer grössten Investitionen tätigen wir in China - eine nagelneue Fabrik, welche die neusten Technologien von Sulzer herstellen wird. In Brasilien und Indien verfügen wir bereits über hochmoderne Produktionsstätten. Wir wollen überproportional in Schwellenländern investieren.

Nochmals: Wie viel investieren Sie?

Büchner: Wir investieren konzernweit rund 100 bis 115 Mio Fr. pro Jahr. Wir setzen das Geld sehr gezielt ein, somit ist das eher wenig für ein Unternehmen mit 3,5 Mrd Fr. Umsatz. Ein Grossteil davon sind Ersatzinvestitionen. Wenn es um Neuanlagen geht, fokussieren wir uns auf die neuen Märkte. Wir versuchen, unsere Neuinvestitionen je länger, je mehr den Umsatzverhältnissen anzugleichen - also je 30% in den Emerging Markets, Europa und Nordamerika.

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Wollen Sie in den Bric-Staaten zukaufen?

Büchner: Ja, wir analysieren mögliche Zielgesellschaften. Die meisten dieser Unternehmen sind klein bis mittelgross - wie bereits vergangene Zukäufe in Thailand, Indien und Australien.

Kommen auch grosse Zukäufe in Frage?

Büchner: Grosse Firmen, etwa aus dem Pumpen- oder dem Chemtech-Bereich, lassen sich in diesen Ländern nicht finden. Wir haben schon früh entschieden, dass wir aus eigener Kraft wachsen wollen. Zwar schauen wir kontinuierlich nach Übernahmekandidaten, aber die Zahl der attraktiven Firmen ist überschaubar.

Wann kaufen Sie das Beschichtungsgeschäft von OC Oerlikon?

Büchner: Dazu gibt es viele Spekulationen, die ich nicht kommentieren werde. Ich bleibe bei meinen früheren Aussagen, dass die beiden Portfolios von Sulzer und Oerlikon als Ganzes zusammen keinen Sinn machen, aber dass wir uns Oerlikons Oberflächentechnologie sicher anschauen würden. Unser Interesse ist noch immer vorhanden.

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