Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) macht Dampf: Er verlangt generelle Gehaltserhöhungen von 2 bis 3%, die Mindestlöhne sollen in jedem Fall um 150 Fr. angehoben werden. SGB-Präsident Paul Rechsteiner begründet die Forderungen mit der gestiegenen Produktivität und der verbesserten Gewinnsituation vieler Firmen.

Heisser Herbst

Ähnliche Forderungen wie der SGB stellt auch Travail.Suisse, die zweitgrösste gewerkschaftliche Dachorganisation. Sie will den vollen Teuerungsausgleich sowie eine Lohnerhöhung von 1 bis 2%. Das entspricht nominal einem Ansteigen der Löhne um ebenfalls 2 bis 3%. Susanne Blank, Leiterin Wirtschaftspolitik Travail.Suisse, streicht die wirtschaftliche Erholung heraus und folgert: «Es liegt lohnmässig wieder was drin.» Zudem bestehe immer noch ein grosser Nachholbedarf aus den Hochkonjunkturjahren. «Der Lohnherbst 2010 wird kein Spaziergang», meint sie.

Differenzierung in den Branchen

Während sich die Gewerkschaft Unia als grösstes SGB-Mitglied den Forderungen der Dachorganisation anschliesst, senden andere Mitglieder-Gewerkschaften von SGB und Travail.Suisse differenziertere, auf einzelne Branchen abgestimmte Signale aus. Bei Transfair etwa, dem Personalverband des Service Public, reicht die Bandbreite der Forderungen von 0,5% an die Adresse der SBB über 1,5% an Bund und Post bis zu 2% an die Swisscom. Hinzu kommen soll in allen Fällen der volle Teuerungsausgleich. Weiter sollen etwa die Post-Angestellten eine Gewinnausschüttung von 1500 Fr. erhalten. «Die Quartalszahlen von Post und Swisscom lassen auf ein gutes Jahresergebnis schliessen und die Arbeitnehmer haben für die von ihnen geleistete harte Arbeit Lohnerhöhungen verdient», begründet Transfair-Präsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi.

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Druck in Niedriglohnbranchen

Die Allbranchengewerkschaft Syna will bis zu 3% mehr Lohn in der Bau- und der Dienstleistungsbranche durchsetzen. Gemäss Vizepräsident Arno Kerst soll vor allem in Niedriglohnbranchen wie dem Reinigungswesen oder dem Coiffeurgewerbe Druck gemacht werden. In den Verhandlungen mit Unternehmen der Exportindustrie, die wegen des starken Frankens unter Druck stehen, will sich die Syna hingegen mässigen. Martin Fehle, Vizedirektor des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV), reagiert auf die Forderungen nach 3% mehr Lohn in seiner Branche gelassen. «Die bisherigen Äusserungen von gewerkschaftlicher Seite in der Öffentlichkeit gehören zum jährlichen Ritual», sagt er, «und die konkreten Abschlüsse weichen in der Regel deutlich von den ursprünglichen Vorstellungen ab.»

Keine Forderungen gibt es für 2011 in der Gastrobranche. Der von sechs Sozialpartnern getragene GAV sieht zwar Lohnerhöhungen vor, die aber mit Rücksicht auf die schwierige Situation erst 2012 in Kraft treten sollen.

2% mehr Reallohn fordert der Schweizerische Bankpersonalverband. Zentralsekretärin Denise Chervet spricht im Zusammenhang mit den angeblich traumhaften Salären in der Branche von einem Mythos, der hinterfragt werden müsse. «Die Jahreslöhne der unteren und mittleren Bankangestellten liegen lediglich zwischen 55 000 und 150 000 Fr.», gibt sie zu bedenken. Insgesamt profitierten die Angestellten der Branche in den letzten Jahren von starken Erhöhungen (siehe Grafik).

Wie Transfair und Syna will auch KV Schweiz bei den Lohnverhandlungen berücksichtigen, wie schnell sich die einzelnen Branchen von der schweren Krise erholt haben. Die höchsten Forderungen von bis zu 4% für die betriebswirtschaftlichen Büroangestellten stellt KV Schweiz bei Banken und Versicherungen sowie in der Pharma- und Chemiebranche. Bescheidenere 1 bis 2,5% sind es in der exportorientierten Industrie. «Lohnerhöhungen stützen die noch nicht ganz aus der Gefahrenzone herausgekommene Konsumnachfrage», argumentiert Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik bei KV Schweiz.

Arbeitgeber bleiben stumm

Wie weit die Forderungen Wunschdenken entsprechen, ist im Moment schwer abzuschätzen. Die Lohnverhandlungen beginnen erst im Laufe der nächsten Wochen und Monate. Im Vorfeld wollen sich weder Arbeitgeberorganisationen noch Firmen genauer äussern. «Es ist zu früh, um Fragen im Zusammenhang mit der Lohnrunde 2011 zu beantworten», erklärt etwa Swisscom-Sprecher Sepp Huber. Nicht anders tönt es bei der Post.

Auch die weiteren von der «Handelszeitung» angefragten Unternehmen - Coop, Migros, UBS, Credit Suisse, Julius Bär, Vontobel, Roche, Novartis, Implenia - halten sich bedeckt. «Künftige Lohnverhandlungen kommentieren wir nicht, wir werden aber über den Ausgang von Verhandlungen sobald als möglich orientieren», stellt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto klar.

Selbstverständlich soll die Taktik, mit der die Arbeitgeber in die Verhandlungen steigen, Geheimsache bleiben. Daran halten sich auch die Branchenverbände. «Wir geben unseren Mitglieder-Unternehmen keine Lohnempfehlungen ab», sagt Swissmen-Sprecher Ivo Zimmermann. Er betont aber: «Der Grundsatz ‹Arbeitsplatzsicherung vor Lohnerhöhung› sollte weiterhin beachtet werden, denn die Wirtschaft befindet sich erst am Beginn der Erholungsphase.»

Wird also der heisse Lohnherbst doch nur zum lauen Lüftchen werden? Barbara Gisi vom KV Schweiz will dieses Szenario nicht ganz ausschliessen und meint: «Wir rechnen eher mit einer durchzogenen Wetterlage, ganz dem Sommer 2010 entsprechend, und je nach Branche wird die Temperatur verschieden sein.» Kämpferischere Töne schlägt Unia-Sprecher Hans Hartmann an: «Leichte Lohnverhandlungen wird es nicht geben, denn die meisten Arbeitgeber versuchen - mit wechselnden Argumenten - die Löhne tief zu halten. Dieses Jahr allerdings gibt es keine guten Argumente gegen eine kräftige Lohnerhöhung.»