HUBLOT. Tönte dies nicht verwegen, damals, vor drei Jahren? «Mein Ziel ist es, den Jahresumsatz von 32 auf rund 80 Mio Fr. zu steigern. Um das zu erreichen, wollen wir rund 25000 Uhren mit einem Durchschnittspreis von 3000 Fr. verkaufen.» So und nicht anders lautete die Vision von Jean-Claude Biver im Spätherbst 2004. Damals erntete der frisch erkorene Hublot-CEO manch mitleidiges Schmunzeln. Andere sahen seine ambitionierte Mission zum Scheitern verurteilt. Man wusste zwar um die Vielseitigkeit des mittlerweile 58-jährigen Marketinggenies mit Vergangenheit in der Swatch-Gruppe (unter anderem bei Omega), aber nur wenige glaubten an einen kurzfristigen Turnaround bei der reichlich angestaubten und daher wirtschaftlich angeschlagenen Uhrenmarke im Mehrheitsbesitz des Italieners Carlo Crocco.

Grosszügiger Mehrheitsaktionär

Aber vor allem Crocco glaubte an und vertraute auf Biver. Deshalb liess ihn Crocco (61) in den letzten drei Jahren völlig frei nach eigenem Gusto schalten und walten. Immerhin hatte sich Biver trotz Krisenszenario mit etwa 20% an Croccos chronometrischem Lebenswerk beteiligt. Dieses Vertrauen machte sich bezahlt. 2007, drei Jahre später, sind selbst die hartnäckigsten Unkenrufe verstummt. Für 2007 rechnet Biver mit einem Umsatz von 150 Mio Fr. Verkaufte Hublot bis 2004 zu 96% Quarzuhren, so sind es aktuell nur noch 15%; 85% entfallen heute auf teure mechanische Uhren. Die Branche heute blickt respekt- und erwartungsvoll nach Nyon am Lac Léman, wo Hublot – noch, aber nicht mehr lange – in den unteren Etagen eines eher schmucklosen Hauses aus den 1970er Jahren domiziliert ist.

Biver wird sein eigener Hausherr

Was in zwölf Monaten Vergangenheit sein wird. «Im Dezember 2008 wollen wir unser neues Gebäude unmittelbar neben der Autobahn Genf–Lausanne beziehen. Dann werden jeden Tag zigtausende Automobilisten und Automobilistinnen im Vorbeifahren unseren Namenszug lesen.» Projektiert sind 3800 m2 Fläche auf insgesamt fünf Etagen, von denen Hublot 2900 m2 selber nutzen will. Der Rest steht Start-up-Unternehmen (auch solchen nicht aus der Uhrenbranche), der Praxisausbildung einer Hublot-eigenen Uhrmacherschule sowie einem Kindergarten für Mitarbeiter des Unternehmens und – möglicherweise – Nachbarn zur Verfügung.Für Hublot stellt das Immobilien-Investment keinen sonderlichen Kraftakt dar. Biver: «Wir finanzieren unser operatives Geschäft ohnehin komplett aus Eigenmitteln.» Anders der Neubau, hier dürften bei Gesamtkosten von 15 Mio Fr. vor allem die reinen Bauinvestitionen von 13 Mio Fr. fremdfinanziert werden. Biver: «Deshalb reissen sich die Banken um die Vergabe eines entsprechenden Kredits.»

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Gar nicht alles ausliefern

Die Banken vertrauen Hublot, die Unternehmenszahlen können sich nämlich sehen lassen. Sie übertreffen alle 2004 geäusserten Prognosen. Dank Big Bang und anderen Hublot-Innovationen klettert der diesjährige Umsatz auf 150 Mio Fr. Mit weiter steigender Tendenz, versteht sich. Der Durchschnittspreis hat die 5000-Fr.-Marke überschritten; die Stückzahlen bewegen sich jenseits von 23500, wobei zirka 10000 Exemplare der Classic-Linie zuzuordnen sind, der Rest hingegen Big Bang heisst. Gleichwohl zeigt sich die eine oder andere Sorgenfalte auf Bivers Stirn. «Ende September 2007 wiesen die Bücher einen Bestellungseingang von 31000 Uhren aus, davon 25000 Big Bang, was einem Auftragsbestand von 243 Mio Fr. entspricht.» Dies stellt – da einiges dieses Volumens auch unter Lieferrückständen läuft – den sehnsüchtig auf Ware wartenden Fachhandel nicht zufrieden. Anderseits gewinnen die 200-Mio-Fr.-Umsatzprognose und 28000 Uhren für 2008 dadurch ein hohes Mass an Glaubwürdigkeit. Biver wird kaum die gesamte Nachfrage befriedigen können. Also wird das Angebot verknappt. Zwei Drittel der Bestellungen glaubt Biver liefern zu können, für mehr reichen die Kapazitäten, auch nach dem ersten Ausbauschritt, kaum aus. Der Handel wird dies zu schlucken haben, auch die Redimensionierung der weltweiten Distribution. Statt heute 280 Retailer glaubt Biver, in Zukunft auf 150 bis 180 Händler setzen zu können.

Frauen und Pensionierte

Immerhin: «Der Neubau sowie zusätzliche Mitarbeiter werden nachhaltige Besserung bringen», verspricht Biver. «Wir beabsichtigen, unseren Personalbestand von derzeit rund 80 Leuten um etwa 50% anzuheben. Das Schöne daran: Suchen müssen wir kaum, denn täglich fragen qualifizierte Menschen wegen einer Beschäftigungsmöglichkeit nach.» Auch Pensionierte. Vor allem aber Frauen, für deren Berufseingliederung Biver ein besonderes Faible zeigt. 70% seiner Kaderpositionen belegen Frauen. Eines von Bivers neuen Gesichtern ist ein altbekanntes. Es gehört dem Ruheständler René Maillefer. Unter anderem hatte dieser 15 Jahre lang bei der Nouvelle Lémania gearbeitet und weitere 25 Jahre den Rohwerkehersteller Valjoux, die Mutter des legendären Chronographenkalibers 7750, geleitet. Weil der 66-Jährige nichts vom geruhsamen Rentnerdasein hält, kam ihm der Ruf zu Hublot gerade recht. «Hier kann ich mich ein weiteres Mal verwirklichen, denn es warten ausgesprochen reizvolle Aufgaben.» Neu im Stab sind auch Fausto Berezzi (46), welcher sich in den zurückliegenden zehn Jahren als Produktionschef der Ebauches-Schmiede Frédéric Piguet verdient gemacht hat, und der drei Jahre jüngere Cedric Grandperret, ein ausgewiesener Technologie-Spezialist. Nach Unterzeichnung des Vertrags mit Biver wird Letzterer seine eigene Firma Magma Concept SA nur noch an einem Tag pro Woche führen. Der Rest seiner Zeit gehört reizvollen Zukunftsprojekten im Hause Hublot.

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Das erste eigene Kaliber: HUB 44

Dem erfahrenen Trio steht jede Menge Arbeit bevor. Als Technik-Stab verantwortet es den Wandel der Hublot SA vom reinen Etablisseur zur Manufaktur. Der erste Schritt dahin ist getan. In angemieteten Räumlichkeiten nahe Nyon produzieren neueste Fertigungsautomaten Teile des ersten eigenständigen Kalibers mit Namen HUB 44. Wer sich auf dem Werkesektor auch nur rudimentär auskennt, vermag den Debütanten unverzüglich einzuordnen. Bezüglich seiner Geometrie und seines Aufbaus gleicht er dem Kaliber Valjoux 7750 wie ein Ei dem anderen. Vor juristischen Konsequenzen muss sich Hublot allerdings nicht fürchten, denn der rechtliche Schutz für den begehrten Bestseller ist seit drei Jahren ausgelaufen.

Ag5: Federleicht, aber sackstark

Gleichwohl sehen die Dinge bei Hublot signifikant anders aus. Material und Farbgebung der tragenden Teile unterscheiden sich mehr als deutlich vom Original. Cedric Grandperret hat Ag5 entdeckt, «einen Werkstoff, den auch Flugzeugbauer und Hersteller chirurgischer Instrumente erfolgreich verwenden». Die Legierung besteht aus Magnesium (5%), Mangan (2,3%) und überwiegend Aluminium. Der Effekt ist verblüffend, denn die komplexe Platine wiegt fast nichts. Nur 1,9 g bringt sie auf die Waage. Das gesamte Gestell des «7750 à la Hublot» ist sagenhafte 3,7 g leicht, trotzdem stabil.Achillesversen besitzt Ag5 freilich auch. Cedric Grandperret zeigt sie unumwunden auf: «Im Gegensatz zu herkömmlichem Messing ist das Material völlig unnachgiebig. Das müssen wir beim Anbringen der Bohrungen für die Lochsteine unbedingt beachten.» Mit anderen Worten: Präzision im Tausendstelmillimeter-Bereich ist unverzichtbar. Entweder der Stein passt in die Öffnung oder er tut es eben nicht. «Aber dieses Problem haben wir längst im Griff.» Und dann neigt Magnesium zur Korrosion. Dem begegnet Hublot durch Titanex. Dieses galvanische Verfahren steigert die Härte der Ag5-Oberfläche von 200 auf rund 500 Vickers. Ausserdem beschert es Uhrwerk und Gehäusekorpus die gleiche graue Farbe. Weil Hublot derzeit jeden Monat nur 20 bis 30 Exemplare des neuen Kalibers herstellen kann, wird die Lieferung der gesamten, auf 250 Jahre limitierten Erst-Edition ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen. Dann folgen gemäss Biver weitere 250 Exemplare mit aufwendiger Schaltradsteuerung, System Cedric Grandperret.

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Zulieferer für andere Marken

Biver legt zudem Wert auf die Feststellung, dass sich weitere Kaliber in der Pipeline befinden. «Zu diesem Zweck entwickeln wir zwei verschiedene Automatik-Plattformen, welche für verschiedene Zusatzfunktionen taugen.» Zum Planungsspektrum gehören Tourbillon, GMT-Indikation und Jahreskalender. «Aber solche Entwicklungen verlangen nach Zeit, wenn sie in der Serie problemlos funktionieren sollen.» Aber spätestens während der Basler Uhrenmesse 2009 möchte Hublot mit diesen Kreationen an die Öffentlichkeit treten. Und wenn alles wunschgemäss verläuft, sollen ab etwa 2011 auch andere Uhrenmarken in den Genuss dieser Rohwerke gelangen. Denn Biver will ab diesem Zeitpunkt gegen 10000 Werke jährlich bauen, 2012 sollen es gar 50000 bis 60000 sein. Auf Lieferungen seitens der Eta kann und will Jean-Claude Biver weiterhin nicht verzichten. «Wir beabsichtigen, nur die Spitze unserer Produkt-Pyramide selber zu fertigen. Daneben werden wir auch künftig bei der Eta einkaufen, denn Kaliber wie das Eta 2892 oder das 7750 bieten neben Zuverlässigkeit und Präzision ein ganz hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Bleibt gegenwärtig nur ein Wunsch: Biver hofft, dass er Hublot komplett von Carlo Crocco erwerben kann. Die nunmehr stattliche Kaufsumme hat er freilich selber zu verantworten. Das ist der Preis des Erfolgs.

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