Die griechischen Banken sind mit teils massiven Verlusten konfrontiert. Wie kritisch ist die Situation?

Vassilis Rapanos: Trotz der Krise ist bisher keine Bank in den Konkurs geraten. Das spricht für eine relativ gesunde Bilanzstruktur. Nur ein Kreditinstitut hat den EU-Stresstest nicht bestanden. Die National Bank of Greece hat bereits zu einem frühen Zeitpunkt eine Kapitalerhöhung durchgeführt, um die Eigenkapitalquote Tier 2 zu verbessern. Dabei gab es im Markt keine Schwierigkeiten, das nötige Kapital zu beschaffen. Gleichzeitig haben wir einen Teil unserer Beteiligung an der türkischen Finansbank verkauft, um mit diesem Geld die Kapitalbasis weiter zu stärken.

Wurde dies an den Finanzmärkten als positives Signal aufgenommen?

Rapanos: Ja, das hat die Sicherheit zurückgebracht. Unsere Kapitalquote ist nun derart hoch, dass sich das Risiko eines Kollapses drastisch vermindert hat. Ein Problem verbleibt allerdings: Nach der Bonitätszurückstufung der griechischen Staatsobligationen wurden auch die Banken-Ratings gesenkt. Das hat die Kreditaufnahme verteuert. Zudem haben sich die Depositenbestände vermindert. Viele Leute befürchten, in der aktuellen Krise ihre Spareinlagen zu verlieren. Sie ziehen das Geld ab und bewahren es unter ihrer Matratze auf. Für zahlreiche Banken hat dies zu erheblichen Liquiditätsengpässen geführt. Die NBG kann sich zur Liquiditätsabsicherung auf Interbankkredite abstützen.

Was erwarten Sie im laufenden Jahr?

Rapanos: Die Zahl der notleidenden Kredite hat zugenommen. Das deutet darauf hin, dass die Kreditbeanspruchung abnehmen wird. Nach unserer Einschätzung dürfte 2011 die Talsohle in der wirtschaftlichen Abwärtsentwicklung erreicht werden. Die NBG hat deshalb die Rückzahlung von fälligen Krediten durch Unternehmen und Privatpersonen zeitlich verschoben. Die Anpassung der Konditionen ist speziell für Arbeitnehmer wichtig, die nun mit um 10 bis 15 Prozent gekürzten Löhnen ihre Haushaltsausgaben bestreiten müssen.

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Welchen Einfluss hat dies auf das Ergebnis?

Rapanos: Die Erträge entwickeln sich im inländischen Geschäft rückläufig. Einzig die Auslandsaktivitäten, speziell diejenigen in der Türkei, sind profitabel.

Weshalb haben Sie die Beteiligung beim rentablen türkischen Tochterunternehmen Finansbank trotzdem reduziert?

Rapanos: Die frei werdenden Mittel haben nicht nur die Kapitalbasis der National Bank gestärkt, sondern auch der Free Float hat sich mit dieser Transaktion bei der börsenkotierten Finansbank erhöht. Das wirkt sich positiv auf die Liquiditätsbeschaffung aus.

Führt das straffere Kostenmanagement auch zu Entlassungen?

Rapanos: Bis jetzt haben wir keine Mitarbeiter entlassen. Die Gehälter wurden jedoch eingefroren. Unter Ausklammerung der Aufwendungen für das Personal haben wir im letzten Jahr die Kosten um 3 Prozent gesenkt. Ähnliche Sparanstrengungen werden auch 2011 verfolgt. Das soll aber nicht auf dem Buckel der Angestellten erfolgen. Bei Entlassungen geht wertvolles Know- how verloren, und dies wollen wir, wenn immer möglich, verhindern.

Die National Bank verfügt in Griechenland über 575 Filialen. Wird dieses dichte NBG-Netz ausgedünnt?

Rapanos: Im Vordergrund stehen vermehrte Rationalisierungen bei sämtlichen Niederlassungen. Der Abbau von Stützpunkten lässt sich in Griechenland mit seinen vielen kleinen Inseln nicht so einfach realisieren. In grösseren Agglomerationen wie Athenwird die Zusammenlegung von einzelnen Filialen geprüft.

Was passiert mit operativen Tätigkeiten, die Verluste verursachen?

Rapanos: Die Verluste betreffen vor allem das Handelsportfolio. Dort mussten wegen der Zurückstufung der griechischen Staatsanleihen erhebliche Abschreibungen vorgenommen werden.

Alle griechischen Banken sind in einer schwierigen Situation. Vom Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union sind 10 Milliarden Euro für einen Stabilitätsfonds vorgesehen, der für Geldinstitute in Nöten als Kapitalspritze dienen soll. Werden diese Mittel schon bald beansprucht?

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Rapanos: Die National Bank gehört seit dem teilweisen Verkauf ihrer Beteiligung an der Finansbank zu den am besten kapitalisierten Banken in Griechenland. Es ist deshalb für uns nicht nötig, auf den Stabilitätsfonds zurückzugreifen.

Und andere Banken?

Rapanos: Sie sind unserem Beispiel gefolgt und haben die Eigenmittel ebenfalls deutlich erhöht. Im laufenden Jahr wird es für die griechischen Banken erneut einen von der EU überwachten Stresstest geben.

Wie entwickeln sich die Länder, in denen die NBG mit Niederlassungen aktiv ist?

Rapanos: Der wirtschaftliche Aufschwung verzögert sich ganz allgemein. In einzelnen Balkanstaaten, wie etwa Serbien, Albanien und der Republik Mazedonien, sieht es mit der konjunkturellen Erholung etwas besser aus. Wir gehen für unsere Auslandsengagements im laufenden Jahr von keinen Verlusten aus, wenn sich keine schwerwiegenden Störungen in der Wirtschaftsentwicklung ergeben.

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Ist die Trennung von einem Teil der ausländischen Niederlassungen denkbar?

Rapanos: Nein, wir wollen für die guten Ertragschancen bei einer wirtschaftlichen Erholung gerüstet sein.

Sehen Sie auch Expansionsmöglichkeiten in anderen Ländern?

Rapanos: Derzeit ist bei den Banken eine Konsolidierungsphase angesagt.

Es gibt Spekulationen, die grossen Institute könnten zu einer Bank fusionieren. Jetzt bahnt sich eine Milliardenfusion an.

Rapanos: Die National Bank of Greece bietet rund 3 Milliarden Euro für den Konkurrenten Alpha. Der Offerte von letzter Woche zufolge würde NBG 71 Prozent des fusionierten Geldhauses kontrollieren. NBG bietet acht neue NBG-Aktien für elf Alpha-Anteilsscheine. Das entspricht einem Aufschlag von 18,5 Prozent auf den Schlusskurs vom letzten Donnerstag.

Ist eine Fusion unumgänglich, wenn die griechischen Staatsanleihen notleidend würden?

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Rapanos: Das wäre eine Katastrophe für unser Land. Damit würde Griechenland von den globalen Finanzmärkten isoliert. Die Troika - Internationaler Währungsfonds, Europäische Zentralbank und EU - hat einen Aufschub bei der Rückzahlung von fälligen Krediten in Aussicht gestellt. Damit ist ein solcher «worst case» derzeit ausgeschlossen.

Was stimmt Sie derart zuversichtlich?

Rapanos: Es bestehen gute Chancen, dass die Regierung mit ihren Restrukturierungsmassnahmen die Produktivität in naher Zukunft markant steigern kann. Dazu gehört etwa der Einbezug der Schattenwirtschaft in die offiziellen Zahlen, die Eindämmung der Steuerhinterziehung und eine stärkere Liberalisierung im Arbeitsmarkt. Es gab bisher keine Regierung, die in derart kurzer Zeit so viele Reformen realisierte.

Die NBG setzt bei den Kundenkontakten stark auf die physische Präsenz. Welche Rolle spielen neuere Absatzkanäle wie das Internet oder Mobiltelefon?

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Rapanos: Diese Geschäftsmöglichkeiten werden mit einem erheblichen Marketingaufwand vorangetrieben. Wir wollen uns damit vorab bei der jüngeren Generation noch besser profilieren. Die Investitionen in die Banken-IT bleiben hoch, sind aber durch die Sparmassnahmen ebenfalls tangiert.