Ein Candle-Light-Dinner bei Sonnenuntergang: Für das letzte gemeinsame Abendessen hat sich die Konzernleitung von OC Oerlikon noch einmal etwas Schönes gönnen wollen. Doch so richtig Stimmung wollte nicht aufkommen am vergangenen Mittwochabend im schicken Restaurant Marina am Zürichsee. Bedrückt sas- sen CEO Uwe Krüger, sein Finanzchef Jürg Fedier und die drei übrigen Konzernleitungsmitglieder beisammen - das Essen glich einer Henkersmahlzeit. Am Dienstag dann der Paukenschlag: Krüger muss nach desaströsem Semesterergebnis seinen Platz räumen, Sanierer Hans Ziegler - bereits seit Frühjahr 2008 Oerlikon-Verwaltungsrat - übernimmt als VR-Delegierter interimistisch das Zepter.

Dringend frisches Geld gesucht

Zieglers Sanierungsstil gilt als kompromisslos - das zeigte sich etwa beim Winterthurer Autohändler Erb. Jetzt soll der 57-jährige Schweizer, der Vizepräsident der Modekette Charles Vögele ist und als Verwaltungsrat der Industrieunternehmen Swisslog, Schlatter und Elma Electronics amtet, OC Oerlikon vor dem Abgrund retten. Pikant: Die Oerlikon-Grossaktionäre - Viktor Vekselbergs Beteiligungsfirma Renova und Ronny Peciks Victory - haben unternehmensnahen Kreisen zufolge bereits vor einem Jahr erstmals über Krügers Ablösung diskutiert.

In den vergangenen Wochen, so heisst es, habe sich Ziegler selber als Ersatz für Krüger ins Spiel gebracht - und stiess auf Zustimmung. «Victory nimmt die bekannt gewor-denen Veränderungen bei OC Oerlikon zur Kenntnis», sagt Ronny Pecik knapp. Finanzinvestor Victory hält rund 13% an Oerlikon. Der strategische Grossaktionär Renova, der 44,67% hält und VR-Präsident Vladimir Kuznetsov stellt, unterstützt «die Anstrengungen, die Eigenkapitalseite zu stärken und das Unternehmen zu rekapitalisieren.» Ob sich Victory an einer Kapitalspritze beteiligt, dazu schweigt Pecik. Eine Entscheidung fälle man zum gegebenen Zeitpunkt.Dieser Moment dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen: Oerlikon steht am Abgrund. Ab dem 2. Halbjahr will Ziegler weltweit 2500 Stellen abbauen und Standorte schliessen. Auch dürften weitere Firmenteile veräussert werden. In Frage kommen neu auch Teile des Kerngeschäfts (siehe «Nachgefragt»). So könnte das Beschichtungsgeschäft etwa Sulzer übernehmen (siehe auch rechts).

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Andernfalls greifen die Banken selber durch: Sie haben die Kreditkonditionen bereits massiv verschärft und sich Anteile wesentlicher Oerlikon-Töchter gesichert - als Pfand. Welche Firmen betroffen sind, sagt Oerlikon nicht. Es dürfte sich aber um das Textilmaschinen-, das Beschichtungs- und das Solargeschäft handeln.

Stabilisiert sich der Konzern in absehbarer Zeit nicht, werden die Banken durchgreifen - und Oerlikon zerschlagen.

 
NACHGEFRAGT
«Wir müssen die Bilanz von Oerlikon stärken»

Hans Ziegler übernimmt als VR-Delegierter interimistisch die Führung von OC Oerlikon.

Braucht OC Oerlikon in absehbarer Zeit eine Kapitalerhöhung?

Hans Ziegler: Es ist keine Frage, dass wir die Bilanz von Oerlikon stärken müssen. Dazu stehen uns zwei Wege offen: Einerseits der Verkauf von Unternehmensteilen; andererseits kapitalstärkende Massnahmen wie etwa eine Kapitalerhöhung. Bezüglich möglicher Unternehmensverkäufe haben wir die bisherige Einteilung von Kerngeschäft und Nicht-Kerngeschäft fallen gelassen. In den kommenden Wochen werden wir definieren, welche Möglichkeiten wir haben und welche Schritte wir gehen. Realistischerweise wird dies eine Kombination von beidem sein.

Machen alle Aktionäre mit?Ziegler: Egal, welchen Weg wir beschreiten: Ich persönlich und auch unser VR-Präsident Vladimir Kuznetsov sind allen Stakeholdern verpflichtet. Es wird keine Entscheidungen geben, die nur einem Shareholder zugutekommt. Das schliesse ich aus.

Wird Oerlikon zerschlagen?

Ziegler: Oerlikon bleibt als Konzern erhalten! Die Zerschlagung ist in keiner Weise eine Option. Unsere Massnahmen haben ja gerade zum Ziel, Oerlikon neu und gesund aufzusetzen und wieder auf Wachstumskurs zu gehen.

Wie wollen Sie Ihre weltweite Belegschaft nach jahrelangem Auf und Ab noch motivieren?

Ziegler: Ihre Frage suggeriert Tatsachen, die nicht zutreffen. Erstens gab es im Konzern kein jahrelanges Auf und Ab. Unsere Geschäftsfelder wie Textile, Solar, Coating oder Vakuum sind in den vergangenen Jahren fast ausnahmslos gewachsen und befinden sich jetzt rezessionsbedingt im Abschwung. Zweitens braucht unsere Belegschaft nicht extra motiviert zu werden. Wenn Sie unsere Standorte aufsuchen, werden Sie sehen, wie konzentriert dort gearbeitet wird. Und drittens darf ich behaupten, einiges an Restrukturierungserfahrung mitzubringen.

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Wann soll der neue CEO antreten?

Ziegler: Wir rechnen mit bis zu neun Monaten.