Muss man einen Absatzrückgang von einem Drittel als Katastrophe bezeichnen oder könnte man eher sagen: Wir sind noch einmal glimpflich davongekommen? Diese Abwägung muss jeder Hersteller für sich selber machen. Tatsache ist jedoch, dass wohl etliche Hersteller nicht ganz mit einem so starken Einbruch gerechnet haben. Einige gingen von 20-25% aus, andere von maximal 30%. In einigen Märkten allerdings - ganz speziell in Mittel- und Osteuropa - stürzten die Neuzulassungen um 60 bis 80% ab. Solche Einbrüche sind dann schon happig und zwingen die Nutzfahrzeugproduzenten zu teils harten Sparmassnahmen, die auch einen Stellenabbau beinhalten.

Hersteller, die sich schon am Anfang der Talfahrt auf tiefere Absatzvolumen eingestellt haben, sind besser über die Runden gekommen als solche, die nur mit einem eher geringen Verkaufsrückgang gerechnet haben. Betroffen vom Absatzrückgang waren im vergangenen Jahr sämtliche Hersteller von Lieferwagen und Lastwagen in Europa. Alle massgebenden Hersteller weisen Minuszahlen um die 35% aus. Ebenso waren alle Gewichtsklassen von der Flaute betroffen. Die drei Kategorien 2,8 t bis 6 t, 6,1 t bis 15,9 t und über 16 t Gesamtgewicht weisen Minuszahlen zwischen 35 und 45% auf.

Von den drei Full-Line-Herstellern in Europa - Mercedes-Benz, Volvo/Renault und Fiat-Group (Fiat Auto/Iveco) - mussten die Stuttgarter am wenigsten Federn lassen. Sie kamen mit einem Absatzvolumen von 133162 Fahrzeugen auf ein Minus von 30,7%, gefolgt von der Fiat-Group mit einem Minus von 33,2%. Dritter im Bunde ist Volvo/Renault, die 109221 Fahrzeuge in Europa absetzten, was einem Rückgang von 38,3% entspricht. Nimmt man jedoch die Gesamtzahl aller verkauften Fahrzeuge als Massstab, dann ist der Fiat-Konzern mit insgesamt 134 964 verkauften Fahrzeugen der Marken Fiat (Auto) und Iveco europaweit die Nummer eins. Der Abstand zu den Trucks mit dem Stern beträgt aber nur noch gerade 1800 Fahrzeuge.

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Schweiz als Ausnahme

Betrachtet man die Immatrikulationen neuer Lieferwagen und Lastwagen nach Ländern in Europa, so kann man deutliche Unterschiede feststellen. Insgesamt reduzierten sich die Neufahrzeugverkäufe ab 3,5 t Gesamtgewicht in Europa (EU 27 + Efta) um knapp 44% auf 240 875 Einheiten. Das kleinste Minus weist mit 10,8% die Schweiz aus. In al-len übrigen Ländern liegt das Minus über 20%, in einigen sogar über 50%. Geradezu dramatisch reduzierten sich die Immatrikulationen in den osteuropäischen Ländern. In den baltischen Staaten reduzierten sich die Neuverkäufe um über 80%.

Aber auch in einigen westeuropäischen Märkten wie Spanien (-52%), Italien (-45%), Grossbritannien (-41%) reduzierten sich die Neuverkäufe von Nutzfahrzeugen ab 3,5 t Gesamtgewicht um über 40%. Ganz ähnlich sieht es in der schweren Klasse ab 16 t Gesamtgewicht aus. Auch hier liegen die osteuropäischen Länder an der Spitze der Minuszahlen. Ebenso mussten die grossen westeuropäischen Märkte wie Italien (-51%) Grossbritannien (-45%), Deutschland (-41%) und Frankreich (- 41%) kräftig Federn lassen. Hier wirkte sich die Wirtschaftskrise besonders deutlich aus.

Die Erklärung dieser teilweise dramatischen Absatzrückgänge liegt auf der Hand. Stagniert die Wirtschaft, so reduziert sich das zu transportierende Gütervolumen ebenfalls. Dazu kommt, dass nicht wenige potenzielle Käufer von neuen Nutzfahrzeugen derzeit das notwendige Kapital für den Kauf nicht aufbringen können. Die Hersteller jedenfalls müssen sich auch in diesem Jahr und wohl auch im kommenden auf eher magere Zeiten einstellen, denn es darf auch nicht vergessen werden, dass in den vergangenen 18 Monaten ganze Flotten an modernen Fahrzeugen stillgelegt wurden. Zieht die Konjunktur an, werden erst einmal diese stillgelegten Fahrzeuge reaktiviert, bevor an den Kauf neuer Lastwagen gedacht werden kann. Ein nächster Absatzschub dürfte allerdings die Einführung der Euro-6-Norm sein, doch das dauert wohl noch einige Zeit