Schulzwang für 4-Jährige?» Kinder, die aus Angst vor dem schrecklichen Schulvogt heulen. Als diese Plakate im Kanton Luzern im Vorfeld der Abstimmung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos) auftauchten, war klar, dass das Ergebnis negativ ausfallen würde. «Das von den Gegnern provozierte Bild einer Einschulung, bei der vierjährige Kinder an Pulten sitzen müssen, hatte sich derart in den Köpfen festgesetzt, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht mehr bereit waren, sich mit den echten Problemen der Volksschule auseinanderzusetzen», sagt Werner Bründler, Direktor des Gewerbeverbands des Kantons Luzern (KGL).

Das Abstimmungsresultat von Ende September bestätigt dies: Das Projekt Harmos scheiterte mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 61%. Es war auch eine Niederlage für den KGL, dessen Gewerbekammer mit 60% der Stimmen die Annahme der Vorlage empfohlen hatte. Trotz der auch in ihren Kreisen weit verbreiteten Skepsis gegen das zweite Kindergartenjahr waren die Gewerbevertreter mit knapper Mehrheit den Argumenten ihres Direktors gefolgt. Dieser fragte sie, wie es denn möglich sei, dass Jugendliche nach neun Jahren Schule nicht über eine genügende Grundkompetenz für eine berufliche Grundbildung verfügten. Bründler: «Die Ursachen liegen zu einem wesentlichen Teil im Umfeld der Vor- und Primarschulstufe, wo es zu Fehlentwicklungen gekommen ist, die wir dringend korrigieren müssen.»

Alle Argumente zur Hand

Weil sein Ja zu Harmos knapp zustande gekommen war, musste sich der KGL aus Rücksicht auf die Befindlichkeit vor allem in den ländlichen Gewerbekreisen im Abstimmungskampf politisch zurückhalten. Dabei hätten das Gewerbe und die Wirtschaft sämtliche Argumente zur Hand, die für ein Ja zum Harmos-Konkordat (siehe Kasten) sprechen.

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So heisst es in einem Grundlagenpapier des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse unter anderem: «Aus Sicht der Wirtschaft geht es um weit mehr, als bloss um die Rekrutierung guter Arbeitskräfte. Soziale Probleme oder aber Chancenungleichheit verursachen Kosten, die von der Wirtschaft und der Gesellschaft ? aber auch vom Individuum selbst ? schliesslich zu tragen sind.» Neben der mangelnden Transparenz der Ausbildungsqualität kritisiert Economiesuisse am heutigen Schulsystem, dass die Strukturen zu wenig an die Erwerbstätigkeit angepasst seien.

Rudolf Stämpfli, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, betont: «Was in der ersten Etappe der Ausbildung gut oder schlecht läuft, wirkt sich entscheidend auf den weiteren Verlauf der Bildungs- und Ausbildungslaufbahn aus. Die Wirtschaft hat deshalb ein grosses Interesse an einem leistungsfähigen obligatorischen Schulsystem und ist auch bereit, dafür erhebliche staatliche Ressourcen einzusetzen.»

Für die Ökonomen der Credit Suisse zählt Harmos zu den «grundlegenden Aufgaben» der laufenden Legislatur, da ein wettbewerbsfähiges Bildungssystem «der entscheidende Katalysator für Wachstum ist». Ähnlich argumentiert der Bundesrat in seinen Stellungnahmen zur Wachstumspolitik.Da Schulpolitik Sache der Kantone ist, mischen sich die nationalen Wirtschaftsverbände auch nicht in die damit zusammenhängenden Abstimmungskämpfe ein. Konkret bedeutet das auch, dass keine Kampagnen finanziert werden. Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbands, zur «Handelszeitung»: «Wir werden jedoch wie bis anhin unsere klare Meinung äussern und in Stellungnahmen zeigen, dass die Harmonisierung der obligatorischen Schule für die Wirtschaft von enormer Bedeutung ist.»

Zurückhaltung irritiert

Die Zurückhaltung der Wirtschaft sorgt bei Bildungspolitikern für Ärger und Irritation. Laut «Sonntagszeitung» meint CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, eine rein verbale Unterstützung bringe nichts. Und SP-Generalsekretär Thomas Christen reagiert mit der Bemerkung, Harmos sei durchaus ein nationales Thema.

 

 

KOMMENTAR


Die Wirtschaft

muss jetzt

Flagge zeigen

Die Katze beisst sich in den Schwanz: Die Wirtschaft steht hinter dem Projekt zur Harmonisierung der Volksschule (Harmos), weil dieses mit einem der gravierendsten Mängel des schweizerischen Bildungswesens aufräumt ? der Schwerfälligkeit und Intransparenz, die sich als Folge von 26 unterschiedlichen kantonalen Schulsystemen zwangsläufig ergeben. Doch ausgerechnet der Kantönligeist, dem Harmos zumindest teilweise den Garaus machen will, hindert die nationalen Wirtschaftsverbände daran, sich mit voller Kraft in die kantonalen Auseinandersetzungen einzumischen und sich auch finanziell zu engagieren.

Für diese Zurückhaltung kann man durchaus Verständnis haben, nicht aus staatspolitischen Überlegungen, welche die Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Kantonen respektieren, sondern aus polit-psychologischen. Denn nicht selten entwickeln Bürgerinnen und Bürger in den Kantonen einen Abwehrreflex, wenn sie den Eindruck haben, ihnen werde etwas von aussen aufoktroyiert. Tritt da jemand ? gerade, wenn er aus Zürich kommt, dessen wirtschaftliche Dominanz nicht überall wohlwollend beobachtet wird ? zu fordernd auf, droht die Gefahr einer Abfuhr.

Trotzdem müssten sich Economiesuisse, Arbeitgeber- und Gewerbeverband noch stärker als bisher in die Harmos-Debatte einbringen. Es genügt meines Erachtens nicht, weiter nur Stellungnahmen abzugeben oder darauf hinzuweisen, dass Luzern wegen der Kindergartenfrage ein Ausnahmefall war. Denn in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Thurgau, Graubünden, Nidwalden und (vermutlich auch) Bern, wo bis Februar 2009 die nächsten Abstimmungen stattfinden, kämpfen die Gegner mit den gleichen emotionalen Killerargumenten wie in Luzern. Jetzt geht es um die Frage, ob das Schweizer Schulsystem wettbewerbsfähiger und damit zu einem Wachstumsfaktor wird. Jetzt muss die Wirtschaft Flagge zeigen. Im nächsten Frühjahr ist es zu spät, die Chance vorbei.