Vor rund einem halben Jahr hat SBB Cargo bekannt gegeben, dass sie ihren internationalen Verkehr in eine eigene Gesellschaft auslagern werde. Im Januar dieses Jahres hat nun SBB Cargo International ihren Betrieb aufgenommen. Das junge Unternehmen gehört zu 75 Prozentz SBB Cargo und zu 25 Prozent dem internationalen Kombi-Operateur Hupac; es will auf der europäischen Nord-Süd-Achse als Spezialistin für den Kombinierten Verkehr und für Ganzzüge Fuss fassen. Einzelwagen oder Wagengruppen werden keine transportiert. Mit dem Zusammenschluss können beide Partner ihre Stärken einbringen: Von Seiten SBB Cargo fliessen Traktionsressourcen und Bahn-Know-how ein, während der Kombiverkehrs-Operateur Hupac über eine europaweite logistische Marktpräsenz und eigene Terminals verfügt und auf diese Weise einen wichtigen Teil des Transportvolumens generieren kann.

Durch die Beschränkung auf die zwei Marktsegmente Kombinierter Verkehr und Ganzzüge soll ein schlankes Traktionsunternehmen heranwachsen, das nahe am Markt operieren, flexibel agieren und attraktive Preise anbieten kann. «Auf der Nord-Süd-Achse wird ein frischer Wind wehen», ist Michail Stahlhut, CEO von SBB Cargo International, überzeugt. Schlank, sagt er, bedeute Konzentration aufs Wesentliche, also auf die Traktion, sowie einen möglichst hohen Automatisierungsgrad. Vergleichbar sei dies mit der Autoindustrie, wo man die wiederkehrenden Prozesse auch automatisiere. Auf den Güterverkehr übertragen heisst das: Ein Taktfahrplan wie er vom Personenverkehr bekannt ist, sprich regelmässig verkehrende Züge. Dies verhindert Standzeiten der Lokomotiven, Wartezeiten beim Personal und äussert sich in einer gesteigerten Produktivität.

Hart umkämpfter Markt

Die Bündelung der Kräfte der beiden Schweizer Akteure im Güterverkehr und die Strategie von SBB Cargo International müssen als Antwort auf den heiss umkämpften Markt und den steigenden Druck auf der Nord-Süd-Achse verstanden werden. Das neue Unternehmen soll die Wettbewerbsfähigkeit der Bahntraktion nachhaltig steigern. «Wir wollen beweisen, dass wir innerhalb des SBB-Konzerns den internationalen Güterverkehr erfolgreich in die Zukunft führen können», formuliert Michail Stahlhut das ehrgeizige Ziel. Erfolgreich heisst in diesem Falle: Ganz vorne mit dabei sein dank verlässlicher Abläufe, hoher Pünktlichkeit und attraktiven Preisen.

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Für 2011 plant SBB Cargo International 30 000 Züge; das sind knapp 700 pro Woche. Sie werden auf den Strecken mit hohem Eisenbahnverkehrsaufkommen fahren, nämlich von Hamburg sowie den Nordhäfen Antwerpen und Rotterdam nach Basel, durch die Schweiz und weiter nach Novara und Turin oder nach Gallarate sowie Padua. Während in Deutschland und Italien eigenes Personal von SBB Cargo International zum Einsatz gelangt, werden die Verkehre im Transit durch die Schweiz vorderhand an SBB Cargo abgegeben. Sobald SBB Cargo International in der Schweiz die EVU-Lizenz erhält - dies sollte im Laufe dieses Jahres der Fall sein -, werden die Lokführer von SBB Cargo angemietet. Zu einem späteren Zeitpunkt möchte Michail Stahlhut auch mit eigenem Lokpersonal fahren.

Keine Billigarbeitskräfte

Wer von schlanken Strukturen und attraktiven Preisen spricht, setzt sich schnell dem Verdacht der Lohndrückerei aus. «Dieses Thema muss diskutiert werden. Wir sind dabei, in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern eine Lösung zu finden, welche gleichzeitig die Situation der Mitarbeiter in allen drei Ländern und die Forderung des Unternehmens nach Flexibilität der Arbeitnehmer berücksichtigt. Ausserdem müssen wir uns der Wechselkurs-problematik Franken/Euro stellen», sagt Stahlhut. Von Billigarbeitskräften will er grundsätzlich nichts wissen.

SBB Cargo International wird rund 600 Mitarbeitende in Deutschland, Italien und der Schweiz beschäftigen. Der Hauptsitz der Gesellschaft wird in Olten eingerichtet; ab Frühjahr werden in den neuen Geschäftsräumlichkeiten rund 100 Mitarbeitende tätig sein. Der Gesamtumsatz wird auf 300 Millionen Franken veranschlagt, wovon gut 70 Prozent die Operateure des Kombinierten Verkehrs beisteuern dürften.

Durch die Ausgliederung des internationalen Verkehrs in die neue Gesellschaft werden bei SBB Cargo AG in den nächsten zwei Jahren gut 150 Stellen abgebaut. SBB Cargo hat zugesagt, dass dies auf sozialverträgliche Weise und ohne Entlassungen geschehen werde. Das Mutterhaus wird sich in Zukunft auf den Binnenverkehr in der Schweiz und in Zusammenarbeit mit anderen Güterbahnen auf den Import- und Exportverkehr konzentrieren.

Der Start ist SBB Cargo International laut Stahlhut geglückt. Einerseits sorgten die grossen Containerströme aus den Nordhäfen Richtung Italien für ein güns-tiges Marktumfeld. Anderseits liessen sich immer mehr Kunden von der Strategie «schnell, schlank, potent» überzeugen, denn es sei nicht so, dass alle ehemaligen SBB-Cargo-Auslandkunden automatisch zu SBB Cargo International gewechselt hätten. Vielmehr müssten diese neu gewonnen werden. Für einen ersten Erfolg sorgte der niederländische Kombi-Carrier ERS Railways Mitte Januar. Er hat SBB Cargo International den Zuschlag für ein umfassendes Transportpaket zwischen Basel und Italien erteilt. Die heutigen Containertransporte werden um 270 auf insgesamt 1350 Züge pro Jahr erhöht. Dies wertet Stahlhut als Zeichen dafür, dass er mit dem fokussierten und auf die Bedürfnisse grosser Transporteure zugeschnittenen Angebot auf dem richtigen Weg ist. Das muss auch so sein, denn die neu gegründete SBB Cargo International will schon im Jahr 2013 mit Gewinn abschliessen.